27. Januar 2021 / 07:12 Uhr

Sörloth und RB Leipzig: "Hier legt man deutlich mehr Wert auf die Taktik"

Sörloth und RB Leipzig: "Hier legt man deutlich mehr Wert auf die Taktik"

Elena Boshkovska
Leipziger Volkszeitung
Alexander Sörloth hatten einen gar nicht so einfachen Start bei RB Leipzig.
Alexander Sörloth hatten einen gar nicht so einfachen Start bei RB Leipzig. © Picture Point
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Seit September ist Alexander Sörloth bei RB Leipzig im Sturm unterwegs. Im Interview erzählt der Norweger, der aus der türkischen Süper Lig an die Pleiße kam, von den Herausforderungen der Bundesliga, der Zusammenarbeit im Team und dem Gefühl, wieder in einer europäischen Stadt zu leben.

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Leipzig. Eigentlich sind Interviews in Zeiten der Corona-Pandemie oftmals kalt und unpersönlich, weil man seinem Gegenüber nicht wirklich gegenübersitzt. Nicht so mit RB Leipzigs Sommer-Neuzugang Alexander Sörloth. Der sonst so ernste Norweger wartete zum Interview mit dem SPORTBUZZER mit einem strahlenden Lächeln auf.

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SPORTBUZZER: Herr Sörloth, sie haben normalerweise einen sehr ernsten Gesichtsausdruck. Es ist sehr erfrischend, sie lächeln zu sehen. Was bringt sie denn zum Lachen?

Alexander Sörloth: Ja, auf dem Spielfeld sehe ich oft so aus, dabei bin ich nur konzentriert (lacht). Aber abseits habe ich eigentlich immer ein Lächeln im Gesicht. Meine Freundin, meine Familie und meine Freunde bringen mich alle zum Lachen. Ein guter Film oder eine witzige Stand-Up-Show aber auch. Also eigentlich ziemlich viel!

Nun lief das Spiel bei Mainz 05 ja nicht so prickelnd. Dämpft die Niederlage die Vorfreude auf die Rückrunde?

Nein. Ich denke, dass auch Niederlagen dem Team helfen können. Wir müssen aus dem Mainz-Spiel lernen und in solchen Spielen den absoluten Killer-Instinkt haben, vor allem gegen Mannschaften, wo wir vielleicht der Favorit sind. Nach der 1:0-Führung hätten wir sofort mit dem 2:0 nachlegen und das Spiel besser kontrollieren müssen.

Was hat Ihrer Meinung nach gefehlt?

Einiges, sonst hätten wir etwas mitgenommen. Neben dem angesprochenen Killer-Instinkt sicher auch eine perfekte Verteidigung der Standards. Und wir hätten deutlich kompakter stehen müssen, weil Mainz viele lange Bälle spielt. Hätten wir enger gestanden, hätten wir die zweiten Bälle gewinnen können, die gegen Teams wie Mainz sehr wichtig sind.

Macht seine Tore künftig im Trikot von RB Leipzig: Alexander Sörloth.
Alexander Sörloth und RB-Sportdirektor bei der offiziellen Vorstellung des Norwegers im September. © Verein

Sie haben die letzten beiden RB-Spiele über 90 Minuten bestritten. Wie fühlt es sich an, eine Partie von Anfang bis Ende durchzuspielen?

Das tut einfach sehr gut. Wenn man 90 Minuten mit den Teamkameraden auf dem Platz steht, bekommt man mehr Gefühl für ihre Spielweise und versteht sich gegenseitig besser. Das ist für einen Angreifer besonders wichtig, um das Zusammenspiel mit den Flügelspielern und den Zehnern zu verinnerlichen. Natürlich zahlt das alles auch auf das Vertrauen in die eigenen Stärken ein.

Von allen Leipziger Neuzugängen standen Sie besonders im Fokus der Medien. Alle haben Ihnen die Rolle des neuen Top-Torschützen zugeschrieben. Hat Sie das zusätzlich unter Druck gesetzt?

Den größten Druck übe ich selbst auf mich aus. Ich lese die Medienberichte über mich nicht. Ich habe das in der Türkei auf die harte Art und Weise gelernt. Wenn ich bei Trabzonspor nicht getroffen habe, war ich natürlich nicht gut genug. Habe ich aber ein Tor gemacht, war ich der König. In der Türkei habe ich also mit dem Lesen aufgehört. Das ist überhaupt nicht despektierlich gemeint, aber besser für mich. Denn wenn du gut bist, kannst du leicht abheben, aber wenn du schlecht bist, kannst du dich auch selbst zerreißen mit dem, was über dich geschrieben wird.

Inzwischen haben sie ja die ersten Tore für RB Leipzig geschossen. Wie hat sich das angefühlt?

Das Tor gegen Basaksehir in der Champions League war sehr besonders für mich. Nicht nur, weil es mein erstes Tor im RB-Trikot war, sondern weil es eben auch der Siegtreffer war und das Tor zum Achtelfinale weit aufgestoßen hat. Da sind mir zehn Kilo von den Schultern gefallen (lacht). Das Tor gegen Borussia Dortmund war für mich auch wichtig, weil es mein erster Treffer in der Bundesliga war. Da wir aber verloren haben, hatte ich anschließend trotzdem schlechte Laune.

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Das war viel zu wenig: RB Leipzig unterlag im Spitzenspiel des 15. Spieltages nach einer über weite Strecken enttäuschenden Offensivleistung Borussia Dortmund mit 1:3. Zur Galerie
Das war viel zu wenig: RB Leipzig unterlag im Spitzenspiel des 15. Spieltages nach einer über weite Strecken enttäuschenden Offensivleistung Borussia Dortmund mit 1:3. ©

Wie sehr geht es Ihnen auf die Nerven, dass Sie ständig mit Ihrem Landsmann Erling Haaland verglichen werden?

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Eigentlich gar nicht, weil ich nichts anderes erwartet habe. Erling spielt eben sehr gut. Irgendwie ist es selbstverständlich gewesen, dass ich gefragt werde. Aber es bewegt mich nicht so sehr, weil ich mich auf mich selbst fokussiere.

Was ist der nächste Schritt für Sie?

Ich denke in kleinen Zielen. Jetzt fühle ich mich im System wohl, habe Vieles verinnerlicht. Nun möchte ich weitere Treffer erzielen und vor dem gegnerischen Tor gefährlicher werden. Ich habe in der vergangenen Saison über 30 Tore erzielt, und ich vermisse natürlich das Gefühl, den Ball ins Netz zu jagen und mit dem Team zu jubeln.

Trainer Julian Nagelsmann hat viel Geduld mit Ihnen. Motiviert Sie das mehr, sich zu verbessern und an Ihnen zu arbeiten?

Das ist mir sehr wichtig. Ich merke, dass ich immer mehr von ihm mitnehme. Wenn wir alle drei Tage spielen, wie es eigentlich von meiner Ankunft bis Jahresende der Fall war, können wir wenig von dem einüben, was er sich vornimmt. Aber durch seine positive Einstellung mir gegenüber fühle ich mich befreiter.

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Wie ist es allgemein, mit einem so jungen Trainer zusammenzuarbeiten?

Er ist sehr energiegeladen und man kann immer spüren, wie sehr er gewinnen möchte. Das steckt auch die Spieler an. Er ist sehr leidenschaftlich, das gefällt mir besonders. Ihn und das Team eint, dass wir uns immer verbessern wollen.

Wie unterscheiden sich das Training und die Spielweise von der bei Ihren ehemaligen Clubs?

In der Türkei hatte ich die Aufgabe, rauszugehen und Tore zu machen. Einfach gesagt: Viel mehr Anweisungen gab es nicht. Hier legt man deutlich mehr Wert auf die Taktik, weil die Gegner so viel besser sind, bei RB Leipzig noch mal mehr. Das war eine große Umstellung für mich. Aber nach den zwei Spielen über 90 Minuten und drei Wochen mit vielen Trainingseinheiten fühle ich mich gut.

Verglichen mit der Premier League und der Süper Lig, wie empfinden Sie die Bundesliga?

Das Niveau ist in der Bundesliga ähnlich wie in der Premier League. Hohes Tempo, gute Körperlichkeit, viel Taktik. Selbst die Teams, die gegen den Abstieg kämpfen, sind in der Defensive sehr organisiert und gut. In der Süper Lig ging es meistens vor und zurück. Ich hatte viele Räume, die ich durchlaufen konnte. In den Spielen gab es häufig geradlinige Konter, dazu habe ich fast ausschließlich eins-gegen-eins mit dem zentralen Verteidiger gespielt und konnte ihn einfach überlaufen. Gegen Union oder jetzt in Mainz hatte ich es eher mit drei Gegenspielern zu tun.

Und wie schneidet RB Leipzig verglichen mit Ihren ehemaligen Clubs an?

Es hat mir überall gefallen, aber hier ist das Niveau extrem hoch: Alle meine Mannschaftskollegen sind richtig gute Fußballer, ob Abwehr, Mittelfeld oder Angriff – wir haben so viel Talent! Diesen Unterschied bemerke ich auch im Training: Wenn ich zum Beispiel gegen Ibrahima Konaté oder Dayot Upamecano trainiere, erleichtert es mir die Spiele darauf, weil unsere Verteidiger so gut sind und ich mich mit ihnen gut vorbereiten kann. Das ist ein echtes Privileg.

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Wie ist die Dynamik im Team?

Hier wird definitiv viel gelacht, wir haben eine gute Kameradschaft im Team! Die Mannschaft ist einfach sehr jung, ich bin mit 25 schon einer der Älteren. Das war bei Trabzonspor und auch bei Crystal Palace genau andersrum.

Und wie wurden Sie aufgenommen?

Ich habe früher ja schon gegen einige meiner jetzigen Kollegen gespielt. Außerdem besteht da die skandinavische Verbindung zu Yussuf Poulsen und Emil Forsberg. Ich versuche aber, mit allen viel Zeit zu verbringen. Wegen der Pandemie ist es schwierig, die Jungs abseits des Platzes ordentlich kennenzulernen. Aber wir sind eine eingeschworene Gruppe und jeder versteht sich mit jedem.

Sind Sie gut in Leipzig angekommen?

Ich war es gewöhnt, viel umzuziehen. Meine Freundin auch. Wir sind nun schon seit fast fünf Jahren zusammen. Bei den Umzügen kümmert sie sich um die meisten Sachen, sie hat auch hier unser Zuhause gefunden. Sie hilft mir sehr dabei, sodass ich mich auf den Fußball konzentrieren kann, wobei sie auch noch studiert. Wir haben uns in Leipzig sofort wohlgefühlt. Alle Menschen sind sehr freundlich zu uns. Es mag vielleicht komisch klingen, aber es erinnert mich alles an Norwegen. Jetzt mit dem Schnee noch ein bisschen mehr (lacht).