24. Juni 2021 / 21:36 Uhr

Siegertyp und Kontrollfreak: So gut passt van Bommel nach Wolfsburg

Siegertyp und Kontrollfreak: So gut passt van Bommel nach Wolfsburg

Hans-Günter Klemm
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Lobgesänge der Altmeister: Hans-Günter Klemm (l.) beschreibt den neuen VfL-Trainer Mark van Bommel.
Lobgesänge der Altmeister: Hans-Günter Klemm (l.) beschreibt den neuen VfL-Trainer Mark van Bommel. © AP / dpa / privat
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Wie gut passt Mark van Bommel als Trainer zum VfL Wolfsburg? Ex-Kicker-Redakteur und Niederlande-Experte Hans-Günter Klemm beschreibt für den SPORTBUZZER, wie der Ex-Bayern-Star in seiner Heimat gesehen wird - und was man ihm zutraut.

Die Altmeister stimmen unisono Lobgesänge an. „Mark bringt alles mit, um ein guter Trainer zu sein“, hat Guus Hiddink prognostiziert. „Mark ist bereit, um größere Klubs zu übernehmen“, schließt sich Huub Stevens dieser hymnischen Beurteilung an. Ein weiteres Urteil in den Niederlanden über den neuen Bundesliga-Coach: Der VfL Wolfsburg und der Trainer Mark van Bommel, so die einhellige Meinung der Experten, passen gut zueinander. Viele Vorschusslorbeeren für einen, dem sie in den Niederlanden durch die Bank eine Karriere als Trainer zutrauen, die sich in den Dimensionen bewegt, in denen seine glanzvolle Laufbahn als Spieler verlaufen ist.

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Dass der 44-Jährige sich den Niedersachsen angeschlossen hat, gilt im Nachbarland nicht als Überraschung. Der VW-Verein wird als ideales Sprungbrett für den einstigen Klasse-Spieler betrachtet, der als großes Trainer-Talent gilt. In diesen Tagen schlägt er in Wolfsburg auf, ehe am 28. Juni für die Profis die obligatorischen Medizinchecks vor einer Saison und Corona-Tests und am 1. Juli der Trainingsstart anstehen. Nach seiner eindrucksvollen Zeit als Spieler in vier großen Fußball-Nationen wie Niederlande, Spanien, Deutschland und Italien, gekrönt mit insgesamt 19 Titelgewinnen, absolvierte van Bommel eine gezielte Ausbildung auf der Trainerbank. Eine Lehre in der Familie sozusagen sowie die Fortsetzung in seinem Stammverein PSV Eindhoven: zunächst als Assistent bei seinem Schwiegervater Bert van Marwijk bei dessen Engagements als Nationalcoach in Saudi-Arabien und Australien, danach in Eindhoven im Nachwuchsbereich aufgebaut, später als Chefcoach bei den Profis gefördert.

Der neue VfL-Trainer: Die Karriere von Mark van Bommel in Bildern

Sittard, Bayern, Trainerkarriere: Mark van Bommel. Zur Galerie
Sittard, Bayern, Trainerkarriere: Mark van Bommel. ©

Wie früher auf dem Platz als „aggressive Leader“, wie Ex-Bayern-Boss Otmar Hitzfeld die niederländische Version eines Stefan Effenberg bezeichnete, agiert der einst meist zum Hassobjekt der Fans avancierte Ex-Profi auch als Trainer: Eine absolute Führungsfigur, ein Siegertyp, der vorangeht und immer gewinnen will. Van Bommel hat sich dabei den Ruf eines Kontrollfreaks erworben. Bei der PSV hat er diesen Drang, alles wissen und alles bestimmen zu wollen, nach einem glänzenden und harmonischen Einstandsjahr übertrieben. Mit dem Staff und dem Umfeld hat er sich überworfen, von den meisten Mitarbeitern entzweit, was letztlich zu seiner Beurlaubung führte, als die Resultate ausblieben.


„Ich habe meine Erfahrungen gesammelt und in dieser Zeit viel gelernt“, betont der Neu-Wolfsburger, dessen Plus es ist, dass er die Bundesliga kennt und mit der Mentalität der Deutschen bestens vertraut ist. Nicht gerade ein Liebhaber offensiver Medienarbeit, verfügt er über eine ausgefeilte Rhetorik, mit der er seine Botschaften publik machen kann. Diese Begabung wurde einst sogar von der „Vrije Universiteit“ Amsterdam mit der Verleihung eines Sprachpreises gewürdigt.

Fachlich ist er ohne Fehl und Tadel. „So vortrefflich“ habe ihn selten ein Trainer auf das Spiel vorbereitet und den Gegner eingestellt, unterstreicht Daniel Schwaab, der aus dem Schwarzwald stammende frühere PSV-Legionär. Geschätzt wird auch die Fähigkeit, das Team zu motivieren und einzuschwören. Es entspricht dem Naturell des „geborenen Anführers“, das Mitspieler David Alaba mal so charakterisierte: „Ich konnte von Mark lernen, was es heißt, ein Leader zu sein.“

Van Bommel, so hat VfL-Vorstand Jörg Schmadtke versprochen, passe „perfekt zu unserer Philosophie“. Die niederländischen Beobachter bestätigen dies ohne Einwände. Der Newcomer favorisiert die Grundordnung, mit der die Wolfsburger in die Champions League einzogen: also ein variables System zwischen 4-3-3 und 4-2-1-3. Die Besetzung einer Doppel-Sechs ist bei dem Nachfolger von Oliver Glasner, früher mit Nigel de Jong in dieser Positionierung in der Nationalelf, sowieso Standard, die Besetzung der Flanken mit zwei Außenstürmern sowie ein Angriff mit einem zentralen Stürmer wie Wout Weghorst die favorisierte Spielweise.

Mit Spannung wird zwischen Amsterdam und Rotterdam derweil erwartet, wie sich die Beziehung zwischen Boss Schmadtke und Cheftrainer van Bommel entwickeln wird. Eine konfliktfreie Kooperation? Oder, bildlich gesprochen, ein Hahnenkampf zwischen zwei Alphatieren?

„Es ist die erste große Trainerstelle und somit die Bewährungsprobe für Mark van Bommel“, urteilt Jan Leerkes, Kicker-Korrespondent und ein renommierter Kenner des niederländischen Fußballs. Ein Testlauf für den Mann, der schon jetzt als potenzieller Kommandant der „Elftal“, der Nationalelf, gehandelt wird. Voraussetzung dafür: Er muss die Prüfung in Wolfsburg bestehen.