16. Juni 2021 / 11:56 Uhr

Sollen Frauen in Herrenmannschaften mitspielen dürfen?

Sollen Frauen in Herrenmannschaften mitspielen dürfen?

Jan Claas Harder
Kieler Nachrichten
Frank Weschke trainiert momentan die Herrenmannschaft des Büdelsdorfer TSV. Er war aber auch schon im Frauenfußball aktiv. Mit dem Kieler MTV feierte er 2019 die Meisterschaft in der Fußball-Oberliga.
Frank Weschke trainiert momentan die Herrenmannschaft des Büdelsdorfer TSV. Er war aber auch schon im Frauenfußball aktiv. Mit dem Kieler MTV feierte er 2019 die Meisterschaft in der Fußball-Oberliga. © Uwe Paesler
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Für eine kleine Revolution sorgte eine im Mai getroffene Entscheidung des niederländischen Fußballverbandes KNVB. Ab der Saison 2021/22 dürften im Nachbarland nun Frauen und Männer im Amateurfußball gemeinsam in einer Mannschaft spielen. Die neue Regelung gilt bis hinauf zur drittklassigen Tweede Divisie.

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Bewegung in die Thematik brachte unter anderem das Schicksal der mittlerweile 19 Jahre jungen Ellen Fokkema. Die Niederländerin spielte bis zu ihrem 18. Lebensjahr beim Amateurclub VV Foarut in einem Team mit Männern. Nach den bisher bestehenden Regularien hätte sie das Team nun eigentlich verlassen müssen, denn bis dato waren Mädchen nur in Jugendmannschaften oder den B-Mannschaften der Senioren zugelassen. Weil es in der Region Friesland aber kein passendes Frauenteam für Fokkema gab, konnte sie mit Hilfe einer Sondergenehmigung weiter in einem Männerteam spielen. Eine solche Sondergenehmigung ist ab kommender Saison jedoch nicht mehr nötig. Fortan dürfen Frauen in den Niederlanden gemeinsam mit Männern in allen Amateurligen Fußball spielen.

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Von einer Revolution im Fußball ist die Rede. Einige sprechen sogar von einem historischen Moment. Und daher drängt sich natürlich auch die Frage auf, wie man in Deutschland mit dieser Thematik umgehen will und sollte. Ist eine solche Entscheidung auch in Deutschland denkbar oder sogar ein gutes Modell? Wir haben uns daher ein wenig umgehört und sind diesbezüglich auf Stimmenfang gegangen.

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Stephan Mohr, Fußballobmann des SV Fortuna Bösdorf, steht derartigen Veränderungen eher skeptisch gegenüber: „Sicherlich gibt es einige Teamsportarten bei denen man das Mitspielen von Frauen leicht umsetzen kann. Ob nun die Kontaktsportart Fußball nun der geeignete Sport dafür ist, sollte jedoch ernsthaft überdacht sein. Vor allem sollte die Umsetzung intensiv durchleuchtet werden. Ich persönlich bin der Meinung, dass man es so lassen sollte wie es ist. Zudem wäre es beispielsweisewäre auch sehr fragwürdig, wenn ein Team zu einem Drittel aus Herren und zu zwei Drittel aus Frauen besteht, während beim Gegner ein umgekehrtes Verhältnis besteht oder dieses ausschließlich mit Herren besetzt ist.“

Doch Mohr glaubt nicht nur daran, dass die praktische Umsetzung sich schwierig gestalten könnte. Er bezweifelt zudem, dass überhaupt der Wunsch nach einer Veränderung besteht: „Letztendlich hängt es eh von den Spielerinnen ab, ob diese überhaupt dazu bereit sind in einer Herrenmannschaft mitzuspielen. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass viele Frauen dies möchten. Ich glaube eher, dass sie lieber unter sich bleiben wollen.“

Eine eindeutige Meinung zum Thema hat auch Bösdorfs Co-und Torwarttrainerin Jessica Wann: „Während meiner aktiven Zeit kam es einige Male vor, dass Trainingsabschlussspiele gemeinsam mit den Herren durchgeführt wurden. Hier zeigte sich recht deutlich, dass die athletischen Unterschiede in allen sportlichen Bereichen einfach viel zu groß sind. Daher muss ich mich gegen eine Regeländerung aussprechen.“

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Erfahrungen als Coach machen konnte Frank Weschke bereits mit beiden Geschlechtern. Momentan trainiert er mit dem Landesligisten Büdelsdorfer TSV eine Herrenmannschaft, doch er stand auch schon an der Seitenlinie eines Frauenteams. Zum Thema hat er eine klare Meinung: „Ich frage mich dabei vor allem welchen Mehrwert das Ganze haben soll? Es würden stattdessen zahlreiche Probleme auftreten. Wie soll man beispielsweise die Nutzung der Umkleidekabinen regeln? Wie will man sexuelle Belästigungen vermeiden? Für die Vereine würden sich eine ganze Reihe von Fragen und Herausforderungen stellen und zugleich würde sich kein wirklicher Nutzen ergeben.“ Doch Weschkes Skepsis existiert nicht nur aus den Aspekten, die sich aus der praktischen Umsetzung ergeben würden. Als Hauptgrund seiner Ablehnung nennt er die körperlichen Unterschiede der Geschlechter: „Es kommt halt irgendwann der Punkt, da entwickeln sich Männern und Frauen in athletischer Hinsicht anders. Frauen werden dann immer im Nachteil sein. Gut fände ich jedoch, wenn es im Jugendbereich mehr Überschneidungen gäbe, denn da sind die Leistungsunterschiede noch nicht vorhanden.“

Doch es gibt auch Akteure, die es begrüßen würden, wenn die in den Niederlanden getroffene Entscheidung sich auch in Deutschland durchsetzten würde. So erklärte beispielsweise Patrick Nöhren, Trainer des Landesligisten TuS Jevenstedt: „Es ist doch grundsätzlich schön, wenn man eine solche Tür öffnet und so etwas möglich wird. Inwieweit sich das Ganze dann in der Praxis überhaupt darstellen wird, ist ja eine ganz andere Frage. Auf die höheren Spielklassen wird sich das aufgrund des Leistungsniveaus ohnehin nicht auswirken. Ich sehe jedoch keine Gründe, warum Männer und Frauen in der Kreisliga oder in der Kreisklasse nicht zusammenspielen sollten. Für das gemeinsame Miteinander könnte dies sicherlich ein sinnvoller Schritt sein. Vielleicht verbessert sich dadurch ja auch ein wenig der Umgangston auf dem Fußballplatz.“