25. April 2020 / 11:13 Uhr

Barzagli pustet, Grafite lacht - und die Welt staunt über dieses VfL-Tor

Barzagli pustet, Grafite lacht - und die Welt staunt über dieses VfL-Tor

Engelbert Hensel
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Von allen Seiten schön! Grafites legendärer Hackentreffer beim 5:1-Sieg des VfL Wolfsburg im April 2009 gegen den FC Bayern.   
Von allen Seiten schön! Grafites legendärer Hackentreffer beim 5:1-Sieg des VfL Wolfsburg im April 2009 gegen den FC Bayern.   
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75 Jahre wird der VfL Wolfsburg alt: Grund genug, um an besondere Fußball-Momente zu erinnern – und an wichtige, kuriose und spezielle Tore. In unserer Serie "Jeden Tag ein Tor" stellen wir jeweils einen dieser Treffer vor und erzählen die Geschichte dahinter. Heute geht's um das berühmteste Tor in der Geschichte des VfL.

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Dass der Ball so quälend langsam über die Linie gerollt war, sorgte nach dem Abpfiff für die größte Heiterkeit. „Ich habe von hinten gepustet, dass der Ball reingeht“, rief Andrea Barzagli seinem Teamkollegen Grafite zu. Und dann lachten beide laut. Sie lachten über das berühmteste Tor, dass der VfL Wolfsburg in den 75 Jahren seines Bestehens erzielt hat. Grafite. Sololauf. Hacke. 5:1 gegen die Bayern. Unvergessen.

Ganz Fußballdeutschland hatte an diesem Samstagnachmittag im April 2009 nach Wolfsburg geschaut und sich verwundert die Augen gerieben hatte. Mit einer eindrucksvollen Demonstration seiner Angriffs-Stärke deklassierte der VfL den Rekordmeister und übernahm die Tabellenführung. Vielen Fans dürfte an diesem Tag der Glückseligkeit bereits klar gewesen sein, dass sie schon im April das „Tor des Jahres“ gesehen haben.

Und die Welt staunte. Egal, wo er gerade auf der Erde sei, sein Hackentor kenne fast jeder, „das ist verrückt“, sagt Grafite. Sein Slalom in der 77. Minute durch die Bayern-Abwehr vergisst er nie.

Wölfe-Taxi mit Grafite

Siebenmal berührte er ab der Strafraumgrenze den Ball, der letzte Kontakt – ein Geniestreich. „Christian Lell und Andreas Ottl, die beiden Bayern-Verteidiger, haben in dem Moment gedacht, ich renne Richtung Eckfahne, aber sie haben den Raum Richtung Tor aufgemacht. Als ich an ihnen vorbei war, hatte ich mir den Ball zum Schuss vorgelegt, doch der Ball war zu weit weg, dann habe ich Edin Dzeko gesehen, er war frei, ich wollte abspielen, aber dann blieb der Ball so liegen, dass ich es nur noch mit der Hacke machen konnte…“

Welches Kunststück ihm da gelungen sei, habe er erst einen Tag später „realisiert. Ich glaube, ich habe das Tor jetzt eine Million Mal gesehen...“ In Brasilien, so schildert er, sei er gefragt worden: „Wer war dieser Bayern-Torhüter? Manuel Neuer?“ Nein, es war Michael Rensing, der die Kugel ins Tor kullern sah. Grafite: „Das schönste und wichtigste Tor, das ich in meiner Karriere erzielt habe. Mit Abstand! Es war auch ausschlaggebend für den Titel!“

Dass diese Spielzeit 2008/09 mit der VfL-Meisterschaft enden würde, damit war nach der Hinrunde nicht zu rechnen. Der VfL stand auf Platz neun, hatte neun Punkte Rückstand auf die Spitze. In der Rückrunde brach Wolfsburg aber Rekord um Rekord. Es gab zehn Siege in Folge, eine der längsten Serien dieser Art, die es in der Liga je gab. Zehn Siege, die den VfL zwischen dem 17. Februar und dem 18. April 2009 an die Spitze der Tabelle katapultierten. Highlight dieser Serie: Das Schützenfest gegen die Bayern samt Grafites Hacken-Trick-Tor, welches natürlich zum „Tor des Jahres“ gewählt wurde. Er selbst war mit 28 Treffern Torschützenkönig und Spieler der Saison geworden – er war so gut wie nie zuvor in seiner Karriere. Und auch danach spielte Wolfsburgs ehemalige Nummer 23 (diese Rückennummer trägt jetzt VfL-Kapitän Josuha Guilavogui) nie mehr so konstant wie im Wolfsburger Meisterjahr.

Grafite in Wolfsburg - Die Bilder

Zehn Jahren Meisterschaft Zur Galerie
Zehn Jahren Meisterschaft ©

Dass er in den Spielen den gern viel zitierten Unterschied ausmachen wird, schien zunächst unrealistisch. Im August 2007 hatte VfL-Meistertrainer Felix Magath einen gewissen Edinaldo Batisto Libano, kurz Grafite, aus Le Mans nach Wolfsburg geholt. Für 7,5 Millionen Euro. Magath nannte ihn immer nur „Grafitschi“, Grafite selbst nannte seinen Coach nur „Professor“. Und Grafite hatte Startschwierigkeiten in Wolfsburg. Sein erstes Tor: Am 29. September beim 2:2 in Hamburg. Ein Elfmeter. In seiner zweiten Saison der Durchbruch: Zusammen mit Top-Stürmer Edin Dzeko (jetzt AS Rom) und Wolfsburgs ehemaligem Mittelfeld-Zehner Zvjezdan Misimovic (hat seiner Karriere beendet) bildete er ein magisches Dreieck, das die Fans verzückte. Magath nannte ihn später den „wichtigsten Spieler im Meisterkader“.

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Im Sommer 2011 zog es den bulligen Brasilianer in die Wüste zu Al-Ahli nach Dubai – nachdem er in 107 Bundesliga-Spielen 59 Toren für den VfL erzielt hatte. Im Januar 2018 dann das Karriereende im Alter von 38 Jahren beim brasilianischen Zweitligisten Santa Cruz. Aber die Liebe und die Nähe zum Fußball blieb. Mittlerweile arbeitet Grafite als TV-Experte. Zuletzt besuchte der VfL-Markenbotschafter wieder häufiger sein altes Wohnzimmer VW-Arena – weil der VfL seine Helden zum Zehnjährigen hochleben ließ und an eine glorreiche Spielzeit erinnerte.

Jeden Tag ein Tor: Hier gibt es alle Teile der Serie!

Dass das Sensations-Tor übrigens kein Zufall war, zeigte Grafite ein knappes halbes Jahr nach dem Triumph gegen die Bayern. Er machte beim 4:1-Testspielsieg des VfL beim damaligen Oberligisten Preußen Hameln (heute Kreisligist) ein Tor – ohne Sololauf und auch „nur“ zum 2:0. Aber wieder mit der Hacke. „Und da“, so erzählt er schmunzelnd, “habe ich sofort wieder an Bayern gedacht...“