28. Dezember 2019 / 07:00 Uhr

Skisprung-Star Gregor Schlierenzauer über Karriereende: „So schnell werdet ihr mich nicht los“

Skisprung-Star Gregor Schlierenzauer über Karriereende: „So schnell werdet ihr mich nicht los“

Stefan Döring
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Wieder auf dem Weg zurück in die Weltspitze: Der österreichische Skispringer Gregor Schlierenzauer.
Wieder auf dem Weg zurück in die Weltspitze: Der österreichische Skispringer Gregor Schlierenzauer. © dpa
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Gregor Schlierenzauer ist der erfolgreichste Skispringer der Geschichte. Nach Jahren der Krise ist er nun wieder auf dem Weg zurück in die Weltspitze. Im Interview vor der Vierschanzentournee spricht er über die Hilfe von Ex-Bundestrainer Werner Schuster und den schwierigen Weg zurück.

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Gregor Schlierenzauer ist noch immer einer der größten Namen im Skispringen. Nach einer tiefen Krise in den vergangenen Jahren hat sich der erst 29-jährige Österreicher wieder an die Weltspitze herangekämpft. Im Interview spricht der erfolgreichste Skispringer der Geschichte über die Vierschanzentournee, den Spaß am Fliegen und die Hilfe von Ex-Bundestrainer Werner Schuster.

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SPORTBUZZER: Herr Schlierenzauer, erinnern Sie sich noch an den 30. Dezember 2006?

Gregor Schlierenzauer (29): Spartanisch, das ist eine Zeit lang her. (lacht) Das war meine erste Tournee-Teilnahme und mein erster Sieg in Oberstdorf. An die emotionalen Dinge erinnere ich mich immer. Im Sport geht es aber um das Jetzt.

Jetzt heißt: Der Start der Vierschanzentournee an diesem Wochenende. Was bedeutet Ihnen dieses Event?

Das ist der Grand-Slam für uns, das Wimbledon der Skispringer. Ich freue mich irrsinnig darauf, dass ich dabei sein darf, meinen Weg verfolgen darf. Ich freue mich auf jeden Sprung und hoffe, dass ich an einer Station mein persönliches Highlight setzen kann.

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Sie haben gesagt, dass Sie sich vor allem darauf freuen, ganz viele Sprünge in kurzer Zeit zu machen. Ist die Tournee also mehr Training als Wettkampf für Sie?

Immer wenn ich eine Startnummer anhabe, ist es ein Wettkampf. Ich bin dann wie ein Rennpferd. Super für mich ist der Rhythmus. Ich habe viele verschiedene Schanzen, viele Eindrücke, viele Sprünge – Wettkampftraining auf höchstem Niveau tut mir in meiner aktuellen Situation gut.

Was ist von dieser Tournee zu erwarten?

Es wird ein Spektakel. Ich hoffe, dass es faire und schöne Wettkämpfe werden, bei denen die Leistung und nicht das Glück entscheidend ist.

Ihr erster Tournee-Sieg ist einige Jahre her. Was unterscheidet den Gregor Schlierenzauer von damals von dem von heute?

Ich bin älter und reifer. (lacht) Meine Geschichte im Sport ist kein weißes Blatt Papier mehr. Das hat seine positiven Aspekte, aber auch negative. Ich bin ein Routinier, fühle mich aber sehr jung, voller Elan und Frische. Ich habe einen guten Mix zwischen Erfahrung und Frische. So schnell werdet ihr mich nicht los. (lacht)

Sie haben am 6. Dezember 2014 ihren 53. und letzten Weltcup-Sieg gefeiert …

Um Gottes willen, so lange ist das her?

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2001/2002: Sven Hannawald jubelt mit Bundestrainer Reinhard Hess (r.) und Co-Trainer Wolfgang Steiert. Sein Erfolg bei der Vier-Schanzen-Tournee löste in Deutschland einen Hype ums Skispringen aus... ©

Seitdem sind Sie immer präsent, haben aber eine Talsohle durchschritten. Warum reizt Sie das Skispringen noch?

Es ist ein inneres Gefühl, dass es das noch nicht gewesen ist. Skispringen macht mir Spaß, wenn ich ins Schweben komme. Das ist ein irre geiles Gefühl und das koste ich aus. Ich fühle mich zu jung, um aufzuhören. Da kommt noch was. Ich bin ein besessener Sportler und ich kann mir vorstellen, dass es noch einige Jahre geht.

Sie waren mal der Springer, der allen davongesprungen ist. Jetzt sind Sie einer von vielen. Frustriert das nicht?

Als ich nicht so ins Fliegen gekommen bin, hat es weniger Spaß gemacht, keine Frage. Das Außergewöhnliche an meiner Karriere war nicht, eine Talsohle durchschritten zu haben, sondern zehn Jahre ein Topspringer gewesen zu sein. Es hat so kommen müssen, dass ich nicht mehr vorn mitspringe. Jetzt ist das große Ziel, wieder in die Weltspitze zu kommen. Es ist eine andere Herausforderung, weil sich das Skispringen vom Reglement und dem Material extrem weiterentwickelt hat. Ich bin im Menschlichen an dieser Herausforderung gewachsen. Ich würde mich freuen, wenn es sportlich wieder nach oben geht.

Der ehemalige deutsche Bundestrainer Werner Schuster trainiert Sie seit dem Sommer. Sie bezahlen ihn sogar aus eigener Tasche. Warum dieser Schritt?

Werner Schuster war schon einmal eine Schlüsselfigur in meiner Karriere in jungen Jahren. Keiner kennt meinen Sprung, meinen Kopf so gut wie er. Es ist für mich erfüllend, mit ihm zusammenzuarbeiten. Ich war am Scheideweg, nachdem ich bei der Heim-WM in Seefeld nicht dabei war. Ich habe mir Gedanken gemacht, ob es noch Sinn ergibt, weiterzumachen. Ich habe dann mit Weggefährten von früher darüber gesprochen, ob ich das Potenzial noch habe. Werner Schuster war einer von denen und er hat mich bestärkt. Ich denke, ich bin da jetzt auf einem guten Weg. Natürlich träume ich noch von Siegen – aber es kann auch sein, dass ich nie wieder oben stehe.

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Wie funktioniert die Zusammenarbeit?

Im Frühjahr und Sommer gab es intensive Phasen auf der Schanze. Es ist so geregelt, dass er mein Berater für technische und materielle Fragen ist. Er hilft mir auch mental. Nach einem Weltcup-Wochenende analysieren wird, wohin es geht. Das muss ich dann umsetzen. Es funktioniert zurzeit sehr gut.

Sie engagieren sich inzwischen auch abseits der Schanze, haben kürzlich in Seefeld einen Tag mit gehörlosen Kindern verbracht. Sie selbst sind auf dem linken Ohr taub. Sind Sie ein Mutmacher?

Es ist der richtige Zeitpunkt vom Alter her gekommen, dass ich die öffentliche Wahrnehmung in dieser Richtung nutzen kann. Ich möchte Kindern Mut machen, denen es ähnlich geht wie mir. Taub sein ist leider immer noch ein Tabuthema. Eine Brille trägt jeder – aber ein Hörgerät ist immer noch etwas Außergewöhnliches. Ich möchte zeigen, dass man alles erreichen kann und sich nicht schämen muss. Der Tag hat mir sehr gefallen und der Punkt liegt mir am Herzen.