31. Mai 2019 / 16:18 Uhr

Der Herr von "Fort Knox": Betreuer Siggi Timmas hört nach 42 Jahren auf

Der Herr von "Fort Knox": Betreuer Siggi Timmas hört nach 42 Jahren auf

Jürgen Braun
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Siggi Timmas
Siggi Timmas: Der Kultbetreuer des SSV Vorsfelde vor seinem Büro im "Fort Knox", wie der Kabinentrakt des Landesligisten genannt wird. © Jürgen Braun
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Es dürfte kaum einen Fußballplatz rund um Wolfsburg geben, den Siggi Timmas nicht kennt. Und nicht viele Fußballer, die ihn nicht kennen. Am Sonntag tritt der Betreuer des SSV Vorsfelde ab. Nach 42 Jahren, mit fast 82 Jahren. Ein Leben an der Seitenlinie.

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Ein Auswärtsspiel in der Fußball-Landesliga wird die letzte Partie des Vorsfelders. In Braunschweig-Lamme. Einen Team-Bulli fährt er nicht mehr. „Aber auch das hat Siggi lange gemacht“, so Rüdiger Adamczyk, der Vorsitzende des Klubs. Und Weggefährte. Adamczyk ist mit seinen 33 Jahren als Klubvorsitzender schon eine Ausnahme-Erscheinung. Aber als er antrat, war Timmas schon da. Erinnert der sich noch an sein erstes Spiel? „Nein“, sagt Timmas, „aber es war F-Jugend, da hat mein Sohn Olaf gespielt, der Trainer fragte, ob ich nicht ein wenig helfen könnte. So hat es angefangen.“

Siggi Timmas
Hinter der Bande: Siggi Timmas beim Training des SV Vorsfelde. 42 Jahre lang saß er vor der Bande. © Jürgen Braun
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Zuvor war Siggi Timmas schon Schiedsrichter gewesen, machte das noch einige Jahre, legte die Pfeife aber nach insgesamt 16 Jahren weg. „Das wurde dann doch zu viel“, sagt er mit einem Schmunzeln. Schließlich war er inzwischen Betreuer der Vorsfelder Herren. Sein Sohn Olaf war ein Top-Torwart für den SSV geworden, Junior und Senior erlebten so unglaubliche Spiele, die goldenen SSV-Jahre in denen der Klub ans Tor zur dritten Liga klopfte, im Landespokal Eintracht Braunschweig besiegte und im DFB-Pokal im VfL-Stadion gegen Bundesligist Schalke 04 antrat. „Das war schon eine andere Welt“, erinnert sich Timmas. Das 0:5 im August 1995 gegen Jens Lehmann, Olaf Thon, Yves Eigenrauch, Mike Büskens und Youri Mulder war aller Ehren wert. Und die Erlebnisse „einmalig“.

Timmas auf dem Platz

Willkommen in Fort Knox

Für den SPORTBUZZER setzten sich Timmas und Adamczyk noch einmal auf der Tribüne im Drömlingstadon zusammen. Der Weg dorthin von der Kabine aus über die Anlage an der Aller – fast eine Zeitreise. „Als ich antrat, gab es nur einen ganz kleinen Kabinentrakt“, erinnert sich Timmas. 1989 kam das Vereinsheim, später die Kabinenvergrößerung. Dieser Trakt wurde Timmas’ Reich. „,Fort Knox’“ haben wir es genannt“, berichtet Adamczyk. Fort Knox ist ein US-Army-Stützpunkt, in dem riesige Goldreserven gut bewacht lagern.“ In Vorsfeldes Fort Knox „kam“, so Adamczyk, „keiner rein, ohne dass Siggi das wusste. Und er wollte immer alles wissen.“

Fort Knox, so steht es auch heute noch an der Tür zur Kabine des Betreuers. Am Gebäude „habe ich selbst mitgemauert“, sagt er. Wie einige andere Ehrenamtliche. „Mein Glück ist, dass ich zwei rechte Hände habe, nicht zwei linke“, sagt der gelernte Karosserie-Schlosser.

Siggi Timmas und Rüdiger Adamczyk
Weggefährten: Siggi Timmas und SSV-Vorsitzender Rüdiger Adamczyk (r.). © Jürgen Braun

Der Weg zum Hauptplatz führt unter Pappeln entlang, für die vor rund 20 Jahren sturmanfällige Bäume weichen mussten. Inzwischen sind die Pappeln schon wieder fast genauso hoch wie die Vorgänger. Der Blick des Duos schweift über B-Platz und Kunstrasen, dort entlang, wo mal ein hölzerner Regieturm stand, der wieder Geschichte ist. Auf der Tribüne schauen der Klubvorsitzende und die Betreuer-Legende ein wenig dem Treiben auf dem Platz zu, wo die Erste trainiert.

Der harte Hund Manfred Mattes

Es kamen und gingen viele Trainer beim SSV, „ich hatte mit allen Spaß“, sagt Timmas. Ob mit Wilfried Kemmer, Ingo Eismann, Bruno Akrapovic, Holger Ballwanz, Klaus Schäfer. Sehr gut „erinnere ich mich an Manfred Mattes. Der war im Spiel hart, streng, aber direkt danach war alles gut“. Unter Mattes gab es Oberliga-Zeiten, „das war eine neue Erfahrung für uns alle“. Denn das war damals die 4. Liga. Die Reisen wurden weiter, es waren Lunchpakete vorzubereiten, der SSV war die zweite Kraft in Wolfsburg. Keine Frage, aus dieser Zeit stammen auch die Spieler, an die sich Timmas am besten erinnert. An den verstorbenen Uwe „Pele“ Bohndieck, an Thomas Tuster, Ivan Savic, Udo Wehlauer und viele mehr. Das unangenehmste Erlebnis: Wir spielten beim Turnier in Rothemühle, ich muss vor der Abfahrt einmal abgelenkt gewesen sein – auf jeden Fall, ich wollte es nicht glauben, es fehlten die Hosen.“

Betreuer Siggi Timmas NEU NEU

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Jetzt wird es eng für die Forellen

Er kam immer als Erster vor Training und Spiel und ging als Letzter. Ein Betreuer mit so viel Erfahrung ist Gold wert. Adamczyk: „Siggi bemerkt Dinge, die sonst keiner sieht.“ Wie sehr das Team seine Arbeit und den Menschen schätzt, wurde spürbar, als Timmas für ein Video kurz auf den Platz sprintete. Unabgesprochen. Die Spieler verharrten, applaudierten, ihnen wurde bewusst: Diese Ära geht zu Ende. Noch ein letztes Mal wird Timmas nun nach einem Spiel in einer Kabine Ordnung schaffen, dafür sorgen, dass sie so hinterlassen wird, wie sie betreten wurde.

Und dann? Kommt dann die große Langeweile? So ganz sicher kann sich der Betreuer mit Leib und Seele eigentlich nicht sein. Aber: „Ich habe zu Hause einen großen Garten, ihn einmal zu mähen, dauert mehr als zwei Stunden.“ Und einige schuppige Gesellen in Teichen bei Osloß und Weddendorf müssen sich auf noch unruhigere Zeiten einstellen. Timmas ist begeisterter Forellenangler. Jetzt kann er ihnen noch öfter nachstellen. Im Drömlingstadion wird man ihn noch treffen. Irgendwie schließt sich da nämlich jetzt ein Kreis. So wie einst Siggis Sohn Olaf, spielt nun dessen Sohn Josh in Vorsfeldes F-Jugend.

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Das "Grundgesetz" der Initiative: Im Manifest könnt Ihr nachlesen, wofür #GABFAF sich einsetzt. Direkt hier in der Galerie! © #GABFAF

Adamczyk voll des Lobes

Am Sonntag feiert der SSV nach der Rückkehr der Ersten aus Lamme wie immer einen kleinen Saisonabschluss. Timmas wird dabei im Mittelpunkt stehen. Rüdiger Adamczyk: „Er kann stolz auf seine Zeit beim SSV sein, wir können uns glücklich schätzen, so einen Betreuer gehabt zu haben.“ Adamczyk plädiert dabei auch für das Ehrenamt, denn „durch diese Tätigkeit entwickeln sich viele Freundschaften, es kann tolle Erlebnisse geben“. Er weiß: „Ohne den Rückhalt durch seine Familie, vor allem seine Frau Bärbel, wäre es nicht gegangen.“ Jedoch: Im Ehrenamt gebe man nicht nur, man bekomme auch zurück, „erfährt von vielen Menschen Anerkennung“. Der Klub-Chef ergänzt mit dem ganzen Vertrauen in einen Betreuer, wie es ihn nur selten gibt: „Siggi, wenn du willst, bekommst du einen Generalschlüssel, kannst weiterhin alle Räume auf dem SSV-Gelände betreten.“

Und fügt mit der Hoffnung, keine Ablehnung zu hören, hinzu: „Es sei denn, du willst ihn nicht...“

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