20. März 2020 / 13:21 Uhr

Sebastian Pelzers amerikanischer Traum

Sebastian Pelzers amerikanischer Traum

Heiko Oldörp
Ostsee-Zeitung
Sebastian Pelzer, Technischer Direktor von Chicago Fire, im Gillette Stadium in Foxborough.
Sebastian Pelzer, Technischer Direktor von Chicago Fire, im Gillette Stadium in Foxborough. © Heiko Oldörp
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Aus MV in die Major League Soccer: Besuch beim ehemaligen Kapitän von Hansa Rostock - heute Technischer Direktor von Chicago Fire.

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Boston/Chicago. Ein Sonnabendnachmittag im Gillette Stadium von Foxborough. Die Spieler von Chicago Fire sind nach dem 1:1 im Punktspiel der Major League Soccer bei Gastgeber New England Revolution auf dem Weg Richtung Umkleide. Links vor der Doppeltür zur Kabine stehen zwei Männer mit Brille und in Winterjacken. Sie fallen kaum auf – dennoch gehen weder Trainer Raphael Wicky (42) noch irgendein Profi ohne ein High Five oder eine kurze Umarmung an ihnen vorbei. Es sind Sportdirektor Georg Heitz (50) und Sebastian Pelzer (39).

Heitz als Mentor von Pelzer

Der ehemalige Kapitän des FC Hansa Rostock ist seit wenigen Wochen Technischer Direktor bei Chicago Fire. Mit Heitz hatte er bereits in den vergangenen Jahren zusammen in dessen Schweizer Beratungsfirma HWH zusammengearbeitet. „Georg kann man als meinen Mentor beschreiben. Er gibt mir viel Freiraum und sehr viel Verantwortung”, sagt Pelzer, der sich als „rechte Hand des Sportdirektors“ sieht.

Während Pelzer in Chicago erstmals in einer Führungsfunktion bei einem Fußballverein arbeitet, hat sich Heitz als Sportchef des FC Basel bereits einen großen Namen gemacht. Unter seiner Führung gewann der Schweizer Top-Klub zwischen 2009 und 2017 acht Mal die Meisterschaft. Viel wichtiger waren jedoch die Transfers, mit denen er Millionen generierte. So wechselte Liverpools Superstar Mohamed Salah 2014 von Basel zum FC Chelsea. 2012 unterschrieben Xherdan Shaqiri (Liverpool) bei Bayern München und Granit Xhaka (Arsenal) in Mönchengladbach. Und Ivan Rakitic (FC Barcelona) verließ Basel 2007 in Richtung Schalke 04.

Nach Schweinsteiger-Ära: Es gibt viel zu tun

Bei Chicago Fire hoffen sie nun, dass Heitz sein glückliches Händchen auch bei den US-Amerikanern hat. Der 50-Jährige gilt als Architekt – Pelzer darf kräftig mitplanen. Und es gibt reichlich zu tun. Der Verein befindet sich im Umbruch. Die Ära Bastian Schweinsteiger ist seit Herbst vorbei – und mit ihr auch die Zeit der Heimspiele in einem tristen Gewerbegebiet irgendwo an der südwestlichen Peripherie, von wo aus Chicago nur noch zu erahnen war.

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Mit Milliardär Joe Mansueto gibt es einen neuen Eigentümer – und mit dem 61 500 Zuschauer fassenden Soldier Field die Rückkehr an die alte Wirkungsstätte direkt in Downtown. Die riesige Football-Arena zu füllen, ist die Aufgabe für Neu-Trainer Wicky. Pelzers Auftrag lautet, dem ehemaligen Werder Bremen- und HSV-Profi eine wettkampftaugliche Mannschaft zusammenzustellen. Beide hatten sich kurz nach Weihnachten in der Schweiz kennengelernt. Bis dahin, so der Trainer, habe er „nicht viel von Pelle gewusst“. Doch die erste Zusammenkunft sei „sehr angenehm“ gewesen, sagt Wicky. „Du merkst sofort, dass er das Spiel versteht und halt auch sehr viele Spieler kennt.“

Vielfältiges Arbeitsfeld

Pelzers Arbeitsfeld ist vielfältig: Transfers vorbereiten, Scouting organisieren, Mitwirken in der Vertrags- und Budgetgestaltung. Demnächst kommt noch die Neugründung einer Akademie hinzu. „Der Verein ist sehr ambitioniert, hat uns eine grüne Wiese bereitgestellt. Wir sollen hier etwas aufbauen, haben alle Freiheiten und extrem große Möglichkeiten“, betont Pelzer.

Obwohl der 39-Jährige erst seit wenigen Wochen im Amt ist, attestiert ihm Kenneth Kronholm bereits, „die Sache gut“ zumachen. Der Torwart ist ebenfalls Ex-Rostocker, kam in der Winterpause 2007/08 zum damaligen Bundesligisten, war aber hinter Stefan Wächter und Jörg Hahnel nur die Nummer drei.

Feste Gehaltsobergrenze in MLS

Kronholm hebt Pelzers „sehr, sehr schwierige Arbeit“ hervor. Denn die MLS sei doch etwas anders als der typische europäische Fußball. So gibt es beispielsweise eine feste Gehaltsobergrenze. In dieser Saison liegt der so genannte Salary Cap bei 4,9 Millionen Dollar. Es kommt also nicht darauf an, wie viel Geld Pelzer ausgibt, sondern wie.

Und aktuell kommt noch ein ganz anderes Problem dazu: Wegen der Corona-Krise hat auch die MLS ihren Spielbetrieb zunächst bis Mitte April ausgesetzt.

Sebastian Pelzer: Blick geht auch zu Hansa Rostock

Das Geschehen bei Hansa Rostock verfolgt Pelzer natürlich noch. „Ich hoffe, sie bekommen jetzt Konstanz in die Leistungen“, sagt der 39-Jährige mit Blick auf das 3:0 gegen Braunschweig, dessen Highlights er im Internet gesehen hat. Es war das vorerst letzte Spiel bis zur Zwangspause Ende April.

Diese Ex-Hansa-Profis sind im Trainergeschäft tätig

Leonhard Haas: Stand 2012-2014 bei Hansa unter Vertrag. Seit 2019 Trainer bei Wacker Burghausen. Zur Galerie
Leonhard Haas: Stand 2012-2014 bei Hansa unter Vertrag. Seit 2019 Trainer bei Wacker Burghausen. ©

Fünf Jahre hat Sebastian Pelzer für Hansa gespielt, wo er 2015 seine Karriere beendete. Anschließend hätte er gerne in Rostock eine ähnliche Funktion übernommen wie jetzt in Chicago, sagt Pelzer. Dass daraus nichts wurde, nun ja.Trotzdem habe er bei Hansa noch „sehr viele Freunde, mit denen ich Kontakt halte“. Seine Familie wohnt in Kritzmow vor den Toren der Hansestadt und zwei seiner drei Söhne spielen beim FC Hansa.

Sieben Zeitzonen Unterschied

Rund 7000 Kilometer sind es von Chicago nach Rostock. Sieben Zeitzonen. Wenn Pelzer morgens sein Büro betritt, ist für seine Kinder die Schule bereits vorbei. Wenn er Mittag isst, steht in Kritzmow das Abendessen auf dem Tisch. Über mögliche Umzugspläne will er nicht sprechen, sondern sich voll auf seine Arbeit bei Fire fokussieren. Denn obwohl es in der MLS keinen Abstieg gibt, verliert natürlich niemand gerne. „Was in den nächsten Wochen und Monaten passiert, muss man jetzt aber abwarten“, so Pelzer.

In Chicago wohnt er in einem Apartment. Mit dem Lake Michigan gibt es einen riesigen See,der einem Meer gleichkommt. Aber kann der die Ostsee ersetzen? Das, so Pelzer, werde er im Sommer sehen. „Aber ich hab’ schon viel Gutes gehört.“

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