18. Februar 2021 / 17:44 Uhr

Nach Aus bei den Australian Open: Das steckt hinter der emotionalen Reaktion von Serena Williams

Nach Aus bei den Australian Open: Das steckt hinter der emotionalen Reaktion von Serena Williams

Jörg Allmeroth
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Serena Williams hat ihren 24. Grand-Slam-Titel bei den Australian Open in Melbourne erneut verpasst.
Serena Williams hat ihren 24. Grand-Slam-Titel bei den Australian Open in Melbourne erneut verpasst. © IMAGO/ZUMA Wire/Sydney Low
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Serena Williams ist bei ihrer Jagd nach dem Grand-Slam-Rekord bei den Australian Open erneut gescheitert. Die emotionale Reaktion des Tennis-Stars auf das Viertelfinal-Aus gegen Naomi Osaka gab Raum für Spekulationen, ob Williams an Rücktritt denkt.

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Es war eine harmlose Frage, die der geschlagenen Grand-Slam-Halbfinalistin Serena Williams (39) am späten Donnerstagnachmittag gestellt wurde. Woher die vielen Fehler in ihrem Spiel gekommen seien bei ihrer 3:6, 4:6-Niederlage gegen Naomi Osaka (Japan). Williams blickte auf das Pult im Interviewraum, zögerte. „Ich weiß es nicht“, sagte sie schließlich mit zittriger Stimme. Tränen flossen, es war alles zu viel für die größte Spielerin dieser Zeit. Langsam rappelte sie sich von ihrem Stuhl auf und verkündete kurz: „I’m done.“ Übersetzt entweder: „Ich bin fertig für heute.“ Oder auch: „Das war’s.“

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Was die Gegenfrage provozierte: „War’s das?“ War das die Abschiedsvorstellung – wenigstens in Australien – für die Frau, die zwei Jahrzehnte lang das Frauentennis geprägt und dominiert hat? Kurz bevor Williams das wenig kontroverse Mediengespräch verlassen hatte, war auch über dieses Thema gesprochen worden – nicht zuletzt wegen der wehmütigen Momente, die es beim Ausmarsch von Williams aus der Rod Laver-Arena gegeben hatte. Williams hatte den Fans auf dem Centre Court zugewunken, kurz angehalten bei ihrem Abgang und dann die rechte Hand auf ihr Herz gelegt. „Wenn ich mich jemals verabschiede, werde ich es niemandem vorher sagen“, erklärte die 39-jährige Großmeisterin dazu. Und fügte an: „Ob es ein Abschied war? Ich weiß es nicht.“

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Es wäre kein Wunder, wenn sich der lange Marsch von Williams seinem Ende nähern würde – nach mehr als zwei Jahrzehnten in der Tretmühle des Wanderzirkus, kurz vor dem 40. Geburtstag. Und nach all den Drehungen und Wendungen in einer beispiellosen Karriere, nach lebensgefährlichen Erkrankungen wie etwa einer Lungenembolie, irren Comebacks und dem immer neuen Kampf gegen immer neue, nachwachsende Generationen. „Sie muss sich und auch sonst niemandem noch irgendetwas beweisen“, sagte die ehemalige Weltranglistenerste Chris Evert, „sie ist längst eine lebende Legende. Aber sie hat eben immer noch und immer wieder große Ziele verfolgt.“

Schiedsrichter-Eklat um Williams im US-Open-Finale 2018

Das größte Ziel war, den Grand-Slam-Rekord der Australierin Margaret Court einzustellen, den Bestwert von 24 Grand-Slam-Titeln. Vor vier Jahren gewann Williams Titel Nummer 23, es war bei den Australian Open 2017, sie war schon schwanger. Das Drama mit und um Williams ging von diesem Zeitpunkt an in die erstaunliche Verlängerung, es folgte die Geburt von Töchterchen Olympia, eine Geburt mit schweren Komplikationen. Williams kam abermals zurück, in der Saison 2018, spielte seitdem bei elf Grand-Slam-Turnieren, stand sechs Mal in Endspielen oder Halbfinals.

Aber einen Grand-Slam-Pokal hielt sie nicht mehr in den Händen, nicht zuletzt, weil ihr eine wie Osaka die Grenzen aufzeigte. Der Frust über eins der verlorenen Generationenduelle mit der Japanerin („Mein Idol ist Serena“) mündete 2018, im US-Open-Endspiel, in einen der größten Skandale der Tennisgeschichte – Williams beschimpfte den spanischen Schiedsrichter Carlos Ramos als „Dieb“ und „Betrüger“, weil der sie mehrfach verwarnt und ihr sogar ein vorentscheidendes Spiel abgezogen hatte.

Verzweifelte Jagd auf Grand-Slam-Titel Nummer 24

Was nun in Melbourne passierte, dem Schauplatz von sieben erfolgreichen Titelmissionen, war sportlich ein Abbild der jüngeren Williams-Vergangenheit. Die 39-jährige hatte in den ersten Titelrunden ihre Unverwundbarkeit demonstriert. Doch in den entscheidenden Momenten lähmte regelmäßig die Aussicht auf den verzweifelt gejagten 24. Titel ihre Aktionen – auch jetzt im Halbfinale gegen Osaka. „Es war ein großer Fehlertag für mich“, sagte Williams frustriert, „so viele leichte Fehler, so viele ausgelassene Chancen.“ Nach dem Blitzstart und einer 2:0-Führung verlor sie sieben der nächsten acht Spiele, kämpfte sich zurück, als alles verloren schien. Nur, um dann die letzten acht Punkte der Partie allesamt abzugeben.

Und dann war es schon Abend in Melbourne geworden, als Williams über die sozialen Netzwerke im Internet noch einen weiteren Gruß an Australien und ihre Anhänger dort richtete – einen nicht alltäglichen Gruß ganz sicher. Es sei eine Ehre gewesen, vor den Fans spielen zu dürfen. Es sei auch schade, „es nicht besser gemacht zu haben für Euch.“ Dann folgten diese Zeilen: „Ich liebe euch. Ich liebe euch. Ich liebe euch. Ich verehre euch.“