24. Februar 2017 / 17:36 Uhr

So geht es Ex-96-Profi Hakan Bicici heute

So geht es Ex-96-Profi Hakan Bicici heute

Stephan Hartung
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Hakan Bicici wurde bei Hannover 96 ausgebildet und kam 1989 zu den Profis. Dort avancierte er direkt in seinem ersten Jahr zum Stammspieler in der 2. Bundesliga. 
Hakan Bicici wurde bei Hannover 96 ausgebildet und kam 1989 zu den Profis. Dort avancierte er direkt in seinem ersten Jahr zum Stammspieler in der 2. Bundesliga.  © imago/Rust
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Ein Fußball-Hallenturnier für Hakan Bicici: Mit dem „Get Better Kick“ soll im Soccer Park Langenhagen, Stadtweg 25, ein möglichst großer Erlös für den schwer kranken Ex-Profi erzielt werden. Am Sonnabend, 25. Februar, sind ab 13 Uhr im Ortsteil Engelbostel 30 Mannschaften im Einsatz. Alle teilnehmenden Spieler werden sich die eine Frage stellen: Wie geht es Hakan heute?

Hakan Bicici liegt im Wachkoma. Er ist damit ein Pflegefall und benötigt eine verlässliche Betreuung. Hülya Häseler ist eine Person davon, die sich dafür engagiert. Die Tante von Bicici ist einmal pro Woche bei ihm, kümmert sich auch um die vielen bürokratischen Angelegenheiten – und hält natürlich ständig Ausschau nach möglichen Therapien für Wachkoma-Patienten. Dem Themenspektrum sind dabei genauso wenig Grenzen gesetzt wie den unterschiedlichen Meinungen, die man im Internet liest oder von diversen Experten hört.

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„Die Mutter von Hakan macht aber noch viel mehr“, sagt Hülya Häseler und möchte damit ihren Anteil, der jedoch erheblich ist, gar nicht so groß herausstellen. Hakans Mutter Fatma Bicici, zugleich die Schwester von Hülya Häseler, schläft nachts nicht durch. „Alle drei Stunden steht sie auf und ist bei ihm, um ihn in seinem Bett zu wenden, damit er sich nicht wund liegt. Ich habe sehr großen Respekt davor, was sie leistet.“ Familie Bicici wird zudem von einem Pflegedienst unterstützt, der viermal pro Tag in der Wohnung im Stadtteil Bothfeld vorbeischaut. Ernährt werden muss er mittels einer Sonde. Denn die Kaumuskulatur arbeitet nicht mehr, auch Schlucken ist nicht möglich – die Gefahr einer Erstickung wäre zu groß.

Hakan Bicici: Eine Karriere in Bildern

Hakan Bicici wurde bei Hannover 96 ausgebildet und kam 1989 zu den Profis. Dort avancierte er direkt in seinem ersten Jahr zum Stammspieler in der 2. Bundesliga.  Zur Galerie
Hakan Bicici wurde bei Hannover 96 ausgebildet und kam 1989 zu den Profis. Dort avancierte er direkt in seinem ersten Jahr zum Stammspieler in der 2. Bundesliga.  ©

Rückblickend, sagt seine Tante, sei damals nach dem Unfall in der Türkei zu viel Zeit verloren gegangen. „Erst zwölf Tage nach dem Unfall lag er in der Medizinischen Hochschule Hannover. Ohnehin ist er erst in Deutschland ins künstliche Koma versetzt worden.“ Am 26. November 2012 erlitt Bicici bei einem Autounfall nahe der südtürkischen Stadt Adana schwerste Verletzungen. Als Fahrer des Autos wurde er aus dem Fahrzeug geschleudert. Zwar sind die diversen Knochenbrüche längst verheilt. Seine Kopf-Verletzungen haben aus ihm jedoch einen Wachkoma-Patienten gemacht.

Heute ist der 46-Jährige auf einen Multifunktionsrollstuhl inklusive Kopfstütze angewiesen. Mit dem Rollstuhl kann er mittels einer Rampe direkt in einen Caddy fahren – wichtig für den Transport des Patienten. „Der ehemalige Freiburger Profi Ali Günes hat uns geholfen, dass wir das Auto mit Rampe günstiger erwerben konnten“, sagt Häseler. Und diese Mobilität ist auch dringend notwendig. Denn die familiäre Betreuung, der Pflegedienst sowie regelmäßige Besuche beim Hausarzt und Neurologen bestimmen den Alltag – und natürlich Therapien. „Hakan erhält sozusagen täglich Bewegung von Kopf bis Fuß“, erzählt seine Tante. Dazu gehören Therapien im Wasser und das Simulieren eines normalerweise selbstverständlichen Automatismus: Gehen. „Damit sollen die Sinne simuliert und der Kopf trainiert werden. Das tut Hakan gut.“

Hier könnt Ihr digital in dem Programmheft zum Get-better-Kick blättern:

Das Sportbuzzer-Magazin zum Benefiz-Hallenturnier. Zur Galerie
Das Sportbuzzer-Magazin zum Benefiz-Hallenturnier. ©

Das Problem: Die Krankenkassen zahlen nur Standardleistungen wie Ergo- und Physiotherapien. Die nötigen Spezialbehandlungen wie Wassertherapien oder das Simulieren vom Gehen, der Fachbegriff lautet „Lokomat“ und wird mithilfe von Orthesen durchgeführt, werden nicht übernommen. Aus diesem Grund benötigt die Familie Geld – möglichst viel davon soll das Benefizturnier einbringen, um die Kosten zu decken. Mit sieben Personen haben die Bicicis mit Familien und Freunden einen Verein gegründet, die Wachkomahilfe Bicici. Diesen eingetragenen und gemeinnützigen Verein, der auch ein Spendenkonto besitzt, gibt es seit 2014. Er erhält den Erlös des „Get Better Kicks".

Wie sieht es mit den Fortschritten aus? „Wir müssen Geduld haben. Es läuft in Wellenform ab. Mal geht es einen Schritt vor und zwei zurück – und dann wieder drei Schritte nach vorn“, sagt Hülya Häseler und berichtet davon, „dass Hakan seine Situation mitbekommt – oft wird er dann traurig, beispielsweise wenn er sprechen will, aber nicht sagen kann, was er will“. Hakan Bicici kann nicht mehr reden. Nur mit Heben von Zeigefinger (bedeutet „Ja“) oder Zeigefinger und Mittelfinger („Nein“) kann er sich artikulieren.


Er bekommt aber mit, was um ihn herum passiert, wenn seine Familie und Freunde in seiner Nähe sind. Auch Fußballgucken klappt – natürlich mit Abstrichen. „Wir waren mal in Ricklingen im Beekestadion. Da hat er sich ganz interessiert vorgebeugt und auf das Spiel reagiert. Bei 96 im VIP-Bereich hat er sich aber nicht wohlgefühlt, das war zu viel Rummel.“ Die Ärzte können natürlich nicht in die Zukunft schauen und äußern sich daher nicht konkret zum möglichen Heilungsverlauf – was im Gehirn alles passiert, ist eben noch nicht abschließend erforscht. Was sie der Familie jedoch mitgeteilt haben: Wichtig sind die ersten fünf bis sechs Jahre nach dem Unfall. Jeder in den Therapien erzielte Fortschritt im Bewegungsapparat würde das weitere Leben von Hakan Bicici vereinfachen – was sich bis dahin nicht in positiver Richtung verändert, bleibt jedoch irreparabel.

Ideen zur Verwendung des Geldes

2015 absolvierte Hakan Bicici in der Türkei eine Delfin-Therapie. „Das hat geholfen, war mit zwei Wochen aber zu kurz. Bis er sich akklimatisiert hatte, war schon eine Woche vergangen“, sagt Hülya Häseler und schließt nicht aus, dass bei vorhandenem Geld – möglichst schon nach dem Benefizturnier im Soccer Park – eine Wiederholung geplant wird. „Dann aber für drei bis vier Wochen.“,,,
Außerdem möglich: die sogenannte Adeli-Therapie. Im slowakischen Kurort Piestany gibt es seit 2004 das Adeli Medical Center. Diese internationale Rehabilitationsklinik ist spezialisiert auf Patienten mit neurologischen Erkrankungen. Zentrales Element der Behandlung ist der Adeli-Anzug – der nichts anderes ist als ein adaptierer Weltraumanzug von sowjetrussischen Kosmonauten. Dieser besteht aus einem System von Stütz- und Belastungselementen. Diese sind mit elastischen Seilzügen verbunden, wodurch eine gewisse Ähnlichkeit zum menschlichen Muskelsystem hergestellt wird. Bewegt sich nun der Patient, werden vom Bewegungsapparat verstärkt Signale an das Gehirn geschickt und gespeichert. Bei der nächstfolgenden Bewegung ruft das Hirn die nötigen Signale zur Ausführung ab, wodurch schließlich Bewegungen erlernt werden, die die Patienten vorher nicht auszuführen vermochten.

Ein kurzer Besuch

30 Mannschaften spielen im Soccer Park zugunsten von Hakan Bicici. Damit ist er gewissermaßen die Hauptperson des Tages, er wird aber nicht komplett anwesend sein. „Wenn er bei dem Turnier von Anfang bis Ende da wäre, würde ihn das überfordern“, sagt Hülya Häseler, kündigt aber an, „dass wir auf jeden Fall vor Ort sein werden, vielleicht auch eher am Ende des Turniers – dann kann Hakan noch einen Teil der Players Night mitbekommen, er hat ja auch immer gern gefeiert“, sagt sie mit einem Augenzwinkern.

Während des Turniers, spätestens bei der Abschlussfeier, wird er dann viele ehemalige Weggefährten sehen, einige von ihnen statten ihm regelmäßige Besuche ab. „Frank Obermeyer, Martin Groth und Marko Dehne kommen hin und wieder mal vorbei“, berichtet Hülya Häseler, die vermutet, dass viele andere Spieler Hemmungen hätten. „Manche ertragen es nicht, Hakan in seinem jetzigen Zustand zu sehen – sie haben ihn anders in Erinnerung. Und natürlich können sie sich auch nicht mit ihm unterhalten.“