21. März 2020 / 14:02 Uhr

Skisprung-Renndirektor Walter Hofer: So habe ich Skispringen zur TV-Sportart gemacht

Skisprung-Renndirektor Walter Hofer: So habe ich Skispringen zur TV-Sportart gemacht

Stefan Döring
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Hatte 28 Jahre lang alles im Griff: Walter Hofer war der oberste Regelhüter der Skispringer. Nun beendet er seine Karriere.
Hatte 28 Jahre lang alles im Griff: Walter Hofer war der oberste Regelhüter der Skispringer. Nun beendet er seine Karriere. © Christian Walgram/imago images
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Nach 28 Jahren hört Walter Hofer als Renndirektor bei den Skispringern auf. Auch wenn die Skiflug-WM aufgrund der Coronavirus-Pandemie ausfällt, erzählt er im SPORTBUZZER-Interview, wie er Skispringen zu einer beliebten TV-Sportart gemacht hat und warum keine Flüge auf 300 Meter erwünscht sind.

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Eigentlich hätte Walter Hofer an diesem Wochenende noch ein letztes Mal die volle Verantwortung für die Skispringer gehabt – auf dem großen Bakken im slowenischen Plancia. Die Skiflug-WM hätte der krönende Abschluss seiner 28-jährigen Zeit als verantwortlicher Fis-Renndirektor sein sollen. Doch die Saison musste der 65-Jährige vor ein paar Tagen bereits in Trondheim beendenund seine Rente früher einleiten. Die Coronavirus-Pandemie stoppte jäh die Saison. Hofer war 28 Jahre lang der oberste Regelhüter. Im Interview erzählt er, wie er das Skispringen zu dem gemacht hat, was es heute ist.

Herr Hofer, die Coronavirus-Pandemie hat nicht nur die Skisprung-Saison verkürzt, sondern auch Ihnen ein leises Karriere-Ende verschafft. Sind Sie traurig über die Umstände?

Für mich persönlich hat es keinerlei Auswirkungen. Es tut mir nur sehr leid für die Veranstalter, denn wir hätten an allen Wettkampforten auch gutes Wetter gehabt. Eine tolle Saison ist somit abrupt gestoppt worden.

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Es war auch das jähe Ende Ihrer Karriere als Renndirektor. Passt irgendwie, oder?

Es kam nie Routine auf. Es ist ein Merkmal dieser Sportart, dass niemals von vornherein feststeht, wer gewinnt. Ich habe in meiner Zeit keinen Wettkampfablauf zweimal gesehen. Wir haben zwar viele Abläufe standardisiert, aber letztendlich findet Skispringen im Freien statt. So sind die Verläufe immer unterschiedlich – diese Spannung streben wir aber auch an. Wir wissen nie, wie es ausgeht.

Was beeindruckt Sie am Skispringen?

Beim Skispringer ist der Kopf vorne. Es sind Kopf-Athleten. Alle Springer zeichnet eine unglaubliche mentale Stärke aus. Sie müssen mal in Planica am Schanzentisch stehen – da fragen Sie sich, wie man da freiwillig runter springen kann. Wozu diese Athleten in der Lage sind, das ist beeindruckend.

Sie waren 28 Jahre als Renndirektor federführend für die Entwicklung des Sports verantwortlich. Was war die wichtigste Änderung, die Sie angeschoben haben?

Skispringen ist eine echte Randsportart und es steckt keine echte Industrie dahinter. Skispringen kann man also wohl nur mit Bob, Rodeln und Eisschnelllauf vergleichen. Alle vier Sportarten können vom Athleten nichts verkaufen. Wir haben aus dem Skispringen deshalb ein künstliches und mediales Produkt geschaffen, was unseren Athleten und Veranstaltern ermöglicht, über die Veranstaltungen Geld zu generieren. Uns war von Anfang an klar, dass wir Rahmenbedingungen schaffen müssen, damit unser Sport es ins Fernsehen schafft und die Leute sehen, was der Athlet leistet. Wir brauchten die Bühne, um die Sportart zu präsentieren.

Skispringen: Die weitesten Flüge aller Zeiten

Am 14. Februar 2015 übersprang der Slowene </b>Peter Prevc</b> als erster Sportler überhaupt die 250-Meter-Marke - es sollte nicht der letzte Satz über diese Weite sein. Der <b>SPORT</b>BUZZER präsentiert euch die weitesten Skisprünge aller Zeiten. Zur Galerie
Am 14. Februar 2015 übersprang der Slowene Peter Prevc als erster Sportler überhaupt die 250-Meter-Marke - es sollte nicht der letzte Satz über diese Weite sein. Der SPORTBUZZER präsentiert euch die weitesten Skisprünge aller Zeiten. ©

Wie haben Sie das Skispringen aber zu einer Fernsehsportart gemacht?

Wichtig war das Format. Dass wir den ersten Durchgang auf 50 Springer und den zweiten Durchgang auf 30 Springer reduziert haben. Unser Ziel war es: Ein Springen darf nicht länger als 90 Minuten dauern, also nie länger als ein Fußballspiel. Zudem sind wir extra in den späteren Nachmittag gegangen, um die Wettbewerbe bei Flutlicht durchzuführen. Für die Zuschauer vor Ort war aber auch wichtig, dass die Pause nie länger dauern darf, als der folgende zweite Durchgang. Sonst wären die weg gewesen. Und dann haben wir festgelegt, dass der Beste – ob Papier- oder Tagesform – immer zum Schluss kommen muss. Seitdem springt der Beste im Gesamtweltcup im ersten Durchgang immer als Letzter und im zweiten Durchgang der Führende nach dem ersten Sprung. Wir Skispringer haben damit eine Regel für ähnliche Sportarten geschafften. Die Entscheidung fällt immer mit dem letzten Athleten.

Hofer: Skispringer hatten zu viel Freiraum

Dafür mussten immer wieder Regularien angepasst werden …

Ja. Wir haben das Skispringen stetig an die Bedürfnisse angepasst. Es war auch immer eine Auseinandersetzung zwischen Athleten und Fis. In meine Anfangszeit als Renndirektor fiel der Übergang vom Parallelstil in den V-Stil – und der dauerte lange. Mit Jan Böklov erfand ein bis dahin nur mäßig erfolgreicher Springer den V-Stil, was zur Folge hatte, dass nicht jeder sofort umgestellt hatte. Das zog sich eine Zeit lang. Dadurch mussten wir aber Anpassungen im Reglement und vor allem auf den Schanzen vornehmen. Es dauerte von 1992 bis 2008, bis alle Schanzen umgebaut waren. Der V-Stil passte nicht mehr zu den Schanzenprofilen, es wurde ja ganz anders, auch viel weiter gesprungen. Das führte dazu, dass wir angefangen haben, das Material zu regulieren. Bis dahin hatte der Athlet viel Freiraum, weil niemand realisierte, wie viel Aerodynamik in der Sportart steckte. Seitdem sind wir als Fis jedes Jahr dem Athleten und deren neuen Einfällen mit unseren Regeln hinterher gerannt. Jedes Jahr im Sommer, nach einer Saison, haben wir die Regeln an die Weiterentwicklungen der Athleten angepasst.

Dadurch, dass Sie immer wieder das Reglement angepasst haben, bewegt sich das Skispringen bei den Weiten seit Jahren auf einem ähnlichen Niveau. Ist die Fis also Schuld, dass der Traum vom 300-Meter-Flug nur ein Traum bleibt?

Ein Erfolgsgeheimnis unserer Sportart ist, dass der Zuschauer den Springer von oben bis unten beobachten kann. Ein 200-Meter-Flug ist gut zu beobachten, bei 300 Metern bringst du den Zuschauer aber immer weiter weg vom Geschehen. Dadurch würde der Stadioncharakter verloren gehen. Es ist wichtiger, den Springer den Zuschauern nahe zu bringen, als den Athleten weiter springen zu lassen. Die 300 Meter sind nicht interessant. Deshalb lassen wir im Schanzenbau auch alle paar Jahre nur mal fünf Meter zusätzlich zu. Ein Entwicklungsprung von 200 auf 300 Meter wäre fatal. Das würde der Sportart nicht helfen und wir würden unser gesamtes Steigerungspotenzial verschenken. Eine Schanze hat ihre Grenzen!

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2001/2002: Sven Hannawald jubelt mit Bundestrainer Reinhard Hess (r.) und Co-Trainer Wolfgang Steiert. Sein Erfolg bei der Vier-Schanzen-Tournee löste in Deutschland einen Hype ums Skispringen aus... ©

Sind Springen auf kleinen Schanzen daher für Sie die besseren?

Für uns ist es vor allem leichter zu steuern. Der Telemark und die Sprungrichternote zählen dann mehr – es hat also eine andere Spannung. Der Athlet will aber auf die große Schanze.

Haben Sie alles erreicht, was Sie sich vorgenommen haben?

Ich hätte gern Nordamerika wieder mehr integriert. Ich hätte gern die Skiflugschanze im US-amerikanischen Ironwood mit Plastikmatten ausgelegt. Dann könnte man ganzjährig Skifliegen trainieren. Wir haben die vergangenen 20 Jahre damit verbracht, die ehemaligen sowjetischen Skisprungnationen aufzurüsten. Das sind traditionelle Skisprung-Länder. Das haben wir inzwischen geschafft, jetzt müssen wir den Fokus auf andere Kontinente legen. Wir wollen nach Nordamerika zurückkehren.