28. Januar 2021 / 16:42 Uhr

Segler Boris Herrmann nach Vendée-Globe-Tortur: "Eine unglaubliche Erfahrung"

Segler Boris Herrmann nach Vendée-Globe-Tortur: "Eine unglaubliche Erfahrung"

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Boris Herrmann hat die Vendée Globe auf dem vierten Platz beendet.
Boris Herrmann hat die Vendée Globe auf dem vierten Platz beendet. © imago/PanoramiC/Montage
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Er ist wieder an Land: Boris Herrmann ist bei der Vendée Globe unter die Top Fünf gesegelt. Eine Kollision mit einem Trawler macht seine Siegchancen zunichte. Dennoch ist Herrmann ein Gewinner - und ein Gewinn für den deutschen Segelsport.  

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Nach 80 Tagen auf den Weltmeeren ging Boris Herrmann im Hafen von Les Sables-d'Olonne von seiner stark beschädigten Jacht "Seaexplorer - Yacht Club de Monaco". Endlich konnte der 39-Jährige am Donnerstag seine Frau Birte Lorenzen-Herrmann, seine sieben Monate alte Tochter Malou und Familienhund Lilli erleichtert und erschöpft in die Arme schließen.

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Spätestens in diesem Moment hatte der Hamburger all die Strapazen der Vendée Globe und den Schock über die Kollision mit einem Fischtrawler kurz vor dem Ziel nach über 28 000 Seemeilen vergessen. „Man muss 80 Tage auf die Zielankunft warten und darauf, dass all diese schönen Emotionen eintreten“, sagte Herrmann. „Es ist keine Vergnügungsreise, es ist ein seltsames Verhältnis zwischen Zeit und Belohnung.“

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Am Vormittag hatte er als Fünfter die Ziellinie vor dem französischen Küstenort überquert, feierte mit zwei Bengalos in den Händen und wurde von Freunden und Teammitgliedern auf Beibooten empfangen. "Es war ein wunderbares Gefühl da draußen auf dem Wasser, als die Boote immer dichter kamen und ich ein Gesicht nach dem anderen erkannte", berichtete er.

Wegen einer Zeitgutschrift von sechs Stunden wurde Herrmann im vorläufigen Klassement der härtesten Regatta der Welt auf dem vierten Rang geführt. Allerdings musste er bis zum Abend warten, ob Jean Le Cam ("Yes We Cam") ihn dank dessen Zeitgutschrift von 16:15 Stunden noch verdrängen würde.

Kollision verdrängt Herrmann nicht an Platz vier

Doch das spielte für ihn im Hafen keine Rolle. Auch nicht mehr, dass die Hoffnungen auf einen Sieg oder einen Podiumsplatz durch die unheilvolle Begegnung am Mittwochabend mit dem spanischen Schiff "Hermanos Busto" etwa 90 Seemeilen vor dem Ziel zerschellten. "Ich bin wirklich glücklich über das Ergebnis, auch angesichts der Umstände. Es war eine unglaubliche Erfahrung, eine Teamleistung, eine große Reise über viele Jahre, die heute zu Ende gegangen ist", sagte Herrmann. "Der kleine Schluckauf vom Mittwoch, der ist schon fast vergessen", meinte er.

Das Rennen habe ihn mit Sicherheit verändert, sagte Herrmann. "Ich weiß noch nicht, auf welche Weise, aber es hat mich viel über Vertrauen gelehrt, Vertrauen in die Menschen und das Boot, Vertrauen in die Zeit - dass gute Dinge mit der Zeit kommen."

Klimaaktivistin Greta Thunberg gratulierte Herrmann via Twitter

"Herzlichen Glückwunsch mein toller Freund, Boris Herrmann, unter den Top 5 das härteste Rennen der Welt zu beenden! Solo nonstop um die ganze Welt. Wir könnten nicht stolzer auf dich sein! Willkommen zuhause!", gratulierte die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg via Twitter. "Ein wahrer Held." Herrmann hatte Thunberg im Spätsommer 2019 auf einer Jacht über den Atlantik nach New York gesegelt. Die 18-Jährige hatte auf die Nutzung eines Flugzeugs aus Gründen des Klimaschutzes verzichtet.

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Als erster deutscher Segler hatte Herrmann am 8. November das Abenteuer Vendée Globe gewagt und sorgte gleich für Furore - bis zum Mittwochabend. "Das war der schlimmste Alptraum", hatte er einige Stunden nach dem Unfall gesagt. Er und die Besatzung des anderen Schiffs blieben zum Glück unverletzt.

Reduzierung der Geschwindigkeit wegen Schäden an der Jacht

Doch statt Historisches zu schaffen und bei der neunten Auflage des Rennens als Erster in die Sieg-Phalanx der Franzosen einzubrechen, musste er wegen der erheblichen Schäden an seiner Jacht mit reduzierter Geschwindigkeit seine Reise fortsetzen.

Als Herrmann noch auf dem Wasser war, wurde der Franzose Yannick Bestaven zum Sieger erklärt. Zwar hatte der 48 Jahre alte Skipper der "Maître Coq IV" in der Nacht 7:43 Stunden nach seinem Landsmann Charlie Dalin ("Apivia") als dritter Segler das Ziel erreicht. Doch ihm verhalf eine Zeitgutschrift von 10:15 Stunden auf seine Gesamtsegelzeit zum Erfolg. Bislang gewannen nur Franzosen.

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Dalin hatte am Mittwochabend die Ziellinie gekreuzt. Der 36-Jährige beendete das Rennen über 28 267,88 Seemeilen nach 80 Tagen, sechs Stunden, 15 Minuten und 47 Sekunden. Als Zweiter kam Louis Burton ("Bureau Vallee 2") an. Herrmann, Bestaven und Le Cam erhielten die Gutschriften von der Wettfahrtleitung wegen ihrer Beteiligung an der Rettungsmission für den schiffbrüchigen Kevin Escoffier in der Nacht vom 30. November auf den 1. Dezember.

"Medial das Beste, was dem deutschen Segeln seit langer Zeit passiert ist"

Trotz des verpassten Sieges ist Herrmann bei der Regatta zum neuen deutschen Segel-Star aufgestiegen. Er machte seine Reise zum Medienereignis. Mit seinem Kommunikationstalent verstand er es, Zuschauer über verschiedene soziale Kanäle mit an Bord zu nehmen, sie dicht an ihn heranzulassen, zu begeistern und zu inspirieren. "Es ist medial das Beste, was dem deutschen Segeln seit langer Zeit passiert ist", konstatierte der dreimalige Olympiasieger und zweimalige America's-Cup-Gewinner Jochen Schümann.

Zugleich nutzte Herrmann die Hatz über das Wasser für seinen Kampf gegen den Klimawandel und für die Gesundheit der Meere. Er ließ den Strom packender Bilder, Videos und Interviews von Bord auch in dunklen Stunden - wie beim Großsegelriss im Sturm vor Kap Hoorn - nie abreißen. Nur von seinem Drama in der Biskaya mit dem Fischtrawler gab es keine Bilder mehr.