02. Januar 2021 / 08:00 Uhr

Formel-1-Star Sebastian Vettel über seinen Ferrari-Abschied, Aston Martin und Michael Schumacher

Formel-1-Star Sebastian Vettel über seinen Ferrari-Abschied, Aston Martin und Michael Schumacher

Karin Sturm und Bianca Garloff
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Ex-Ferrari-Pilot Sebastian Vettel fährt ab der Saison 2021 für das Aston-Martin-Werksteam. Mit nunmehr 33 Jahren macht sich der Hesse vermehrt auch über Themen abseits der Rennstrecke Gedanken.
Ex-Ferrari-Pilot Sebastian Vettel fährt ab der Saison 2021 für das Aston-Martin-Werksteam. Mit nunmehr 33 Jahren macht sich der Hesse vermehrt auch über Themen abseits der Rennstrecke Gedanken. © Imago Images/Poolfoto Motorsport/Colombo Images/FIA Pool via Hochzwei (Montage)
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Das Kapitel Ferrari ist abgeschlossen für Sebastian Vettel. Nach sechs Jahren zieht es den vierfachen Formel-1-Weltmeister zum neuen Aston-Martin-Rennstall. Im SPORTBUZZER-Interview spricht Vettel zudem über Themen abseits der Rennstrecke und sein Idol Michael Schumacher.

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Herr Vettel, als Sie zu Ferrari wechselten, waren Sie heiß darauf, in die Fußstapfen Michael Schumachers zu treten. Wie ernüchternd ist die Erkenntnis, das nicht geschafft zu haben?

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Sebastian Vettel (33): Natürlich ist man erst mal enttäuscht, weil man das Ziel, das man sich selbst gesteckt hat, nicht erreichen konnte. Aber man hat am Ende nur zwei Möglichkeiten, damit umzugehen: entweder man zerbricht daran oder man kommt stärker zurück. Die erste Option kommt für mich nicht infrage. Ich schaue immer nach vorne und glaube fest daran, dass es irgendwie immer weitergeht.

2020 war ein schwieriges Jahr, sportlich durch Ihre Situation bei Ferrari, dazu kam die Corona-Pandemie. Was hat das in Ihnen ausgelöst?

Sicher hat das, was in diesem Jahr passiert ist, bei fast allen von uns dazu geführt, noch etwas mehr als sonst zu reflektieren. Aber die Grundtendenz dazu, mich auch mit anderen Themen als der Formel 1 zu beschäftigen, war schon immer da. Und es gibt jetzt einfach Themen, bei denen man sich nicht mehr zurückhalten darf. Man muss immer einen Spagat schaffen zwischen der reinen Konzentration auf den Sport und dem Wahrnehmen anderer wichtiger Themen.

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Was berührt Sie am meisten?

Es gibt viele große Themen, denen man sich als Weltbürger nicht entziehen kann. Denn wir sind ja alle davon betroffen. Umweltschutz und Klimawandel zum Beispiel. Auch bei allem rund um die Bewegung Black Lives Matter und Inklusion im Allgemeinen sollte es, nach all den Erfahrungen und Fehlern der Vergangenheit, heute eigentlich keine Ausreden mehr dafür geben, weiter an Ausgrenzung festzuhalten. Wir wissen, wie man es besser machen kann, und jeder kann im Kleinen oder Größeren dazu beitragen. Veränderung fängt im Kopf an!

Ihr Helm in der Türkei war mit dem Regenbogen ein Symbol dafür.

Stimmt. Als Person in der Öffentlichkeit hat man die Möglichkeit, Signale zu senden, und das nicht nur einmal. Aber noch wichtiger ist, wie man sich verhält, mit Leuten umgeht, wenn keine Kameras dabei sind, welches Beispiel man lebt.

Die Königsklasse will mit immer mehr Biosprit fahren. Wie stehen Sie dazu?

Biosprit ist sinnvoll und anzustreben. Dadurch, dass die Formel 1 so viel Strahlkraft hat und als Synonym fürs Automobil steht, sollte sie mehr tun, als sie momentan unternimmt, um da Vorreiter zu sein. Es stimmt zwar: Es gibt keinen Motor, der effizienter ist als unser Formel-1-Hybrid. Trotzdem ist es für die Zukunft erstrebenswert, dass man das mehr zeigt und kommuniziert, aber auch versucht, richtige neue Dinge anzupacken. Und teilweise sind einige Teile in der Formel 1 sehr wenig serienrelevant. Das sollte sich ändern.

Wenn Sie auf Ihre Ferrari-Zeit zurückblicken: Was nehmen Sie mit?

Was in erster Linie bleibt, sind die Beziehungen zu den Menschen. Das steht immer im Vordergrund, egal, was man im Leben macht. Diese Erfahrungen haben mich geprägt. Natürlich ist der ganz große Erfolg ausgeblieben, es gab Höhen und Tiefen. Aber beide gehören zusammen. Es gibt keine Höhen ohne Tiefen und keine Tiefen ohne Höhen. Gründe für das eine oder das andere gibt es genug, aber ich würde nicht sagen, dass ich irgendetwas aus dieser Zeit bereue. Im Gegenteil: Ich denke, dass ich viel gelernt habe. Nicht nur für das nächste Projekt, auch für das Leben insgesamt. Den Umgang mit Menschen vor allem. Es ist ja nicht nur auf, sondern auch neben der Strecke sehr viel passiert. Ich bin nicht mehr in den Zwanzigern, sondern in den Dreißigern, und die letzten fünf, sechs Jahre haben mich sehr geprägt.

Sie mussten Kritik einstecken. Hat das Ihr Selbstvertrauen geschmälert?

Wenn man selbstkritisch ist, hat man immer Zweifel. Aber ich habe das Fahren nicht verlernt, sondern analysiere eher, woran es liegt, dass ich meine Fähigkeiten nicht zu hundert Prozent abrufen konnte. Natürlich steht man sich manchmal selbst im Weg. Es gibt sicher auch Dinge, die ich falsch gemacht habe. Manchmal der Zugang, manchmal die Art und Weise, wie man mit den Leuten spricht, manchmal die Dinge, die man als Priorität ansieht. So frustrierend das im Moment sein mag, gehört das meiner Meinung nach alles zum Leben dazu.

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2021 starten Sie für Aston Martin. Warum vertrauen Sie darauf, dass dieses Projekt ein Erfolg wird?

Das ist weniger eine Sache des Vertrauens, eher eine Sache der Neugier und der Freude auf das Neue. Die Zielsetzung ist eine ganz andere, nämlich das Team nach vorne zu bringen. Ich baue da auf meine Erfahrung und auf das, was ich hinter dem Lenkrad leisten kann. Vor allem, weil ich heute an einem anderen Punkt bin. An einem besseren Punkt, mit mehr Erfahrung, mit einer klareren Sicht als zum Beispiel zu meiner Zeit bei Red Bull. Ich erwarte für die Zukunft aber keine Garantien auf Erfolg, sondern viel harte Arbeit. Wir müssen die Aufbruchstimmung im Team nutzen, gleichzeitig Schritt für Schritt versuchen, dem Erfolg näher zu kommen. Realistisch gesehen bleibt Mercedes auch 2021 der große Favorit.

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Die Basis schuf auch Michael Schumacher. Zuletzt sagten Sie, dass er trotz Hamiltons Rekordjagd für Sie der Größte bleibt. Warum?

Weil er mit dem roten Auto schneller fahren konnte als alle anderen und in jedem Rennen das Maximum abrufen konnte. Er konnte immer noch Extraleistung abrufen, wie ich das bei keinem anderen gesehen habe. Und das über viele Jahre. Sportlich steht das für extreme Zuverlässigkeit. Das hat er auch als Mensch bestätigt. Er hat immer zu dem gestanden, was er gesagt hat. Dass jetzt sein Sohn Mick in der Formel 1 fährt, freut mich sehr. Ich werde versuchen, ihm einiges von dem zurückzugeben, was Michael mir gegeben hat.