27. Juli 2020 / 18:45 Uhr

Siegfried Kirschen über 30 Jahre FLB: "Cottbus war der richtige Griff" als Standort

Siegfried Kirschen über 30 Jahre FLB: "Cottbus war der richtige Griff" als Standort

Stephan Henke
Märkische Allgemeine Zeitung
Siegfried Kirschen war von 1990 bis 2018 Präsident des Fußball-Landesverbands Brandenburg (FLB), er wohnt heute in Bad Saarow.
Siegfried Kirschen war von 1990 bis 2018 Präsident des Fußball-Landesverbands Brandenburg (FLB), er wohnt heute in Bad Saarow. © Soeren Stache/dpa-Zentralbild/dpa
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Der langjährige Fußball-Landesverbands-Präsident Siegfried Kirschen spricht im Interview über den 30. Jahrestag der Gründung des FLB, die Stimmung auf der Gründungsversammlung und die Krise im Brandenburger Spitzenfußball.

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Vor genau 30 Jahren, am 28. Juli 1990, wurde im Clubhaus „Medizin” an der Potsdamer Heinrich-Mann-Allee aus den drei Bezirksfachausschüssen Potsdam, Frankfurt (Oder) und Cottbus der Fußball-Landesverband Brandenburg (FLB). 28 der 30 Jahre war Siegfried Kirschen (76) FLB-Präsident, im Interview spricht er darüber, wie Cottbus Standort des Verbands wurde, wie die Einteilung der Fußballkreise ablief und wie er Präsident wurde.

Erinnern Sie sich an die Stimmung bei der Gründungsversammlung?

Siegfried Kirschen: Man kann die Stimmung schwer beschreiben. Keiner wusste so richtig, was passieren soll. Jeder wusste, die drei Bezirke werden ihre Eigenständigkeit verlieren und es wird ein neuer Verband entstehen. Aber wie das im Einzelnen strukturell und organisatorisch ablaufen wird, wusste keiner. Deshalb wollte man durch die Wahl eines Präsidenten erst einmal jemanden an die Spitze setzen, der diesen Umbruch organisieren sollte.

Wer hat Sie gefragt, ob Sie Präsident werden möchten?

Ich kam als Schiedsrichter gerade von der WM 1990 aus Italien zurück, war bereits Schiedsrichter-Chef im Bezirk Frankfurt und die Vertreter von dort haben mich gefragt. Außerdem wurde mir gesagt, dass auch die Vertreter des Cottbuser Bezirks meine Kandidatur unterstützen werden.

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Mit diesen Stimmen setzten Sie sich gegen den kürzlich verstorbenen Heinz „Heiner“ Schülke vom Bezirk Potsdam durch und wurden zum ersten Präsidenten gewählt, im Gegenzug wurde Cottbus Standort des FLB.

Das wurde immer so dargestellt. Wir mussten ja eine Heimstatt finden und hatten aus Cottbus ein Angebot, das uns zugesagt hat – wir hatten weder aus Frankfurt noch aus Potsdam ein gleichwertiges Angebot. Und im Nachhinein haben wir mit Cottbus ja den richtigen Griff gemacht, da es sich durch Energie ja zur Fußball-Hochburg entwickelt hat.

1992 wurden aus den drei Bezirken 17 Fußballkreise, wie schwierig war das zu organisieren?

Wir haben schnell gemerkt, dass wir uns nicht an den politischen Strukturen, also den Landkreisen, orientieren können, sondern im Mittelpunkt musste stehen, dass die Einordnung der Vereine finanziell und sportlich sinnvoll ist. Deshalb haben wir die 17 Kreise eher nach territorialen Gesichtspunkten ausgewählt.

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2014 wurden aus den 17 noch acht Kreise, war das richtig so?

Das hat viele Nerven gekostet, weil wir zunächst viel Überzeugungsarbeit leisten mussten. Einige haben geglaubt, das funktioniert nicht, das wollen wir nicht. Am Ende haben wir es aber geschafft – und es war völlig richtig so. Die Kreise sind wirtschaftlich stabil, der Spielbetrieb hat sich gesund entwickelt.

Sie waren 28 Jahre lang Vorsitzender des FLB, wie bewerten Sie die Entwicklung des Verbands?

Das muss man differenziert betrachten. Im Amateurbereich, der aus meiner Sicht die Hauptaufgabe ist, ist es tatsächlich eine erfolgreiche Entwicklung gewesen. Die Vereine sind gewachsen, es sind hunderte Minisportplätze und Vereinsheime gebaut worden, wir haben viele Nachwuchsspieler entwickelt, das ist äußerst positiv. Mich bedrückt allerdings die Entwicklung des Spitzenfußballs.

Was genau?

Wir waren einmal der erfolgreichste Landesverband im Osten. Energie Cottbus spielte in der Bundesliga und Turbine Potsdam war mit Abstand die beste Mannschaft der Frauen-Bundesliga. Doch seither gab es viele Rückschritte, jetzt haben wir nicht mal mehr eine Männermannschaft in der 3. Liga und Turbine spielt nicht mehr international und ist national eher Mittelklasse. Das bedeutet, dass die vielen Nachwuchsspieler, die wir entwickelt haben, in Brandenburg keine Perspektive sehen. Wenn wir bei den Männern in der 1. oder 2. Bundesliga eine Mannschaft hätten, dann würden die Spieler auch bleiben.

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2003: Der damalige Verbandsligist Ludwigsfelder FC gewinnt am 4. Juni 2003 das Landespokalfinale mit 1:0 im heimischen Waldstadion gegen den Brandenburger SC Süd 05 (Oberliga). Siegtorschütze war vor 1100 Zuschauern Mike Jesse (28.). Als Landespokalsieger trifft der LFC in der ersten Hauptrunde des DFB-Pokals am 30. August 2003 auf den Bundesligisten Werder Bremen und verliert 1:9. Zur Galerie
2003: Der damalige Verbandsligist Ludwigsfelder FC gewinnt am 4. Juni 2003 das Landespokalfinale mit 1:0 im heimischen Waldstadion gegen den Brandenburger SC Süd 05 (Oberliga). Siegtorschütze war vor 1100 Zuschauern Mike Jesse (28.). Als Landespokalsieger trifft der LFC in der ersten Hauptrunde des DFB-Pokals am 30. August 2003 auf den Bundesligisten Werder Bremen und verliert 1:9. ©

Was müsste sich ändern?

Wir sind daran nur mittelbar mit der Entwicklung der Talente in den Sportschulen beteiligt. Bei der Entwicklung der Vereine können wir nur mit Rat und Tat zur Seite stehen, aber da liegt es natürlich in ihrer Verantwortung. Was ich allerdings nicht gelten lasse, ist die Aussage, dass das Geld der entscheidende Faktor für diese negative Entwicklung ist. Als Energie und Turbine erfolgreich waren, waren sie auch nicht Krösus, das haben sie mit den Möglichkeiten geschafft, die sie damals hatten.

Wie sehen Sie die Chancen von Energie, nächste Saison aufzusteigen?

Sie hätten es in der letzten Saison schaffen müssen. In der kommenden gibt es mit dem Chemnitzer FC und Carl Zeiss Jena noch zwei Konkurrenten mehr. Wenn sie es diese Saison wieder nicht schaffen, weiß ich nicht, ob sie es überhaupt noch einmal schaffen, in den Profifußball zurückzukehren. Bei anderen Vereinen wie Rathenow, Luckenwalde oder Fürstenwalde ist es übrigens sehr positiv, dass sie in der Regionalliga spielen – dass Cottbus in der selben Liga spielt, ist dagegen eher bitter.

Welche Themen werden in den nächsten Jahren wichtig für den FLB?

Man kann aktuell nicht langfristig planen. Wenn es wegen der Coronakrise eine zweite Welle und einen weiteren Saisonabbruch geben sollte, dann wäre das für den Sport im Allgemeinen und den Fußball im Speziellen äußerst negativ. Dann würden die Leute vom Fußball weggehen und andere Interessen wahrnehmen. Aber gehen wir mal vom Positiven aus!