15. April 2020 / 13:08 Uhr

Showdown 2006: Der Wolfsburg-Held, der vom Klo kam

Showdown 2006: Der Wolfsburg-Held, der vom Klo kam

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Cedrick Makiadi sorgte mit diesem Tor für die VfL-Rettung gegen Kaiserslautern.
Cedrick Makiadi sorgte mit diesem Tor für die VfL-Rettung gegen Kaiserslautern. © Photowerk
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75 Jahre wird der VfL Wolfsburg alt: Grund genug, um an besondere Fußball-Momente zu erinnern – und an wichtige, kuriose und spezielle Tore. In unserer Serie "Jeden Tag ein Tor" stellen wir jeweils einen dieser Treffer vor und erzählen die Geschichte dahinter. Heute geht's um ein Tor, das den VfL rettete.

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Wenn Cedrick Makiadi, Co-Trainer in der B-Jugend von Werder Bremen, seinen Spielern klarmachen will, dass man „im Kopf immer hellwach“ sein muss, erzählt er von diesem Treffer. Wie der Einwurf von Juan Menseguez fast im Toraus landete. Wie Mike Hanke ihn von dort doch noch irgendwie in die Mitte beförderte. Wie Diego Klimowicz mit dem Kopf nicht rankam. Und wie sich da ein Raum auftat, direkt vor dem Tor des 1. FC Kaiserslautern. Makiadi reagierte schneller als Lauterns Verteidiger Ingo Hertzsch, sprintete in den Strafraum und drückte den Ball aus sechs Metern über die Linie. Für den VfL Wolfsburg war es das Finale der ersten Das-wäre-fast-schiefgegangen-Saison in der Bundesliga. Und Makiadi wurde zum Retter.

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1997 waren der 1. FC Kaiserslautern und der VfL zusammen in die Bundesliga aufgestiegen, wurden zusammen mit Hertha das erfolgreichste Aufsteiger-Trio aller Zeiten. Doch vor diesem Duell am letzten Spieltag der Saison 2005/06 war klar: Einer muss runter, entweder die Wolfsburger (denen ein Remis reichte) oder die vom Ex-VfL-Coach Wolfgang Wolf trainierten Pfälzer. Als Halil Altintop den FCK in Führung brachte, schien sie ein bitteres Ende zu nehmen, diese VfL-Talfahrt, die knapp zwei Jahre zuvor begonnen hatte.

Denn nachdem Manager Peter Pander im Herbst 2004 seinen Hut hatte nehmen müssen, fand der VfL keine Stabilität mehr. Nachfolger Thomas Strunz und der von ihm geholte Trainer Holger Fach scheiterten, Geschäftsführer Klaus Fuchs bekam Verantwortung für den sportlichen Bereich, holte am Jahresende 2005 Klaus Augenthaler als Trainer – nachdem man sich zuvor mit Ralf Rangnick schon fast einig gewesen war. Der einst als kommender Star geholte Argentinier Andrés D‘Alessandro erschmollte sich seine Leihe nach Portsmouth, unter Auge war das VfL-Team hinten stabil, aber offensiv einfallslos. In kleinen Schritten ging es in der Tabelle abwärts, ein 0:3 gegen Mainz und ein 1:2 in Stuttgart sorgten schließlich für die Konstellation, die keiner wollte: Abstiegsendspiel gegen Kaiserslautern. Die oder wir. Showdown.

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Als Schiri Wolfgang Stark in diesem Spiel zur Halbzeit pfiff, sprintete Makiadi, damals 22, als Erster von der Bank in die Kabine – weil er dringend aus Klo musste. Dass er beim Stand von 0:1 erste Einwechsel-Option sein könnte, fiel ihm nicht ein. Wie auch. Gerade einmal 17 Bundesliga-Einsätze hatte der Deutsch-Kongolese, der als A-Jugendlicher aus Lübeck zum VfL gekommen war, zuvor absolviert, einen einzigen von Beginn an. In der U23 gehörte er als handlungsschneller Offensivmann zu den Leistungsträgern, aber angekommen in der Erstklassigkeit schien er noch lange nicht.


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Und dann, kaum auf der Toilette fertig, vernahm er die Worte des Trainers. „Er sagte nur: ,Mach dich fertig, du kommst jetzt rein‘“, erinnert sich Makiadi. „Ich war völlig überrascht – schließlich saß ein etablierter Stürmer wie Hanke auch noch draußen.“ Hanke, der zum Kader für das deutsche WM-Sommermärchen gehörte, kam aber erst elf Minuten später. Und weitere zehn Minuten dauerte es, bis das Tor zum 1:1 fiel. Es war Makiadis erster Bundesliga-Treffer, knapp 200 Sekunden danach folgte seine erste Bundesliga-Torvorlage, Klimowicz vollendete mit langem Bein zum 2:1.

Dass kurz vor Schluss noch das 2:2 fiel, war egal, der VfL war gerettet, Makiadi auf der Party danach im Hafenclub der Autostadt der gefeierte Held. Wenn Wolfsburg in den Jahren danach mal wieder in höchster Abstiegsnot war, klingelte bei Makiadi stets das Telefon. „Journalisten wollten dann immer mal wieder wissen, wie es 2006 war“, sagt er schmunzelnd. „Schon von daher konnte ich das Tor gar nicht vergessen. Und es war ja auch ein besonderes Spiel in meiner Karriere.“

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Richtig durchgestartet ist er danach. Beim MSV Duisburg sammelte er Zweitliga-Praxis, dann wurde Makiadi beim SC Freiburg zu einer festen Bundesliga-Größe, ehe er zu Werder Bremen wechselte. An der Weser wurde er heimisch, daran änderte auch ein einjähriges Zwischenspiel bei Caykur Rizespor in der Türkei nichts. Mit Ehefrau Stefanie (einer Wolfsburgerin) und den Kindern Delilah (11) und Jayden (8) fühlt er sich dort wohl. Als Tim Borowski vor zwei Jahren Co-Trainer bei den Werder-Profis wurde, übernahm er dessen Assistenz-Posten bei der U17, sein Chef ist mit Christian Brand ein weiterer Ex-Wolfsburg-Profi. Für den 1. FC Kaiserslautern aber begann mit Makiadis Tor ein Niedergang, von dem Abstieg 2006 hat sich der vierfache deutsche Meister nie wirklich erholt. Die Roten Teufel kehrten zwar noch einmal für ein zweijähriges Gastspiel in die Bundesliga zurück, kämpfen aber mittlerweile in der 3. Liga ums Überleben. Makiadi plant derweil die A-Lizenz. „Es sieht so aus“, sagt der heute 36-Jährige, „dass Trainer der richtige Job für mich ist.“