25. Juli 2020 / 17:42 Uhr

Selin Cikin geht in die Luft

Selin Cikin geht in die Luft

Jörg Bressem
Schaumburger Ztg. / Schaumburger Nachrichten
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Selim Cikin fühlt sich in Flugzeugen wohl und will Pilotin werden. © jö
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Segelflugschülerin des LSV Rinteln will Verkehrspilotin werden. Dafür investiert sie neben Zeit auch viel Geld.

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Volkswirtschaftlich ist es eigentlich eine Katastrophe, denn eine der wichtigsten Lebensentscheidungen erfolgt meist zufällig – die des Berufes. Die Schulabsolventen irren orientierungslos herum, verschenken ihre Talente und entscheiden sich am Ende häufig für ein Studium, das breit streut, Betriebswirtschaft etwa. Zielorientiert ist das nicht. Bei Selin Cikin ist es anders.

Als sie in Hameln ihr Abitur machte, da wusste sie bereits genau, was sie will – Pilotin werden. Sie hat sich vorgenommen, eine Boeing oder einen Airbus um den Globus zu steuern, sie investiert dafür sehr viel: 80 000 Euro, um genau zu sein. Außerdem natürlich Fleiß, Einsatz und Leidenschaft.

Die Quote der Frauen in diesem Beruf ist noch nicht besonders hoch

Dafür taucht die 20-jährige Selin Cikin nicht mit unbestimmten Perspektiven im Massenbetrieb einer Hochschule unter und lernt akademischen Müll, sondern wird an einer privaten Flugschule punktgenau zur Pilotin ausgebildet, wird mit ihrer Lizenz Verkehrsmaschinen fliegen und eines Tages bei einer großen Airline wie der Lufthansa, Austrian Airlines oder Ryanair arbeiten. „Das ist genau mein Ding“, sagt sie, wohlwissend, dass sie nicht unbedingt den herkömmlichen Typus des Flugkapitäns verkörpert. Den stellt man sich eher als sehr ernsthaften, reifen Herrn mit grau melierten Schläfen vor. „Die Quote der Frauen in diesem Beruf ist noch nicht besonders hoch“, bestätigt sie. „Aber die Zeiten ändern sich, es werden immer mehr.“

Ausgebildet wird sie an der FMG-FlightTraining-Flugschule am Airport Paderborn-Lippstadt. Sie rechnet mit einer Ausbildungsdauer von etwa 24 Monaten und hat nach dem ersten Semester die Privat-Piloten-Lizenz bereits in der Tasche. Zurzeit steckt sie in der Theoriephase zum Verkehrspiloten. Der Stoff ist kompliziert und höchst anspruchsvoll, aber die intelligente Selin hat keine Bedenken. „Das schaffe ich“, sagt sie, und hat dabei natürlich auch die Eltern im Blick, die ihr den Berufswunsch finanzieren. Nach einer Erfahrung aus 1500 Flugstunden wird ihr eines Tages endgültig die Verkehrspiloten-Lizenz ausgehändigt. „Auch die hohen persönlichen Anforderungen an Zuverlässigkeit und Verantwortung reizen mich“, erklärt sie ihren präzisen Berufswunsch.

Doch was hat der Luftsportverein Rinteln (LSV) mit all dem zu tun? Selin Cikin macht nebenbei in Rinteln ihren Segelflugschein, begann damit vor gut einem Jahr und ist begeistert: „Ein toller Verein, in dem ich mich sofort willkommen fühlte.“ Aber führt die Segelfliegerei vor dem Hintergrund ihrer professionellen Ausbildung nicht automatisch in die Unterforderung? „Auf keinen Fall“, wehrt sie ab. Der Segelflug erfordere Geschicklichkeit beim Höhengewinn, sie könne sich dabei völlig entspannen, ohne die Konzentration für die Aufgabe zu verlieren.

Die Anforderungen seien anders gelagert. Nur dass sie es beim LSV Rinteln bereits zur Flugleiterin im Tower gebracht habe, hänge vielleicht mit ihrer Pilotenausbildung zusammen, aus der sie halt etwas mitbringe. Vielleicht schafft sie ihre Segelflug-Lizenz noch in diesem Jahr. Im Bereich des Flugplatzes unter Beobachtung der Ausbilder dürfe sie schon jetzt alleine fliegen. „Es ist ein großartiges Erlebnis“, sagt sie.

Wenn es verrückt läuft, kann Selim Cikin schon mit 21 Jahren im Cockpit einer großen Verkehrsmaschine sitzen

Heute noch Flugschülerin in Rinteln, morgen schon bei einer großen Airline. Neben der Pilotenausbildung und der Segelfliegerei bleibt ihr sogar noch Zeit für ein weiteres Hobby – die Musik. Sie spielt Querflöte, Geige, Klavier und Gitarre, erzählt sie wie selbstverständlich. Sie spiele sogar in Hemmingen in einem Orchester. „Die Zeit muss ich mir als Gegenpol nehmen“, sagt sie.
Für Normalsterbliche hört sich das alles nach Hochbegabung an, und ist es wohl auch.

Wenn es verrückt läuft, kann sie schon mit 21 Jahren im Cockpit einer großen Verkehrsmaschine sitzen. „Ich hätte nichts dagegen“, sagt sie und hat mittlerweile sogar für die unerfüllten Erwartungen nach grauhaarigen Kapitänen eine Lösung: „Sie haben vielleicht mehr Erfahrung, aber die jungen Piloten haben das gesamte Wissen noch frisch präsent.“