28. Januar 2018 / 21:27 Uhr

Skisprung-Legende Martin Schmitt wird 40: "Ich wollte nie etwas geschenkt haben"

Skisprung-Legende Martin Schmitt wird 40: "Ich wollte nie etwas geschenkt haben"

Sönke Gorgos
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Martin Schmitt kann auf eine große Karriere zurückblicken.
Martin Schmitt kann auf eine große Karriere zurückblicken. © imago images / Montage
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Er wurde Olympiasieger, Weltmeister und holte zweimal den Gesamt-Weltcup. Martin Schmitt, der das Skispringen revolutionierte, gehört zu den größten Sportlern seiner Generation. Im SPORTBUZZER-Interview spricht der gebürtige Villingen-Schwenninger über Triumphe, Niederlagen und die Olympia-Chancen der Deutschen.

SPORTBUZZER: Herr Schmitt, essen Sie gern Schokolade?

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Martin Schmitt: (lacht) Ja, das mache ich schon ganz gern.

Sie und der lilafarbener Helm mit der Werbung eines bekannten Schokoladenherstellers waren über Jahre hinweg das bekannteste Paar im Skisprungzirkus. Haben Sie noch einen?

Die waren recht auffällig, das stimmt. (lacht)Ich habe tatsächlich sogar noch sechs oder sieben.

Ihr markanter Helm war in ganz Deutschland bekannt, als Sie zur Jahrtausendwende das Skispringen mit zwei Siegen im Gesamtweltcup dominierten.

Es war enorm, wie sich das Skispringen in dieser Zeit entwickelt hat. Als ich 1997 in den Weltcup gekommen bin, war die Vierschanzentournee schon eine Nummer, die Stadien voll. Aber mit den Erfolgen von Sven (Hannawald, d. Red.) und mir kam eine neue Stufe. Es war wirklich ein Hype.


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​"Ich war froh in einem Sport aktiv zu sein, der viele Menschen interessiert"

Hat Sie das beeinflusst?

Ich habe mich auf den Sport konzentriert. Alles andere waren Begleiterscheinungen. Aber ich war froh, in einer Sportart aktiv zu sein, die viele Menschen interessiert. Es hat mich immer mehr motiviert, vor eigenem Publikum in Garmisch-Partenkirchen oder Oberstdorf zu springen.

Was war für Sie der größere, schönere Erfolg - Olympia-Gold 2002 in Salt Lake City mit der Mannschaft oder ihre beiden Gesamtweltcup-Siege 1999 und 2000?

Den Gesamtweltcup zu gewinnen war schon zu Beginn meiner Karriere ein Traum. Rein sportlich ist das der größere Erfolg, weil es eine ganze Saison dokumentiert. In den beiden Jahren war ich einfach der beste Skispringer, das wird im Gesamtweltcup abgebildet.

Martin Schmitt: Bilder seiner Karriere

Martin Schmitt kann auf eine große Karriere zurückblicken. Zur Galerie
Martin Schmitt kann auf eine große Karriere zurückblicken. ©

Wie haben Sie die Siege erlebt?

1999 hat es sich nach einem Zweikampf mit Janne Ahonen erst am letzten Wochenende entschieden. Dadurch hatte es noch eine spezielle Dramatik. Einzelerfolge wie die vier WM-Titel oder Olympische Spiele leben von der Emotion in dem Moment. Die war in Salt Lake City aufgrund der Dramatik des Wettkampfes und des engen Ausgangs besonders stark.

Die Bilder haben viele Wintersportfans noch in Erinnerung. Ein Gänsehautmoment.

Niemand rechnet damit, dass man ein Mannschaftsspringen mit einem Zehntel gewinnen kann! (lacht) Da läuft es einem eiskalt den Rücken runter, wenn man unten steht und realisiert: Oh, wow, das war verdammt knapp!

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Stört es Sie, dass man die goldene deutsche Ära vielfach mit Sven Hannawalds Sieg bei der Vierschanzentournee in Verbindung bringt?

Nein, gar nicht. Die Wahrnehmung habe ich auch nicht. Wenn es um die Tournee geht - gerade zuletzt mit dem Sieg von Kamil Stoch, der nach Sven als zweiter Springer alle Springen gewonnen hat - rückt das natürlich in den Fokus. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass die Ära nur auf diesen Erfolg reduziert wird. Ich hatte eine tolle Karriere und verbinde mit jedem Erfolg viele tolle Momente. Es ist großartig, was Sven erreicht hat, das hat er sich verdient. In der Phase war es einzigartig.

Wieder in einem Team: Die beiden besten deutschen Skispringer der späten 1990er und frühen 2000er Jahre, Sven Hannawald und Martin Schmitt, schätzen sich. Inzwischen arbeiten beide als Experten für den TV-Sender Eurosport.
Weggefährten: Sven Hannawald und Martin Schmitt. © imago

Haben Sie einen Lieblingssieg?

Jeder Erfolg ist toll - aber manche stechen heraus. Zum Beispiel, wie sich 1999 in Planica der Gesamtweltcup entschieden hat. Ich war in einer Wahnsinnsform und konnte einen großen Rückstand aufholen. Die WM in Lahti 2001 war ein harter Kampf, weil Adam Malysz sehr stark war. Da hat bei mir alles gepasst. Ich bin Schanzenrekord mit Telemark gesprungen und habe gewonnen. Das sind Glanzmomente meiner Karriere.

Sie waren sehr jung, 2001 gerade 23. Wie sind Sie mit dem Erfolg umgegangen? Die Erwartungshaltung war ja enorm.

Ja, klar. Aber das ist irgendwann nicht mehr überraschend. Die eigene Erwartungshaltung ist hoch. Ich habe das aber nie großartig reflektiert. Da hatte ich auch gar keine Zeit für.

​"Man weiß erst, ob etwas klappt, wenn man es versucht. Ich habe es immer versucht."

War es schwierig, als der Erfolg irgendwann ausblieb? Es gab Phasen, wo Sie nicht vorn mitgesprungen sind. Viele Fans haben bewundert, dass Sie trotzdem dabei geblieben sind. Fragt man sich nicht ständig, warum es nicht läuft wie zuvor?

Diese Fragen habe ich mir gestellt. Man investiert viel - wenn sich die Erfolge nicht einstellen ist es hart. Aber das Leben ist kein Wunschkonzert. Im Sport hat man nie die Garantie, dass man den Wettkampf erfolgreich beendet, wenn man sich ihm stellt. Auch im Jugendbereich gibt es Rückschläge. Hätte ich mich davon beeinflussen lassen, wäre ich vermutlich nie in den Weltcup gekommen. Man weiß erst, ob etwas klappt, wenn man es versucht. Ich habe es immer versucht. Ich wollte nie etwas geschenkt haben.

Viele deutsche Springer sehen Sie als Vorbild. Können Sie ihnen vermitteln, wie sich ein Olympiasieg anfühlt?

Einer aus der aktuellen Mannschaft kennt dieses Gefühl ja schon. Andreas Wellinger wurde in Sotschi 2014 Olympiasieger im Team. Es ist ein großartiges Gefühl, denn der Olympiasieg ist eine Währung, die über die Grenzen des eigenen Sports hinaus gilt. Diese Chance kommt in einer Karriere nicht oft.

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Haben Sie Sorge, dass es für die Deutschen nicht zu einer Medaille reichen könnte? Im Teamwettkampf beim Skifliegen von Oberstdorf landeten die DSV-Adler auf Platz vier - hinter Norwegen, Slowenien und Polen. Bei der Tournee lag Kamil Stoch klar vorn. Was fehlt zu den vordersten Plätzen?

Nicht viel. Die Norweger haben eine starke Mannschaft, sind aber nicht uneingeschränkter Favorit, weil sie auf einer Großschanze ihre Qualitäten nicht so ausspielen können wie beim Skifliegen. Es kommt mehr auf die Absprungintensität an, wo das deutsche Team Vorteile hat. Auch Polen wird stärker sein als beim Skifliegen, die Slowenen eher nicht. Für Deutschland ist Gold möglich, aber es wird ein harter Kampf. Ich sehe Polen als stärkstes Team.

Ist Tournee-Dominator Stoch Einzel-Favorit?

Für Kamil waren die letzten Wochen sehr emotional. Er muss Ruhephasen finden, damit er in Pyeongchang mental und körperlich frisch an den Start geht. Ich glaube, er wird in einer guten Form sein. Im Skispringen weiß man aber nie, wie lange die hält. Es kann sein, dass ein anderer sich in einen Lauf springt. Stoch ist Mitfavorit, es wird aber kein Selbstläufer für ihn.

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Die deutschen Skispringer sind in dieser Saison in bestechender Form gewesen. Richard Freitag führte den Gesamtweltcup sogar an. Bei den Olympischen Spielen zählt er deshalb als ein absoluter Medaillenkandidat. Zur Galerie
Die deutschen Skispringer sind in dieser Saison in bestechender Form gewesen. Richard Freitag führte den Gesamtweltcup sogar an. Bei den Olympischen Spielen zählt er deshalb als ein absoluter Medaillenkandidat. ©

Wer gehört noch zum Kreis der Medaillenkandidaten?

Richard Freitag ist schon die ganze Saison enorm stark, hat zu seinem Sprung gefunden und sich weiterentwickelt, auch Wellinger kommt immer besser rein. Im polnischen Team macht neben Stoch auch Dawid Kubacki einen starken Eindruck, dazu Stefan Kraft und der Norweger Daniel-André Tande.

Sie haben betont, wie schnell ein Springer in einen Lauf kommen kann. Ist Selbstvertrauen wichtiger als in anderen Sportarten?

Es ist entscheidend, deshalb arbeitet jeder im mentalen Bereich. In dem Moment, in dem ich in meinen Sprung eingreifen muss, wird es mir nicht gelingen, das Maximum herauszuholen. Man braucht im Skispringen die tiefe Überzeugung in die eigene Fähigkeit. Diesen Zustand kann man nicht erzwingen. Man ist mehr als in anderen Sportarten auf Erfolgserlebnisse angewiesen - ähnlich wie beim Stürmer im Fußball. Da ist auch entscheidend, ob der Ball rein geht - oder an den Pfosten. (lacht)

Inzwischen ist Schmitt Mitinhaber der Sportmarketingagentur ASP SPORTS.
Inzwischen ist Schmitt Mitinhaber der Sportmarketingagentur ASP SPORTS. © imago

Sportarten wie Fußball und Tennis haben sich in den letzten 20 Jahren vor allem athletisch weiterentwickelt. Wie hat sich das Skispringen verändert?

Es wird noch spezifischer trainiert. Die Leistungsdichte ist größer geworden. Wenn ein Baustein nicht passt, muss man schnell ums Finale bangen.

Sie haben Ihre Karriere vor vier Jahren beendet. Was machen Sie heute?

Ich bin Teilhaber der Sportmarketingagentur ASP SPORTS, mit einem Schwerpunkt im Athletenmanagement. Darüber hinaus bin ich TV-Experte bei Eurosport und halte Vorträge über meine Erfahrungen im Leistungssport - etwa über Motivation und den Umgang mit Stresssituationen.

Sind Sie nach ihrem Karriereende je wieder gesprungen?

Nein, nicht mehr. Garmisch-Partenkirchen 2014 war mein letzter Sprung.

Ist es für Sie komisch, dass ihre früheren Konkurrenten Janne Ahonen (40), Noriaki Kasai (45) und Dimitri Vassiliev (38) noch immer aktiv sind?

Speziell bei Noriaki ist es krass, er ist ja deutlich älter als ich. Er ist eine Ausnahmeerscheinung.