01. Februar 2021 / 18:26 Uhr

Nach Abschiebung: So kommt die SG Oesterweg zu einem Fußballprojekt in Ghana

Nach Abschiebung: So kommt die SG Oesterweg zu einem Fußballprojekt in Ghana

Constantin Paschertz
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Richard Richie Frimpong (rechts) mit der Jugendmannschaft, die er an der Akademie der Free Africa Family trainiert.
Richard "Richie" Frimpong (rechts) mit der Jugendmannschaft, die er an der Akademie der "Free Africa Family" trainiert. © FAFA/Montage
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Zuerst trauert die SG Oesterweg über die Abschiebung ihres Freundes und Teamkameraden Richard Frimpong. Doch daraus ergibt sich für den Verein und den ehemaligen Flüchtling ein großes Fußballhilfsprojekt für Kinder und Jugendliche in Ghanas Hauptstadt Accra.

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Im Oktober 2019 muss Richard Frimpong Deutschland verlassen. Der damals 31-jährige Ghanaer wird nach knapp fünf Jahren in Deutschland in seine Heimat abgeschoben. Vor allem in Versmold, einer kleinen Stadt in Ostwestfalen, sitzt der Schock damals tief. Dort hatte sich "Richie", wie Frimpong von allen genannt wird, voll integriert und eingelebt. Im nahe gelegenen Fußballverein SG Oesterweg war er Spieler in der zweiten Mannschaft und Trainer in der Jugend, beteiligte sich außerdem in einer Showgruppe als Musiker und Entertainer.

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Der zweite Vorstandsvorsitzende der SG Oesterweg Daniel Hermann (31) erinnert sich im Gespräch mit #GABFAF: "Als während der Flüchtlingskrise die Busse ankamen, haben wir vom Verein schon beschlossen, dass wir den Menschen zumindest Fußball ermöglichen und anbieten wollen. Und eine Dame, mit der ich in der Registrierungsstelle Kontakt hatte, meinte, es stehe schon jemand quasi mit dem Fußball unterm Arm da und möchte spielen." Das war "Richie". Als es später um dessen Bleiberecht und mögliche Rückführung geht, sind Hermann und die SG Oesterweg zur Stelle. Sie helfen, die Bürokratie und alles Juristische zu bewältigen.

Unangekündigte Abschiebung

Als Frimpong zu einem Termin im Kreishaus in Gütersloh muss, begleiten ihn der Vorstandsvorsitzende des Vereins und seine damalige Lebensgefährtin, die er im Erstaufnahmeland Italien kennengelernt hatte. Nur sie kommt zurück zum Wagen, Richie bleibt im Gebäude. Seine Abschiebung wird vollzogen. Verein und Dorf sind schockiert und getroffen. "Das mag juristisch alles so richtig sein", sagt Hermann, meint aber auch: "Es kann etwas nicht stimmen im System, wenn jemand alles mitmacht, arbeiten will, sich engagiert, einbringt und mitgestaltet, aber trotzdem weggeschickt wird. Solche Leute wollen wir doch eigentlich. Wie mit ihm umgegangen wurde, war absolut grenzwertig."

Richie landet in Accra, Ghanas Hauptstadt. Als seine Freunde, Kollegen und Nachbarn herausfinden, wo er ist, wollen sie den Vorfall publik machen. Die SG Oesterweg verfasst einen Facebook-Post, der bis heute knapp 390.000 Menschen erreicht hat. "Stay Strong, Richie!" lautet ihre Botschaft. Ein Taxifahrer aus Accra nimmt Richie, der nichts besitzt außer ein wenig Bargeld und nirgendwo hin kann, bei sich und seiner Familie auf.

Die SG Oesterweg in Ghana

Der Facebook-Beitrag tritt eine Welle der Solidarität los. Reisende bieten sich als Kuriere an, Vereine und andere Organisationen aus dem Ausland geben Spenden. Und es entsteht der Kontakt zur "Ghana Angel Soccer Academy" (GASA). Kinder und Jugendliche erhalten dort regelmäßiges Fußballtraining, haben eine Bleibe und erhalten Mahlzeiten sowie Schulbildung. "Als ich davon gehört habe, hat sich bei mir direkt so ein Bild aufgemacht. Ich dachte, wenn Richie dort als Trainer unterkommen kann, wäre das perfekt", erklärt Hermann. Gesagt, getan: Richard Frimpong wird Betreuer, Jugend- und Torwarttrainer in der Akademie. Der Kontakt nach Deutschland und zur SG Oesterweg hilft ihm, sein Training zu entwickeln und zu verbessern.

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Hermann, von Hauptberuf Produktmanager, ist von dem Projekt angetan und intensiviert den Kontakt. So kommen weitere Spenden zustande, zum Beispiel von Arminia Bielefeld. Die Armina spendet die einen Teil der wegen eines Sponsorenwechsels ausgemusterten Trainingskleidung sowie Fußbälle. Hermann und andere Mitglieder der GASA gründen im April 2020 mit der "Free Africa Family" (FAFA) einen neuen Verein, um das Projekt zu vergrößern. "Wir wollen auch Mädchen eine Möglichkeit geben, Fußball zu spielen, den Schwerpunkt Bildung verstärken, und Landwirtschaft betreiben, damit sich die Kinder versorgen und eigenständig leben können", erklärt Hermann.


Die Menschen vor Ort einbinden

Neue Gebäude sollen errichtet und die Trainingsbedingungen verbessert werden. Andere Mitglieder der SG Oesterweg sind auch schon dazugestoßen. Richie bleibt ebenfalls an Bord und gestaltet die Trainings mit. Er und die anderen Menschen vor Ort sollen stark in die Entstehung der FAFA mit eingebunden werden, damit die Akademie auf eigenen Beinen stehen kann und nicht ausschließlich von externen Hilfen abhängig ist. "Durch den Verkauf von Lebensmitteln und ein soziales Kaufhaus sollen eigene Einnahmen generiert werden", sagt Hermann: "Dann können die Menschen vor Ort auch einschätzen, was für das Projekt nötig ist und investiert werden muss."

Das Amateurfußball-Bündnis #GABFAF berichtet regelmäßig über Probleme bei Amateurvereinen. Hier eine Auswahl an Klubs, die davon profitiert haben:

Kapitän Maxi zeigt trotz Krankheit bedingungslosen Einsatz für den Verein. Zur Belohnung schicken GABFAF und Volkswagen ihn und 19 Teamkollegen von der SpVgg Maxkron zum EM-Spiel Deutschland gegen Ungarn. Zur Galerie
Kapitän Maxi zeigt trotz Krankheit bedingungslosen Einsatz für den Verein. Zur Belohnung schicken GABFAF und Volkswagen ihn und 19 Teamkollegen von der SpVgg Maxkron zum EM-Spiel Deutschland gegen Ungarn. ©

Das nächste Ziel für Hermann und seine Mitstreiter ist der Erwerb von geeignetem Land. "Da sieht es im Moment ganz gut aus, dass wir eigenes Land bekommen. Wir sind auch guter Dinge, bald einen Kunstrasenplatz zu haben und nicht mehr auf Sand spielen und trainieren zu müssen", meint er und berichtet von den Verhandlungen: "Da muss man zum Beispiel auch mal ein Keyboard für die Kirchengemeinde in den Kaufpreis integrieren."

Warten auf Kunstrasen

Der Kunstrasen würde auch die Arbeit von Richie erleichtern. Derzeit trainieren und spielen die Spieler der FAFA auf einem Sandplatz, der mit den bisherigen Gebäuden gemietet wurde. Darauf stehen zwei große angerostete Tore mit mehrfach geflickten Netzen. Für die Einheiten verteilt er überall auf dem Feld bunte Hütchen und Stangen. Ein Kunstrasen wäre länger auf gleichem Niveau bespielbar und nicht so anfällig für die starken Regenfälle oder die lange Trockenheit in Ghana. Oft ist der aktuelle Platz matschig oder extrem staubig. Außerdem käme ein Kunstrasen näher an professionelle Bedingungen in Europa oder den USA.

Richie arbeitet mit Hingabe für die FAFA, es fiel ihm allerdings nicht leicht, sich sofort einzuleben. "Hier in Ghana geht alles soweit. Am Anfang war es für mich eine traurige und sehr schwere Situation, aber langsam ist es mit den Jungs hier besser geworden." Dennoch geht dem 32-Jährigen Deutschland nicht aus dem Kopf. "Ich vermisse Deutschland sehr. Ich vermisse meine Freunde wie Daniel in Oesterweg und Versmold und hoffe, dass ich sie in Deutschland bald wiedersehen kann." Sein Traum? "Ich würde gern eine Trainerschule in Deutschland besuchen und dort irgendwann als Trainer arbeiten."

Knackpunkt Einreisesperre

Hermann kann seinen Kumpel verstehen, hat aber seine Bedenken was eine schnelle Rückkehr angeht: "Aus Sicht der SG Oesterweg wäre es natürlich toll, wenn Richie wieder nach Deutschland käme, aber er hat nunmal eine Einreisesperre wegen der Abschiebung."

Deswegen wird er fest in den Aufbau der neuen Akademie mit eingeplant. "Es ist einfach auch für seine Sicherheit am besten, sich erst mal was eigenes in Ghana aufzubauen", sagt Hermann. Wie ihm möchte die FAFA "den Kindern die Perspektive einer selbstbestimmten Zukunft geben".