18. August 2020 / 17:44 Uhr

Schwere Vorwürfe gegen Bundespolizei nach Pokal-Halbfinale von Babelsberg 03

Schwere Vorwürfe gegen Bundespolizei nach Pokal-Halbfinale von Babelsberg 03

Stephan Henke
Märkische Allgemeine Zeitung
Babelsbergs Daniel Frahn trifft zum 0:1.
Babelsbergs Daniel Frahn (rotes Trikot vorn) trifft zum 0:1 gegen Lübben. © Julius Frick
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AOK-Landespokal: Gewaltandrohungen und Schubsen Richtung Bahngleis - SVB-Kritik an Einsatz nach Landespokalspiel.

Fans des SV Babelsberg 03 und der Verein selbst erheben schwere Vorwürfe gegen die Bundespolizei. Wie aus einer Stellungnahme des Netzwerkes „nur03“ hervorgeht, die der Fußball-Regionalligist via Facebook auch verbreitete, soll es im Rahmen des Landespokal-Halbfinales in Lübben vor eineinhalb Wochen zu einem fragwürdigen Einsatz auf der Zugrückreise gekommen sein. Die Fans berichten von Schikane, verbalen Provokationen, Gewaltandrohungen und sogar Schubsen Richtung Gleis durch die Beamten. „Ein Vorstandsmitglied unseres Vereins war mit im Zug. Er konnte die Darstellungen der Fans 1:1 bestätigen“, sagt SVB-Präsident Archibald Horlitz.

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Nach der Partie, die die Filmstädter 4:1 gewonnen hatten, fuhren rund 200 Gästefans mit dem Zug aus Lübben zurück, wie ein Sprecher der Bundespolizei auf SPORTBUZZER-Anfrage mitteilte. Die Bundespolizei ist zuständig für die Absicherung des Fanreiseverkehrs auf Bahnanlagen und in den Zügen. Unter den Einsatzkräften befand sich auch eine sogenannte Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE). Diese wurde beim Umsteigen am Bahnhof Berlin-Friedrichstraße tätig. „Dabei wurden Fans bewusst in Richtung der Bahnsteigkante geschubst und so ein Herabfallen ins Gleisbett riskiert“, schreibt „nur03“. Die Polizei habe den Druck auch nicht verringert, als auf den einfahrenden Zug hingewiesen worden sei. Nachfragen zu den Maßnahmen seien von den Beamten mit Sprüchen wie „Haltet das Maul!“, „Ihr kriegt gleich auf die Schnauze!“ oder „Jetzt heult hier mal nicht so rum!“ quittiert worden. Die Weiterfahrt mit dem Zug wurde den Fußballanhängern zunächst untersagt. Begründet wurde das mit der Ermittlung nach einer Person, die unter den Fans vermutet wurde.

In Bildern: Der SV Babelsberg 03 gewinnt mit 4:1 gegen Grün-Weiß Lübben.

Babelsbergs Daniel Frahn trifft zum 0:1. Zur Galerie
Babelsbergs Daniel Frahn trifft zum 0:1. © Julius Frick

Die Bundespolizei teilte mit, dass die Maßnahmen aufgrund eines Mitfahndungsersuchen der Polizei Brandenburg erfolgt sei. Es sei ein „marginaler Sachverhalt“ gewesen, erklärte eine Sprecherin der Brandenburger Polizeidirektion Süd. Der Verein Grün-Weiß Lübben habe nach der Partie festgestellt, dass ein Absperrzaun im Babelsberger Fanblock beschädigt worden war. „Daraufhin haben wir die Bundespolizei gebeten, Personalien von möglichen Verdächtigen festzustellen“, sagte die Sprecherin. Die Ermittlungen würden noch laufen. Die erkennungsdienstlichen Maßnahmen am Bahnhof blieben laut „nur03“ ohne Ergebnis, eine zunächst verdächtigte Person sei nach Sichtung von Fotos ausgeschlossen worden.


Die BFE begleitete die Babelsberger Fans bei der anschließenden Weiterreise und soll an allen weiteren Haltestellen bis Potsdam Hauptbahnhof die Notentriegelungen der Türen bedient haben, sodass die Fortsetzung der Fahrt unterbunden wurde, wie die Fans schildern. Der Zugführer und der Schaffner sollen die Polizisten mehrmals darum gebeten haben, dies zu unterlassen. Die Bundespolizei spricht von „erforderlichen polizeilichen Maßnahmen“. Am Hauptbahnhof in Potsdam erfolgte dann für die Fans beim zwangsweisen Laufen durch ein Polizeispalier eine erneute Sichtkontrolle. Bitten der Anhänger, dass die Beamten einen Mund-Nase-Schutz tragen sollen, seien diese nicht nachgekommen. Der Bundespolizei-Sprecher erklärte, dass von der Masken-Trageverpflichtung nur abgewichen werden dürfe, „wenn dies aus einsatztaktischen Gründen geboten ist“.

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Die polizeilichen Maßnahmen beeinflussten den Zugverkehr an dem Sonntagabend. Wie ein Sprecher der Deutschen Bahn mitteilte, sei es zu rund 50 Minuten Verspätung gekommen. Weitere Einzelheiten zu dem Vorfall könne er nicht nennen – unbeantwortet blieb somit die Frage, inwiefern es der Polizei erlaubt ist, selbst in die Zugtechnik einzugreifen.

SVB-Präsident Horlitz betont, dass zwischen seinem Verein und besonders der Landespolizei zuletzt eine gute Zusammenarbeit stattgefunden habe, auch im Lübbener Stadion. Insofern kritisiert er das anschließende Vorgehen der BFE als „völlig unverhältnismäßig“. Die Bundespolizei entgegnet in Bezug auf die Vorwürfe, dass derzeit keine entsprechenden Anzeigen oder Beschwerden von möglichen Betroffenen zu diesem Einsatz vorliegen würden.

Die ohnehin angespannte Stimmung zwischen Babelsbergs Anhängern und der Polizei wurde nun ausgerechnet vor dem Brandenburger Landespokalfinale befeuert. Am Samstag trifft der SVB im Endspiel auf Ligakontrahent Union Fürstenwalde (14.45 Uhr/ARD-Konferenz und RBB-Livestream). Das Match steigt in Luckenwalde. Viele Nulldrei-Fans fahren mit schlechten Erinnerungen dorthin. Nicht wenige sprechen gar von traumatischen Erinnerungen. 2016, als Babelsberg letztmalig den Landescup gewann, kam es im Luckenwalder Werner-Seelenbinder-Stadion zu einem heftig umstrittenen Polizeieinsatz gegen SVB-Anhänger. Durch Pfefferspray und Schlagstöcke wurden Zuschauer verletzt – die Polizei sprach davon, dass ein unerlaubter Platzsturm nach Spielende verhindert werden sollte. Bis heute kritisiert die Babelsberger Fanszene eine unzureichende Aufarbeitung des Einsatzes, nennt es „Die Schande von Luckenwalde“.