18. Juli 2020 / 10:30 Uhr

Keine Nestwärme, kein Dreamteam: Warum Formel-1-Star Sebastian Vettel bei Ferrari scheiterte

Keine Nestwärme, kein Dreamteam: Warum Formel-1-Star Sebastian Vettel bei Ferrari scheiterte

Karin Sturm
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Sebastian Vettel wird Ferrari am Saisonende als Gescheiterter verlassen - das hat Gründe.
Sebastian Vettel wird Ferrari am Saisonende als Gescheiterter verlassen - das hat Gründe. © Klamar/AFP/FIA Pool/Hoch Zwei/xpbimages/Imago Images/Montage
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Sebastian Vettel steht in der Formel 1 vor einem frustrierenden Abschied von Ferrari. SPORTBUZZER-Reporterin Karin Sturm analysiert die Gründe für das Scheitern des viermaligen Weltmeisters bei der Scuderia.

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Er wollte seinem großen Vorbild Michael Schumacher nacheifern und mit Ferrari Weltmeister werden – jetzt steht Sebastian Vettel nach fast sechs Jahren in Italien vor einem Scherbenhaufen. Weil sich die gemeinsamen Träume nicht verwirklichen ließen. Vor allem deshalb, weil er ein ähnliches Umfeld wie jenes, das für Schumacher bei Ferrari zum Erfolgsgaranten wurde, nie bekam. Teamchef Jean Todt, Technikchef Ross Brawn und Aerodynamikgenie Rory Byrne – das war Schumis Dreamteam. Ein Vettel-Dreamteam gab es nie.

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Das zu merken, die Konsequenzen zu spüren, sorgte bei dem viermaligen Weltmeister schon seit zwei Jahren für zunehmende Frustration und einen steigenden Vertrauensverlust – und für den einen oder anderen Fehler. Denn auch wenn er es selbst öffentlich nicht zugeben kann: Vettel braucht ein positives Umfeld, Nestwärme, um seine optimale Leistung abrufen zu können. Was zum Beispiel Red-Bull-Motorsportkoordinator Helmut Marko, einer seiner besten Freunde im Fahrerlager, immer wieder bestätigt.

Charles Leclerc ist die neue Lichtgestalt bei Ferrari

Die Hinwendung der Scuderia zu Charles Leclerc als angeblich neuer Lichtgestalt seit Mitte vergangenen Jahres war der letzte Schritt, um ihm klarzumachen, dass das Unternehmen Ferrari für ihn gescheitert war. Und auch wenn es Vettel offensichtlich ärgert, dass Ferrari ihm jetzt im Mai keinen neuen Vertrag mehr anbot und ihn telefonisch vor die Tür setzte – Wetten darauf, dass er ein neues Angebot überhaupt angenommen hätte, hätte aus seinem Umfeld kaum jemand abgeschlossen. Der unschöne Abschied sorgte nur für noch mehr Frust, der die verbleibenden Monate bis zum Saisonende noch komplizierter macht.

Sodass die Frage aufkam, ob er nicht den Bettel hinwerfen werde. Vettel, der im verregneten zweiten freien Training für den Grand Prix auf dem Hungaroring am Sonntag (15.10 Uhr, RTL und Sky) überraschend die schnellste Runde drehte, streitet ab: “Ich laufe nicht davon! Mein Ziel ist es mitzuhelfen, das Team aus dem momentanen Tief wieder herauszubringen“, gibt er sich kämpferisch – die Körpersprache bestätigt das allerdings nicht immer. Und jeder neue Tiefschlag, etwa die Erkenntnis, wirklich intern benachteiligt zu werden, würde ein “Einfach weiter so!“ noch schwieriger machen.

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Sebastian Vettel und seine Saison 2019: Er wollte Weltmeister werden und erlebte ein Jahr zum Vergessen. Der SPORTBUZZER zeichnet das Vettel-Jahr in Bildern nach. ©

Vettels Kopf dreht sich um die Fragen nach der Zukunft

Vor allem, weil sich derzeit in Vettels Kopf vor allem die Fragen nach der Zukunft drehen. Eigentlich möchte er ja – gerade unter solchen Umständen – noch nicht wirklich aufhören. Andererseits betont er immer wieder, dass es zum Weitermachen auch “passen muss”. Das Umfeld muss stimmen, aber das Auto sollte schon auch siegfähig sein: “Ich habe schon so viele Erfolge gehabt, ich will auch weiter Erfolg haben, Rennen gewinnen.“

Deswegen sagte er im Mai seinem alten Kumpel aus BMW-Zeiten, Andreas Seidl, und McLaren ab. Weil er da noch von Mercedes träumte, davon ausging, dass ihn Toto Wolff schon irgendwie zu dem Weltmeisterteam holen würde. Als er einsehen musste, dass das nichts werden würde, orientierte er sich Richtung Red Bull. Dort ist zwar die Tür vielleicht nicht so hundertprozentig zu, wie es nach außen kommuniziert wird. Aber darauf zu hoffen, dass sich dort wirklich noch etwas bewegt, ist ein hohes Risiko. Trotzdem pokern – in der Hoffnung, zu den alten Freunden rund um Marko zurückkehren zu können? Um dann am Ende vielleicht mit leeren Händen dazustehen, zum Rücktritt gezwungen?

Angebot von Racing Point für Aston-Martin-Cockpit

Oder doch das Angebot von Aston Martin, wie Racing Point 2021 heißen wird, annehmen? Wenn er wollte, könnte er dort wohl sofort unterschreiben. Aber will er? “Ich habe mich noch nicht entschieden, ich lasse mich auch nicht unter Druck setzen. Alles ist weiterhin möglich. Weitermachen, ein Jahr Pause, aufhören“, sagt er. Wie gut wird das Auto wirklich sein? Was kommt bei dem Protest gegen Racing Point heraus, kann das Team weiter problemlos erfolgreich Mercedes kopieren? Wie wohl würde er sich wirklich im Umfeld der Geschäftsleute Lawrence Stroll und Toto Wolff fühlen? Könnte er dort wieder seine Topleistung bringen? All diese Fragen muss sich Vettel stellen. Und dann eine Entscheidung treffen. Die Feststellung, dass es die “auf die Schnelle mit Sicherheit nicht geben wird”, zeigt schon, wie schwierig die Situation im Moment für ihn ist.