22. April 2022 / 18:58 Uhr

Siegen, feiern und dann ins Büro: Chemie Leipzig genießt ganz besondere Pokalnacht

Siegen, feiern und dann ins Büro: Chemie Leipzig genießt ganz besondere Pokalnacht

Jens Fuge
Leipziger Volkszeitung
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Die BSG Chemie Leipzig hatte am Donnerstagabend ordentlich was zu feiern. © Christian Modla
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Diese Partynacht hatten sich die Regionalliga-Kicker der BSG Chemie Leipzig wahrlich verdient. Nach dem Pokalsieg im Elfmeterschießen gegen Drittligisten FSV Zwickau und dem Einzug ins Finale machten die Leutzscher die Nacht zum Tag, feierten ihre Elfmeterschützen und einen ganz besonderen Propheten, der das Ergebnis schon vor dem Spiel kannte.

Leipzig. Ein grandioser Pokal-Abend neigte sich frühmorgens in einem gastronomischen Etablissement im Leipziger Süden dem Ende zu, als die Kicker der BSG Chemie noch einmal anstießen und sich schworen, am 21. Mai alles zu geben, um den Pott nach Leutzsch zu holen. An diesem Tag steigt das Finale um den Sachsenpokal beim Chemnitzer FC. Möglich machte das der furiose 5:4-Sieg nach Elfmeterschießen gegen Drittligist Zwickau im ausverkauften Alfred-Kunze-Sportpark am Donnerstagabend.

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„So schlecht habe ich noch nie einen Elfer geschossen“

Wer sich durch Leipzigs Feierabendverkehr gequält und bis in den Alfred-Kunze-Sportpark durchgeschlagen hatte, den erwartete bei lauschigen zehn Grad und bedecktem Himmel eines der traditionsreichsten Ost-Duelle aller Zeiten. Besonders aufgeregt war vor dem Spiel Chemie-Vorstandschef Frank Kühne, der das Spiel nicht live im Stadion miterleben konnte. „Meine Familie hatte einen gemeinsamen Urlaub in Bayern geplant. Da wusste noch keiner was von dem Spiel gegen Zwickau“, verriet Kühne. „Zum Glück wird das Spiel im Livestream übertragen, oder ich höre es auf Fünfeck.fm, unserem Fanradio“, wollte er sich vor dem Spiel noch nicht festlegen. Der Urlaub musste für die Dauer des Duells also erst einmal Pause einlegen. Am Ende hing der Chemie-Chef völlig fertig auf dem bayrischen Sofa und gönnte sich ein Gläschen.

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Spannender geht es kaum! DIe BSG Chemie Leipzig zwingt den Favoriten aus Zwickau ins Elfmeterschießen, gewinnt dort und steht im Finale des Sachsenpokals! Zur Galerie
Spannender geht es kaum! DIe BSG Chemie Leipzig zwingt den Favoriten aus Zwickau ins Elfmeterschießen, gewinnt dort und steht im Finale des Sachsenpokals! ©

So ein Spiel hat immer mehrere Helden. Einer davon war Kapitän Stefan Karau. In der Verlängerung musste der 36-Jährige vom Feld, am Ende seiner Kräfte, von Krämpfen geplagt. Gezeichnet von einem Schnitt an der Lippe, zugezogen in einem von Dutzenden Luftduellen gegen kantige Zwickauer. Nach der Partynacht ging es frühmorgens zum Arzt, wo die Lippe genäht wurde, und dann pünktlich 8 Uhr an den Schreibtisch – die Arbeit macht sich auch nach einem solchen Pokalabend nicht von allein.

Ganz geheuer war es auch dem letzten Elfmeterschützen Anton Kanther später nicht. Erst tat er noch cool: „Ich hab ja schon ein paar Elfer geschossen in meiner Zeit als Fußballer“, ehe der 21-Jährige dann doch einräumte: „Na klar hat es ein bisschen mehr gekribbelt als normal.“ Cool grüßte er den Zwickauer Block und wartete den letzten (Fehl-)Schuss des Zwickauer Reinthaler ab, ehe es ans Jubeln ging.

Fußballerisch glänzte vor allem die Offensive der BSG, mit Denis Mast, Florian Brügmann, Alex Bury und Lucas Surek konnte den Zwickauern auch auf diesem Parkett Paroli geboten werden. Kämpferisch sowieso, daran bestand niemals Zweifel. Leicht fassungslos war Routinier Flo Brügmann nach dem Fight: „So schlecht habe ich noch nie einen Elfer geschossen, gut, dass das Team mich wieder aufgefangen hat.“ Er hatte die Entscheidung auf dem Fuß, aber weit über das Tor geballert. So kam der junge Kanther zum Zusatzelfer – das Ende ist bekannt.

„Erst haben wir noch vier schwere Punktspiele“

Die erstaunlichste Leistung aber vollbrachte wieder einmal der Vater von Mittelfeld-Abräumer Tarik Reinhardt. Der Mann, der auf den Namen Ralf hört und vor Wochen schon den Treffer seines Sohnes gegen Jena (der zum „Volltreffer des Monates“ beim MDR gewählt wurde) vorhergesagt hatte, verkündete vor dem Spiel ganz optimistisch „ein 5:4 nach Elfmeterschießen für Chemie“ als Endresultat. Von nun an kann er Geld verlangen für Vorhersagen sämtlicher Art – vielleicht hat er auch schon einen Tipp für das Finale in Chemnitz.


Das will einer noch mehr als alle anderen gewinnen: Benny Boltze. Der 35-jährige Routinier, in der 110. Minute eingewechselt, gewann in seiner Karriere sechsmal den Sächsischen Landespokal. „Ein siebentes Mal wäre natürlich die Krönung“, so „Bolle“, der wohl seine aktive Laufbahn nach dieser Saison beenden wird. Nach dem ersten Pokalsieg mit dem FC Sachsen vor 17 Jahren würde sich hier ein Kreis schließen.

Schwer, sich wieder auf den Alltag zu konzentrieren: Am Sonntag kommt mit dem Berliner AK keine Laufkundschaft in den AKS (13 Uhr). Wenn alle Wehwehchen behandelt, alle Muskeln gelockert und alle Siegergetränke wieder ausgeatmet sind, werden es auch die Berliner schwer haben, in Leutzsch zu bestehen. Dafür wird Trainer Miro Jagatic sorgen. Am Abend des Triumphes aber war der Coach emotional wie selten. Sichtlich mitgenommen analysierte er das Spiel, als er warnte: „Erst haben wir noch vier schwere Punktspiele. Das zählt erst mal, ehe wir an das Finale denken!“ Typisch für Chemie in diesen Tagen: erst arbeiten, dann feiern.