28. Mai 2020 / 17:40 Uhr

Kommentar zur Polter-Suspendierung bei Union Berlin: Sägen am eigenen Denkmal

Kommentar zur Polter-Suspendierung bei Union Berlin: Sägen am eigenen Denkmal

Stephan Henke
Märkische Allgemeine Zeitung
Stürmer Sebastian Polter ist bei Union Berlin suspendiert worden - SPORTBUZZER-Redakteur Stephan Henke kommentiert.
Stürmer Sebastian Polter ist bei Union Berlin suspendiert worden - SPORTBUZZER-Redakteur Stephan Henke kommentiert. © imago images / Matthias Koch
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Publikumsliebling und Derbyheld: Sebastian Polter hat bei Union Berlin Spuren hinterlassen wie nur wenige Spieler vor ihm. Doch das Kapitel geht nun auf eine sehr unrühmliche Weise zu Ende - und könnte viel Unruhe im Kampf um den Klassenerhalt bringen, meint SPORTBUZZER-Redakteur Stephan Henke.

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Einen großen Abschied hätte Sebastian Polter gerne gehabt, doch der wird ihm nun gleich doppelt verwehrt bleiben: Zum einen finden die aktuellen Bundesliga-Spiele bekanntermaßen ohne Zuschauer statt, die Union Berlins Publikumsliebling feiern könnten. Zum anderen wird der 29-Jährige sowieso kein weiteres Spiel mehr für die Eisernen machen, wie der Verein am Donnerstag mitteilte. "Unsolidarisches Verhalten" wirft ihm sein Arbeitgeber vor und hat ihn deshalb suspendiert, gerüchteweise soll der Angreifer nicht zu einem Gehaltsverzicht bereit gewesen sein.

Kultstatus bei den Union-Fans

Dass so etwas - sollte es stimmen - beim Arbeiterverein, der sein "Anderssein" kultiviert hat, nicht gut ankommt, dürfte klar sein. "Das ist für uns nicht nachvollziehbar und sehr enttäuschend“, sagte Union-Präsident Dirk Zingler in der Vereinsmitteilung. Polter hat sich damit leider keinen Gefallen getan. Er hat bei den Fans der Eisernen einen Kultstatus wie nur wenige Spieler vor ihm. Vor ziemlich genau einem Jahr stieg Union Berlin in der Relegation erstmals in die Bundesliga auf, Polter trug neun Saisontore bei. Schon jetzt legendär sind die Bilder, wie Polter am Tag danach oberkörperfrei auf dem Rathausbalkon nicht nur ein Bier vernichtete.

In Bildern: Die Marktwerte vom 1. FC Union Berlin (Stand: 11. März 2020). Quelle: transfermarkt.de.

Das sind die neuen Marktwerte von Union Berlin Zur Galerie
Das sind die neuen Marktwerte von Union Berlin © Matthias Kern/Bongarts/Getty Images

Kein halbes Jahr später avancierte er zum Derby-Helden, als er den 1:0-Siegtreffer gegen Hertha BSC im ersten Bundesliga-Derby der beiden Stadtrivalen erzielte. Und gemeinsam mit Torsten Mattuschka - einer weiteren Vereinsikone der Berliner - ist er der Rekordtorschütze der Zweitligazeit der Berliner (42 Tore). Diese Erfolge kann ihm natürlich keiner mehr nehmen, aber sie bekommen durch dieses unwürdige Aus einen faden Beigeschmack.

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Schon im Februar hatte er die Verantwortlichen von Union mit seinem Frust-Interview irritiert, schon da litt das Image Polters, der sein Herz auf der Zunge trägt. Dass er nun offenbar nicht zu einem Gehaltsverzicht bereit war - wie es bei den allermeisten Spielern in der Bundesliga schon üblich war - schlägt aber noch einmal mehr ins Kontor. Das ist äußerst schade, weil Polter damit am eigenen Denkmal sägt, das er sich mühevoll aufgebaut hat.

Unruhe im Abstiegskampf?

Und im schlimmsten Fall bringt die Suspendierung auch noch unnötige Unruhe in Verein und Mannschaft. Denn nach der Corona-Pause kamen die Berliner nur schlecht aus den Startlöchern, am Mittwochabend gab es beim 1:1 gegen Mainz den ersten Punkt im dritten Spiel. Der fast schon sicher geglaubte Klassenerhalt ist plötzlich gar nicht mehr so sicher, Union hat nur noch vier Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz. Da sind Nebenkriegsschauplätze das letzte, was man gebrauchen kann.