15. November 2021 / 16:27 Uhr

"Sind das letzte Glied in der Kette": Corona-Frust bei Clubs im Muldental/Leipziger Land

"Sind das letzte Glied in der Kette": Corona-Frust bei Clubs im Muldental/Leipziger Land

Heiko Henschel
Leipziger Volkszeitung
Symbolbild
Im Leipziger Land und im Muldental fällt der Fußball wieder flach. © André Kempner
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Die vierte Welle tobt, die dritte Auszeit droht: Die Fußballer aus dem Kreisverband Muldental/Leipziger fühlen sich in schwierigen Zeiten von Verbänden und Politik alleingelassen. Der Spielbetrieb bei den Männern, A- und B-Junioren wird mindestens bis zum 22. November ausgesetzt.

Grimma/Wurzen. Der Fußballverband Muldental/Leipziger hat die für das vergangene Wochenende angesetzten Begegnungen bei den Männern sowie bei den A-und B-Junioren auf Eis gelegt, obwohl eine Durchführung der Partien anders als bei den beiden Zwangspausen zuvor diesmal zumindest theoretisch erlaubt gewesen wäre.

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„Sitzen uns an den Wochenenden wieder monatelang den Hintern breit“

Doch die Umsetzung der Regelungen in der Corona-Vorwarnstufe (Stichwort höchstens zehn Ungeimpfte) schreckt zahlreiche Vereine ab. Sie wollen die Verantwortung nicht übernehmen, fühlen sich von den Verbänden allein gelassen und von der Politik nicht ernst genommen, fürchten sich vor Strafen der Behörden, hinterfragen in vermehrter Weise den Sinn der Maßnahmen, bekommen beim Blick in die Zukunft des Amateursports Bauchschmerzen. Wir haben uns bei Vereinsvertretern umgehört, was sie in diesen erneut schwierigen Tagen bewegt und welche Lösungsmöglichkeiten es geben könnte.

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Andre Spranger (Präsident und Spieler beim BSV Einheit Frohburg) hält beim Blick auf die jetzigen Verordnungen die Fortführung der Saison selbst in der Vorwarnstufe für utopisch: „Den Sport generell und den Fußball im Speziellen als private Zusammenkunft hinzustellen, entbehrt jeglicher Logik. Ich würde es noch ansatzweise verstehen, wenn die maximale Anzahl von ungeimpften Personen auf jede einzelne Umkleidekabine beschränkt wäre. Doch Sport unter freiem Himmel birgt erwiesenermaßen nur ein extrem minimales Infektionsrisiko.“

Spranger verweist in dem Zusammenhang auf Prof. Dr. Tim Meyer vom DFB, welcher dies in mehreren Studien evaluiert hat. „Diese Ergebnisse sind aber scheinbar unerwünscht und werden deshalb ignoriert.“ Der BSV-Vorsitzende sieht nicht ein, wieso er den Impfstatus seiner Mitspieler erfragen soll. „Das geht mich doch überhaupt nichts an, das ist Privatsache. Genau solcher Unsinn ist die 2G-Regel für die Zuschauer, entweder alle oder keiner.“

Was den Spielbetrieb betrifft, erinnert der Einheit-Chef an einen alten Vorschlag. Aus seiner Sicht hätte man spätestens die Saison 20/21 nicht abbrechen, sondern nach dem Lockdown fortführen sollen: „Nun haben wir den Salat und sitzen uns an den Wochenenden wieder monatelang den Hintern breit. So lange nicht umgedacht wird, werden wir Jahr für Jahr vor demselben Problem stehen. Hoffentlich können wir wenigstens die laufende Serie zu Ende spielen, die Verbände haben glücklicherweise die Grundlagen dafür geschaffen.“

„Wir benötigen ein Stück Normalität“

Raik Hiller (Abteilungsleiter bei Germania Auligk) malt ebenfalls den Teufel an die Wand: „Wenn die Saison jetzt wieder unterbrochen wird, können wir sie wahrscheinlich ganz abschreiben. Und wie dann die Leute noch zu motivieren sind, weiß ich wirklich nicht. Die zunächst vorläufige Aussetzung dürfte zwar alternativlos gewesen sein, weil die Vereine mit den Regelungen schlicht überfahren worden sind. Mit etwas mehr Vorlauf und einer besseren Planung hätte es unter Umständen funktionieren können, auch wenn der organisatorische Aufwand groß gewesen wäre. Jeden Beteiligten vor dem Spiel zu testen, könnte eventuell auch eine Variante sein. Denn wie gesagt: Eigentlich müssen wir weiter spielen, um einen Scherbenhaufen zu vermeiden.“


Germanias Fußballchef drängte sich in den vergangenen Wochen allerdings darüber hinaus der Verdacht auf, dass bei offensichtlich personell bedingten Spielabsagen die Corona-Regeln vors Loch geschoben wurden. Seinem Empfinden nach konnte jeder machen, was er wollte. Das sei Wettbewerbsverzerrung gewesen, doch die Grauzone kommt schließlich nicht von ungefähr: „Die erlassenen Regelungen sind für die meisten Menschen kaum noch nachvollziehbar. Kein Wunder, dass die Akzeptanz zunehmend schwindet.“

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Christian Holletzek (Abteilungsleiter des TSV Großsteinberg) schlägt mit allerhand Wut im Bauch im Prinzip in die selbe Kerbe: „Es ist eine Frechheit und ein Wahnsinn, was die Regierung mit dem Amateursport veranstaltet. Ich war jüngst bei RB gegen Dortmund, dort war ein Gedränge wie in einem Ameisenhaufen. Das war nachlässig und unverantwortlich, störte jedoch niemanden. Einen Tag danach spielt unsere Zweite, da sind circa 20 Zuschauer da. Und dann hält uns Frau Köpping vor, wir würden keine Rücksicht auf die Alten und die Kranken nehmen. Die kommen aber garantiert nicht als Besucher zu Großsteinberg II gegen Kössern. Da wird etwas von oben nach unten durch gepeitscht, wir sind das letzte Glied in der Kette und werden völlig im Stich gelassen.“ Der TSV-Sektionschef würde es sogar noch in Ordnung finden, vor jedem Spiel jeden zu testen: „Die Liga muss weiter gehen, wir benötigen ein Stück Normalität. Stattdessen wird uns eine aufgewärmte Soße vorgesetzt, sind wir denn keinen Schritt vorwärts gekommen in den vergangenen zwei Jahren? Das ist frustrierend.“

Nächster Tiefschlag

Martin Schwarze (Abteilungsleiter beim SV Blau-Weiß Altenhain) bemüht sich zwar um das Bewahren der Relationen, lässt seiner Verärgerung allerdings ebenfalls freien Lauf. Sein Verein habe sich vergangene Woche genau so wie der Kooperationspartner Hohnstädt mit dem jeweils nächsten Punktspielkontrahenten verständigt, wie das Match über die Bühne gehen kann. Die entsprechende Kommunikation sei schon kompliziert genug gewesen, doch dann kam die Generalabsage ins Haus geschneit: „Wir haben uns einen Kopf gemacht und dann hieß es Pustekuchen. Aber vielleicht war es tatsächlich erst einmal das Beste, ansonsten wäre wahrscheinlich ein Flickenteppich entstanden. Ich habe Verständnis für die Zurückhaltung der Vereinsverantwortlichen in dieser alles andere als einfachen Situation, wenngleich es wohl irgendwie gegangen wäre. So ist es natürlich äußerst schwierig, die Motivation hoch zu halten. Beim jüngsten Training wussten wir schließlich noch gar nicht, wann wir uns überhaupt wiedersehen.“ Der Altenhainer Fußballchef stellt derweil grundsätzliche Überlegungen an: „Zukünftig wäre es vermutlich günstiger, von März bis Oktober zu spielen. Um nicht in jedem Herbst vor demselben Problem zu stehen, denn das Virus wird nicht über Nacht verschwinden.“

Am Montag gab es dann gleich den nächsten Tiefschlag: Der Beschluss des Fußballverbandes Muldental/Leipziger Land vom 11. November bezüglich der Aussetzung des Spielbetriebes wurde bis zum 22. November verlängert. Ab diesem Datum tritt die nächste Corona-Verordnung in Kraft, in welcher der Sport im Außenbereich eine andere Betrachtung finden könnte. Die weitere Vorgehensweise bezüglich des Spielbetriebes soll nach Veröffentlichung der neuen Regelungen zeitnah bekannt gegeben werden, so der Verband.