29. Juli 2020 / 12:11 Uhr

Sky-Kommentator Jörg Dahlmann über Geisterspiele, seinen eigenen Stil und Kritik in Social Media

Sky-Kommentator Jörg Dahlmann über Geisterspiele, seinen eigenen Stil und Kritik in Social Media

Roman Gerth
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Jörg Dahlmann ist seit 2017 wieder als Kommentator bei <i>Sky</i> tätig.
Jörg Dahlmann ist seit 2017 wieder als Kommentator bei Sky tätig. © imago images/Schwörer Pressefoto
Anzeige

Seit rund 40 Jahren arbeitet Jörg Dahlmann als Fußball-Kommentator, momentan ist er für den Pay-TV-Sender Sky im Einsatz. Im SPORTBUZZER-Interview spricht der 61-Jährige über den Umgang mit Kritik in den sozialen Medien, erschwerte Bedingungen bei Geisterspielen und sein Verhältnis zu den Kommentatoren-Kollegen.

Anzeige

SPORTBUZZER: Herr Dahlmann, wie geht es eigentlich Frau Stachelbär?

Anzeige

Jörg Dahlmann (61): (lacht) Sie spielen auf meine Aussage ‘Da schau her, Frau Stachelbär‘ an, die in dieser Saison in meinem Kommentar vorkam. Dafür habe ich in einigen Medien durchaus Kritik bekommen. Über den Spruch habe ich mir aber zuvor gar keine Gedanken gemacht, weil der im süddeutschen Raum nicht ungewöhnlich ist. Ich habe später mal recherchiert und dann sogar einen Artikel in der überaus seriösen Zeit mit genau dieser Überschrift gefunden.

Diese und ähnliche Formulierungen gehören unbestritten zu Ihrem eigenen Stil als Kommentator dazu.

Ich versuche so zu sprechen, wie ich das im Alltag mit einem Kumpel auch tue. Das habe ich mir zur Maxime gemacht, auch wenn es vielleicht nicht jedem gefällt. Manche bevorzugen möglicherweise das standardisierte Reporter-Deutsch. Mir rutscht dann eben auch mal eine flapsige Bemerkung raus, die ein wenig daneben liegt, so ehrlich muss man sein. Es ist nicht einfach, die nötige Sachlichkeit mit Humor zu mischen, deshalb gelingt es nicht immer. Meinem Stil bleibe ich aber grundsätzlich treu.

Mehr vom SPORTBUZZER

Dafür müssen Sie häufig Kritik einstecken. Inwiefern verfolgen Sie das, was mittlerweile gerade bei Social Media geäußert wird – und was tun Sie gegen beleidigende Aussagen?

Mit negativer Kritik, die sachlich formuliert ist, kann ich sehr gut umgehen. Damit habe ich überhaupt keine Probleme, da antworte ich auch gerne drauf. Sobald es unter die Gürtellinie geht, antworte ich auch hin und wieder – aber eben auch pampig, um denjenigen den Spiegel vorzuhalten. Das zeigt oft Wirkung, denn meistens kommen von diesen Leuten dann Entschuldigungen zurück.

Es gibt auch lustige Reaktionen, so zuletzt bei Twitter. Dort bezeichnete der User Sie unter einem Video-Ausschnitt als „deutschen Goofy“, weil Ihnen im Spiel zwischen Hannover 96 und dem Karlsruher SC eine nur aus Vokalen bestehende Reaktion rausgerutscht war.

Daran erinnere ich mich noch genau, ja (lacht). Der KSC-Spieler Daniel Gordon säbelte über den Ball und ich habe den Fehltritt mitgelebt im Kommentar. So etwas ist dann wirklich auch witzig, darüber kann ich mich herrlich amüsieren. Das ist dann per Zufall auch ein sehr schöner Kommentar – ohne viele Worte wurde klar, was in dieser Szene los war.

"Das war dann gleich doppelt kurios"

Nach all den Jahren im Geschäft - kann Sie überhaupt noch etwas überraschen?

Ich erinnere mich an eine Szene aus der vergangenen Saison, als Michael Eberwein als Ersatzspieler von Holstein Kiel gegen den VfL Bochum einen weit am Tor vorbeigehenden Schuss von Silvere Ganvoula kurz vor der Torlinie stoppte. Nach Videobeweis gab es Elfmeter – den Regeln zufolge richtig, nur kannte ich diese Regel nicht, weil diese Szene ein Novum im deutschen Profifußball war. Und da Reservist Eberwein zudem ein Leibchen über seinem Trikot trug und bis dato noch keine Sekunde für Kiel in der 2. Liga auf dem Feld gestanden hatte, konnte ich sein Gesicht auch nicht einordnen. Das war dann gleich doppelt kurios.

TV-Experten: Diese Ex-Profis analysieren Bundesliga, Nationalelf und Europapokal

Neue Saison, neue TV-Experten: Sky, DAZN & Co. haben sich in der Saison 2019/20 personell verändert. Der <b>SPORT</b>BUZZER zeigt die Fachleute bei den Fußball-Übertragungen dieser Saison. Zur Galerie
Neue Saison, neue TV-Experten: Sky, DAZN & Co. haben sich in der Saison 2019/20 personell verändert. Der SPORTBUZZER zeigt die Fachleute bei den Fußball-Übertragungen dieser Saison. ©

Eine gänzlich neue Situation lieferte auch die Saison nach dem Restart, weil keine Fans im Stadion zugelassen waren. Wie sind Sie damit umgegangen?

Normalerweise haben wir die Laustärke der Zuschauer direkt auf den Ohren. Wenn die in Wallung kommen, dann lasse ich mich von der Atmosphäre anstecken. Wir haben alle gemerkt, dass der Fußball ohne Fans ein anderer ist. Das ist eine zentrale Erkenntnis aus der Corona-Zeit. Es war deutlich spürbar, welchen Unterschied die Zuschauer bei einem Spiel machen. Das gilt für uns als Reporter auch. Wenn es im Umfeld ruhiger ist, dann bleibt man selbst ruhiger und weniger emotional. Das versuchen wir auszugleichen.

Mit welchen Mitteln ist das möglich?

Ich habe häufig versucht, die Situationen offen und unkommentiert zu lassen, in denen auf oder neben dem Platz von Spielern, Trainern und anderen Beteiligten viele Emotionen und laute Kommandos zu hören waren. Zumindest dann, wenn ich meinte, den Lärm dem Spielgeschehen zuordnen zu können. Das ist etwas, das wir Sportkommentatoren uns alle noch mehr hinter die Ohren schreiben müssen, gerade in vollen Stadien: das Geschehen auf dem Platz und den Tribünen häufiger mal stehen zu lassen und nicht mit unserem „Geschwätz“ zu überdecken. Das gilt natürlich nicht so sehr für die Konferenz, die von der Emotion lebt, sehr wohl aber für die Einzelspiele. Dort sind Pausen an der richtigen Stelle ein elementarer Bestandteil des Live-Kommentars.

Sky-Kommentator Dahlmann: "Ich liebe die Konferenz über alles"

Die Spiele in der Konferenz werden von den Kommentatoren nicht im Stadion, sondern zentral aus dem Sky-Studio in Unterföhring begleitet. Was bedeutet das für Sie?

Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass die Kommentatoren des Einzelspiels vor Ort sein sollten. Bei der Konferenz ist es anders, weil auch technisch einfacher, wenn alle Kommentatoren an einem Ort sitzen. Es vereinfacht die Koordination sehr, und die Atmosphäre im Konferenz-Studio in Unterföhring ist etwas ganz Besonderes.

Mehr vom SPORTBUZZER

Sehen Sie sich selbst eher als Konferenz- oder Einzelspiel-Kommentator?

Das hat sich bei mir im Laufe der Zeit gewandelt. Ich bin jetzt 61 und habe mit 23 mein erstes Spiel kommentiert, damals für das ZDF-Sportstudio. Ich habe es sehr genossen, in allen möglichen Stadien gewesen zu sein. Das hat für mich den Reiz ausgemacht, das habe ich geliebt. Mittlerweile tendiere ich doch eher zur Konferenz – auch aus Reisegründen, weil ich größtenteils auf Mallorca lebe und es ist einfach, nach München zu fliegen, weil die Flugverbindung sehr gut ist. Als Sky mich seinerzeit angesprochen hat, ob ich nicht zurückkommen möchte, hat mich der mittlerweile leider verstorbene Burkhard Weber gefragt, was mein Wunsch wäre. Da habe ich sofort gesagt: am liebsten würde ich nur Konferenz machen.

Aber doch nicht rein aus den genannten praktischen Gründen?

Nein, absolut nicht. Ich liebe die Konferenz über alles. Das ist solch ein tolles Produkt, das den deutschen Fußball im Fernsehen auch ausmacht. Es ist eigentlich unglaublich, dass es das in England oder Spanien nicht gibt. Dort sind die Anstoßzeiten eben so getaktet, dass kaum mehrere Spiele gleichzeitig stattfinden. Das Hin und Her in der Konferenz ist enorm reizvoll, was die Emotion und Unterhaltung angeht. Wer die taktischen Feinheiten des Spiels erleben will, der schaut natürlich lieber das Einzelspiel. Aber für Fußball als Unterhaltung ist das Format Konferenz ideal.

Dahlmann über Kollegen Buschmann, Dittmann und co.: "Bin nicht eifersüchtig"

Sie sind seit knapp 40 Jahren im Geschäft. Wie hat sich die Kommentatoren-Zunft seitdem entwickelt?

Ich erinnere mich noch an Zeiten von Ernst Huberty (den ich persönlich sehr verehre) und Co., als es gängig war, einfach nur ‚Tor‘ zu rufen. Das ähnelte eher Beamtendeutsch, war sehr sachlich und ruhig. Als ich in den 1990er-Jahren das legendäre Tor von Jay-Jay Okocha mit Eintracht Frankfurt gegen den Karlsruher SC und Torhüter Oliver Kahn kommentiert habe und richtig aus dem Sattel gegangen bin, war das absolut neu. Ich habe dafür viel positives Feedback bekommen. Heute ist diese Art von Emotionalität schon normal. Wenn man meine Okocha-Reaktion jetzt auf ein anderes Tor von ähnlicher Qualität legen würde, könnte man fast schon sagen, dass es nicht emotional genug war.

Mit Wolff Fuss, Frank Buschmann, Kai Dittmann, Ihnen und noch einigen gibt es unter den Kommentatoren zahlreiche bekannte Persönlichkeiten. Entsteht da nicht manchmal Neid und Missgunst?

Mit dem Alter wird man einfach ruhiger (lacht). Im Ernst: ich gönne Wolff, Frank, Kai und allen anderen den Erfolg und die tolle Resonanz wirklich von Herzen. Wenn sie große Spiele kommentieren dürfen, dann haben sie sich das total verdient. Ich bin weit davon entfernt, eifersüchtig auf einen meiner sehr geschätzten Kollegen zu sein.