24. Dezember 2020 / 14:44 Uhr

Besuch von Tochter Gabi und Erinnerung an Erfolge von einst: So feiert Eiskunstlauf-Legende Jutta Müller Weihnachten

Besuch von Tochter Gabi und Erinnerung an Erfolge von einst: So feiert Eiskunstlauf-Legende Jutta Müller Weihnachten

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Auf einen Weihnachtsbesuch von Urenkelin Charlotta kann sich Jutta Müller im Corona-Jahr 2020 nicht freuen.
Auf einen Weihnachtsbesuch von Urenkelin Charlotta kann sich Jutta Müller im Corona-Jahr 2020 nicht freuen. © dpa
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Ihre Schützlinge gewannen drei olympische Goldmedaillen, zehn Welt-, 18 Europa- und 42 DDR-Meistertitel. Jutta Müllers Erfolge als Eiskunstlauf-Trainerin suchen ihresgleichen. Doch heute ist es einsam um die in Chemnitz lebende inzwischen 92-Jährige geworden, auch weil die meisten WeggefährtInnen verstorben sind. Zu Weihnachten wird sie aber nicht ganz allein sein.

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Chemnitz. „Ich bin jetzt oft sehr einsam und allein“, klagte Mitte Dezember an ihrem 92. Geburtstag Jutta Müller, die einst erfolgreichste deutsche Eiskunstlauftrainerin aller Zeiten. „Meist sitze ich vor dem Fernsehapparat in meiner Wohnung. Vor die Tür komme ich nur noch selten und während der Corona-Pandemie schon gar nicht. Mir fällt das Laufen schwer“, schildert die einst so resolute Frau ihre Situation.

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Besuch von Katarina Witt

Gern denkt die einstige Star-Trainerin an die Zeit ihrer 61-jährigen Ehe mit dem DDR-Fußball-Nationalspieler Bringfried „Binges“ Müller zurück. Der einstige Coach von Wismut Aue verstarb vor vier Jahren. Wenn Zweitligist Erzgebirge Aue heutzutage mit Trikots in Veilchenfarbe aufläuft, hat das auch etwas mit Jutta Müller zu tun. Die Wismut-Kumpel züchteten in 900 Meter Tiefe unter UV-Licht Veilchen. „Jutta gefiel das, deshalb regte ich die Veilchenfarbe für unsere Trikots an“, erzählte „Binges“ einst in einer interessierten Runde. Bei der Tradition blieb es bis heute.

DURCHKLICKEN: Bilder aus Leben und Karriere von Jutta Müller

Unter den kritischen Augen ihrer Mutter und Trainerin Jutta Müller (r) trainiert die DDR-Eiskunstäuferin Gaby Seyfert im Februar 1968 in Grenoble für den Start bei den Olympischen Winterspielen. Zur Galerie
Unter den kritischen Augen ihrer Mutter und Trainerin Jutta Müller (r) trainiert die DDR-Eiskunstäuferin Gaby Seyfert im Februar 1968 in Grenoble für den Start bei den Olympischen Winterspielen. ©

„Inzwischen sind auch alle meine Freundinnen verstorben. Im Frühjahr ging mit knapp 93 Jahren Irene Salzmann von uns“, berichtet Jutta Müller. Mit der später erfolgreichen Paarlauftrainerin - sie führte 1982 Sabin Baeß/Tassilo Thierbach zu Weltmeister-Gold - tanzte im Februar 1949 Jutta Müller, damals noch Seyfert, zum Ostzonen-Meistertitel im Damen-Paarlauf.

Manchmal blättert die einstige Grand Dame in einem der zahlreichen Alben und schwelgt in Erinnerungen. Unlängst aber war die Vergangenheit für eine paar Stunden wunderschöne Gegenwart: „Da hat mich Katarina besucht.“ Ein bisschen mussten die beiden Frauen schon mit den Tränen kämpfen, als sie sich an die WM 1987 in Cincinnati erinnerten. Unvergessen, Katarina Witts Kür als Maria aus der West Side Story. Nach dem Vortrag ging in fast allen Wohnungen der Stadt das Licht an. Es war ein Dankeschön für die wundervolle Kür. Die Ostdeutsche würzte damals ihren Vortrag mit mit den dreifachen Sprüngen Salchow, Toeloop und Rittberger. „Katarina lief wie im Rausch. Wahrscheinlich war das die Kür ihres Lebens“, glaubt Frau Müller, die sich auch gern an die Worte der damals entthronten USA-Weltmeisterin Debi Thomas (heute Ärztin) auf der Pressekonferenz erinnert, als Debi sagte: „Was ist das für ein Wunder-Mädchen! Das macht mich auf die Silbermedaille doppelt stolz.“ Diese Kür und der Olympiasieg als „Carmen“ 1988 sorgten für eine riesige Popularität der in Staaken bei Berlin geborenen Sächsin. „Davon profitierte Katarina auch nach der Wende“, freut sich ihre frühere Trainerin. Katarina Witt stieg an der Seite von Olympiasieger Brian Boitano (USA) zum Showstar in Nordamerika auf.

Enkel und Urenkel bleiben zu Hause

Jutta Müller hätte wie in früheren Jahren gern an den Weihnachtsfeiertagen Eiskunstlaufen mit Daniel Weiss als Moderator gesehen, aber Covid-19 knipste das Licht aus. Die Deutschen Meisterschaften vorige Woche liefen nur im Internet. Ganz verzichten musste Frau Müller „Auf den schönsten Sport der Welt“ dennoch nicht. „Den neuen Film über Katarina habe ich mir dreimal im Fernsehen angeschaut – erst bei Arte dann in der ARD und schließlich beim MDR. Schöne Erinnerungen“, lächelt die Chemnitzerin, die seit 2004 einen Platz in der Hall of Fame des Eiskunstlaufs in den USA hat.

Wenn Enkelin Sheila (46) und die Urenkel Charlotta (8) und Felix (5) über das Fest aus Rücksicht nicht nach Chemnitz brummen, so ist Jutta Müller trotzdem nicht allein. „Mein Mann und ich fahren von Berlin nach Chemnitz und besuchen meine Mutter“, verrät die zweimalige Weltmeisterin Gabriele Seyfert (72). Sicher wird sich auch der ein oder andere aus der Schar von 48 internationalen Medaillengewinnern wie zum Beispiel Olympiasiegerin Annett Pötzsch oder Weltmeister Jan Hoffmann bei ihr melden. Im Kerzenschein verfliegt dann vielleicht das Gefühl der Einsamkeit. Wenn die 92-Jährige aus dem Fenster ihrer langjährigen Wohnung am Stadtpark blickt, liegt Chemnitz ihr zu Füßen, nicht nur deshalb würden sicher zahlreiche Frauen in ihrem Alter gern mit ihr tauschen.

Manfred Hönel