04. Juli 2020 / 13:21 Uhr

Sorgenlos in der Steintormasch: Die SG Hannover 74 zieht auch Vorteile aus der Corona-Krise

Sorgenlos in der Steintormasch: Die SG Hannover 74 zieht auch Vorteile aus der Corona-Krise

Jonas Szemkus
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Mit Spaß am Ball: Fast alle Abteilungen bei der SG 74 haben den Betrieb wieder aufgenommen.
Mit Spaß am Ball: Fast alle Abteilungen bei der SG 74 haben den Betrieb wieder aufgenommen. © Debbie Jayne Kinsey
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VEREINtes Hannover: Die Corona-Pandemie trifft die Sportvereine in Hannover unvorbereitet. Nach und nach wird das Sportverbot zwar gelockert, die Auswirkungen spüren die Klubs aber immer heftiger. In loser Reihenfolge begleitet der SPORTBUZZER Vereine auf dem Weg durch die Krise. Heute: Die SG von 1874 aus Herrenhausen.

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Beachvolleyballer Klaus Hamann springt zwischen den Sätzen noch mal schnell unter die kleine Dusche direkt neben dem Sandplatz. Die Sonne knallt, da tut die Abkühlung gut. Und das doppelt. „Das gehört zu unseren Hygieneregeln dazu“, erklärt der Sportler der SG von 1874. „Damit der Schweiß nicht überall herumfliegt oder am Ball klebt.”

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Der kleine Verein, der in der Steintormasch zwischen Herrenhausen, Nordstadt, Linden und Limmer beheimatet ist, hat etwa 1000 Mitglieder in einem Dutzend Sparten – und in der Corona-Zwangspause nicht gelitten. Im Gegenteil. „Wir sind relativ entspannt durch die Coronazeit gekommen”, sagt Vorstandsmitglied Manfred Wassmann.

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Spaß im Freien bei gutem Wetter

Seit einem guten Monat dürfen etwa die Beachvolleyballer wieder raus. Sie haben sich bei der SG aber eine Woche mehr Zeit genommen, um die behördlichen Coronaregeln zu prüfen – und zu ergänzen. Seitdem stimmen das Wetter und der Spaß im Freien. „Beachen vermittelt Urlaubsgefühle, das gibt es so ja gerade nicht“, sagt Hamann. Er ist der Abteilungsleiter für die Beachvolleyballer.

"Sehen hier zur Zeit immer wieder neue Gesichter"

Das zieht, nicht nur bei den SG-Mitgliedern. Beachwart Stefan Hennig hat den Überblick: „Wir sehen hier zur Zeit immer wieder neue Gesichter, das freut uns immer.“ Denn die vier Beachplätze können gemietet werden. „Das wird im Moment oft angefragt, häufig wird auf allen vieren gespielt“, erzählt Hennig. „Wir führen natürlich eine Liste mit allen Namen, so wie im Biergarten.“

Das sagen Hannovers Sportler zum ab dem 6. Juli wieder erlaubten Training unter Wettkampfbedingungen

... die Fußballer
: Mehmet Cobankara (50) war etwas „mulmig“ zumute im ersten Fußballtraining in Kleingruppen und auf Abstand: „Ich habe mehr Hütchen aufgestellt als sonst, aber ich war froh, die Kinder wiederzusehen“. Er trainiert die Kinder des Jahrgangs 2011 (ab heute E-Jugend) und die B-Junioren bei Kleeblatt Stöcken. Den Kindern hat „die Bewegung erst mal unheimlich gutgetan“, sagt Cobankara. Ab nächste Woche dürfen sich die Kinder endlich mit Toren in Trainingsspielen belohnen: „Das trockene Training wird irgendwann langweilig. Tore und Zweikämpfe stärken ihr Selbstbewusstsein, sie gehen stärker nach Hause.“ Eines wird der leidenschaftliche Trainer aus der Abstandsregelzeit beibehalten: „Die Abstandshütchen beim Torschuss, dann zankt sich keiner mehr, wer dran ist und keiner schießt dem anderen den Ball weg.“ Zur Galerie
... die Fußballer : Mehmet Cobankara (50) war etwas „mulmig“ zumute im ersten Fußballtraining in Kleingruppen und auf Abstand: „Ich habe mehr Hütchen aufgestellt als sonst, aber ich war froh, die Kinder wiederzusehen“. Er trainiert die Kinder des Jahrgangs 2011 (ab heute E-Jugend) und die B-Junioren bei Kleeblatt Stöcken. Den Kindern hat „die Bewegung erst mal unheimlich gutgetan“, sagt Cobankara. Ab nächste Woche dürfen sich die Kinder endlich mit Toren in Trainingsspielen belohnen: „Das trockene Training wird irgendwann langweilig. Tore und Zweikämpfe stärken ihr Selbstbewusstsein, sie gehen stärker nach Hause.“ Eines wird der leidenschaftliche Trainer aus der Abstandsregelzeit beibehalten: „Die Abstandshütchen beim Torschuss, dann zankt sich keiner mehr, wer dran ist und keiner schießt dem anderen den Ball weg.“ ©

Bei so viel Urlaubsatmosphäre stören die paar Extraregeln nicht. Regelmäßige Abkühlung unter der Dusche ist bei der sommerlichen Hitze ohnehin kein Problem, Abstand halten beim Beachen eigentlich auch nicht. Nur in die Mitte des Feldes spielt man beim Doppel aktuell besser nicht. Das ist verpönt in Corona-Zeiten, erklärt Beach-Boss Hamann: „Damit nicht beide in die Mitte springen und sich zu nahe kommen. Und wir gehen zur Zeit nicht zum Blocken ans Netz.“ Das macht den Angriff einfacher, den Abstand größer – und den Spaß nicht kaputt.

Schmettern im Schatten

Spaß haben auch die vier Damen an diesem Nachmittag auf Tenniscourt vier. Bei der SG gibt’s sechs Sandplätze, nur einer ist belegt. Noch. „Zu warm“, sagt Spartenleiter Wolfgang Geller. Das Thermometer zeigt 28 Grad. Was den Beachvolleyballern taugt, ist den Tennisspielern zu knallig. Aber Platz vier, auf dem die Damen beherzt schmettern, liegt im Schatten. „Es wird voller am Abend“, weiß Geller.

Tennis-Spartenleiter Wolfgang Geller konnte sich trotz des Coronavirus über neue Mitglieder freuen.
Tennis-Spartenleiter Wolfgang Geller konnte sich trotz des Coronavirus über neue Mitglieder freuen. © Debbie Jayne Kinsey

Seine Abteilung ist ohnehin gut gefüllt – 200 Mitglieder gehören dazu. Und die Corona-Zeit hat sogar mehr Aktive beschert. „Es sind in den vergangenen zwei Monaten eher Leute ein- statt ausgetreten.“ Tennisspielen war schon früh in der Krise wieder erlaubt. „Vielleicht hat sich der eine oder andere gesagt, der vorher Fußball gespielt hat: Ich will wieder Sport machen, dann spiele ich halt Tennis“, vermutet Geller.

Das passt irgendwie zur Entwicklung des kleinen Klubs: In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Mitgliederzahl beinahe verdoppelt, während sich Vereine anderswo um die Existenz sorgen.

Nur mit Abstand: Die B-Junioren der SG 74 steigen wieder ins Training ein.
Nur mit Abstand: Die B-Junioren der SG 74 steigen wieder ins Training ein. © Debbie Jayne Kinsey

Fußball mit Abstand

Die Fußballer dürfen ebenfalls wieder ran bei der SG – mit Hygieneabstand, versteht sich. Allerdings ist das beim Kicken nicht ganz so einfach umsetzbar, vor allem bei den jüngeren Altersklassen.

Am Eingang zu den Rasenplätzen weht rot-weißes Flatterband, außerdem gibt’s eine einlaminierte „Erklärtafel”. Die einzelnen Plätze, steht dort, sind jeweils nur über den eigens zugewiesenen Eingang zu betreten. „Damit sich die Leute nicht ständig über den Weg und aneinander vorbei laufen“, erläutert SG-Vorstandsmitglied Wassmann.

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Sporthallenumbau bremst Gymnastikabteilung

Der Pressewart weiß: Außer der Gymnastikabteilung sind alle Sparten schon wieder aktiv. Und deren Trainingspause hat nichts mit Corona zu tun: Der Klub baut gerade Teile der vereinseigenen Sporthalle um. „Wir hatten dieses Jahr verschiedene Infrastrukturprojekte geplant. Einige haben wir wegen Corona vorerst gestoppt.“ Finanziell hat die SG auch deshalb keine Corona-Sorgen. Kündigungen in der Zeit des Corona-Stopps habe es keine gegeben. Jetzt, wo es auch mit der Pandemie wieder normaler läuft, kehrt auch im Verein mehr Alltagsgefühl ein.

Die größte Sparte ist auch bei der SG Fußball. Gut 30 Kinder kicken bei der Stippvisite gerade, drei Teams sind es. Das Gelände der SG ist groß, zwischen den Trainingsgruppen bleibt immer eine Platzgröße frei. Läuft mit den Corona-Auflagen.

B-Jugend-Trainer Dennis Keitsch sieht auch Vorteile in Trainingseinheiten mit Abstand.
B-Jugend-Trainer Dennis Keitsch sieht auch Vorteile in Trainingseinheiten mit Abstand. © Debbie Jayne Kinsey

"Dafür können wir uns auf andere Dinge konzentrieren"

Die sind für den einen oder anderen Trainer ohnehin mehr Segen als Fluch. „Tempo, Tempo”, „Abstände einhalten“, „Ball mitnehmen, sauber spielen“, ruft Trainer Dennis Keitsch den Schützlingen zu. Er coacht zusammen mit Bernd Fitschen und Cay Peter die B-Jugend bei der SG – und ihm gefällt die neue Art des Trainings sogar gut. „Klar ist es ungewohnt, so ganz ohne Wettkampfformen und Spiele. Das fehlt. Aber dafür können wir uns auf andere Dinge konzentrieren, die sonst vielleicht nicht so im Vordergrund stehen“, betont der Coach zufrieden. Technik, Laufschule, Pässe, Life-Kinetik. „Das ist eigentlich eine coole Sache.“ Alles ein bisschen anders eben, aber Spaß macht’s trotzdem. Das gilt für die B-Junioren wie für den Gesamtverein.