18. Juli 2020 / 08:29 Uhr

Spannend und voller Überraschungen: Die Geschichte des jüdischen Vereins Bar Kochba

Spannend und voller Überraschungen: Die Geschichte des jüdischen Vereins Bar Kochba

Jens Fuge
Leipziger Volkszeitung
Der jüdische Sportverein Bar Kochba war an der heutigen Delitzscher Landstraße in Leipzig zu Hause. Yuval Rubovitch befasst sich mit der Geschichte des Vereins.
Der jüdische Sportverein Bar Kochba war an der heutigen Delitzscher Landstraße in Leipzig zu Hause. Yuval Rubovitch befasst sich mit der Geschichte des Vereins. © André Kempner
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Der SK Bar Kochba feiert sein 100-jähriges Jubiläum. Im SPORTBUZZER-Interview spricht Yuval Rubovitch darüber, wie er auf den Verein aufmerksam wurde, wie Bar Kochba ins gesellschaftliche Leben integriert war und welche Rolle der Klub während der Naziherrschaft spielte.

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Leipzig. Er ist angehender Doktor und Historiker, Fan von Chemie Leipzig und wurde in Israel geboren. Yuval Rubovitch (35) lebt seit 2012 in Leipzig, nachdem er in der Nähe von Jerusalem aufwuchs und sich als Fan von Beitar Jerusalem engagierte. Bekannt wurde die Fanszene vor allem, nachdem es 2013 zu rassistischen Vorfällen seitens einer Gruppe Hooligans gegen muslimische Spieler kam, die diese als „nicht erwünscht“ bezeichneten. Daraufhin verließen viele protestierende Fans den Verein. Rubovitch kehrte seinem Verein daraufhin enttäuscht den Rücken und ist seither kein Anhänger mehr.

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Wie und wo stießen Sie zum ersten Mal auf Bar Kochba Leipzig?

Das war beim „Fußballbegegnungsfest in Gedenken an Bar Kochba Leipzig“ des Famlienportals Tüpfelhausen, als ich für Jugendliche aus Israel bei deren Aufenthalt in Leipzig als Übersetzer half. Da stieß ich zum ersten Mal auf Bar Kochba. Ich kannte damals nur einige Namen und dass der Verein in den zwanziger Jahren gegründet wurde. Da wurde mir klar, dass diese Geschichte tiefer recherchiert werden müsste. So entstand die Idee, ein Buch daraus zu machen. Und es passte ja auch gut auf den 100. Geburtstag der Fußballabteilung des SK Bar Kochba Leipzig. Der gesamte Verein wurde ja bereits 1919 gegründet.

Wir wissen ja recht wenig aus jener Zeit. War der jüdische Verein Bar Kochba damals ins gesellschaftliche Leben integriert, ohne Vorbehalte und Anfeindungen wie später bei den Nazis, als er wie viele andere verboten wurde?

Der Verein war voll integriert und sehr wichtig in Leipzig. 1600 Mitglieder gab es Mitte der dreißiger Jahre, damit war er einer der größten jüdischen Vereine in Deutschland. Er war zionistisch geprägt, hatte aber auch nicht-jüdische Mitglieder. Natürlich gab es aber für Juden dort eine Art geschützte Atmosphäre, gerade als die Hetze und Repressalien durch die Nazis zunahmen. Sportarten waren auch Handball, Boxen, Schwimmen oder Tennis, es handelte sich um einen klassischen Mehrspartenverein. Es wurde viel Kultur- und Erziehungsarbeit geleistet.

Die Todesmeldung des ehemaligen VfB-Leipzig-Keepers Fritz Rotter. Er starb am 16. Dezember 1941 im Konzentrationslager Großrosen.
Die Todesmeldung des ehemaligen VfB-Leipzig-Keepers Fritz Rotter. Er starb am 16. Dezember 1941 im Konzentrationslager Großrosen. © Archiv Rubovitch

Ab wann wurde bei Bar Kochba Fußball gespielt?

Der SK (Sportklub) Bar Kochba wurde eigens 1920 gegründet, weil man im VMBV (Verband Mitteldeutscher Ballspielvereine) nur mitspielen durfte, wenn man „frei von jeder Politik und Religion“ war. Das war der Wille vieler Sportler, denn unter den sportbegeisterten Juden in der Stadt gab es nicht wenige, die am allgemeinen Sport- und Wettkampfgeschehen in Mitteldeutschland teilnehmen wollten. Gespielt wurde auf dem Sportplatz in Eutritzsch an der Delitzscher/Dübener Straße. In der Gaststätte „Zur Mühle“ trafen sich die Vereinsmitglieder damals. Der Bar-Kochba-Sportplatz in Eutritzsch wurde im Oktober 1922 eingeweiht. vom Sommer 1920 bis Oktober 1922 spielte der Verein an der Demmeringstraße (bei der SpVgg Leipzig 1899).

Wie war das Verhältnis zu den anderen Leipziger Vereinen?

Ganz normal, würde ich sagen. Viele Spieler spielten beispielsweise auch beim VfB Leipzig. Es wechselten etliche Spieler vom VfB zu Bar Kochba. Der Sohn von Bar Kochba-Gründer Adolf Rotter, Fritz Rotter, war viele Jahre lang Torhüter beim VfB, spielte mit Camillo Ugi von 1921 – 1923 in der ersten Mannschaft. Später war er Übungsleiter beim VfB, musste aber 1933 den Verein verlassen. Er und sein Bruder Josef kamen später ins KZ Großrosen, wo sie am gleichen Tag umkamen.

Wie erging es dem Verein unter der Naziherrschaft?

Zunächst durfte Bar Kochba nur in einer rein jüdischen Liga spielen, im VMBV nicht mehr. Für drei Saisons ging es in der sogenannten Maccabi-Liga Mitteldeutschland/Berlin weiter, ehe der Verein am 23.10.1938 sein letztes Spiel absolvierte. Am 28.10. wurden tausende polnische Juden aus Leipzig ausgewiesen. Von dieser Aktion war auch die Mehrheit der Mitglieder von Bar Kochba betroffen. Am 9.11.1938 kam es zur „Reichspogromnacht“. Der Sportplatz wurde durch die Gestapo beschlagnahmt. Ein engagierter Leipziger Grundbuchrichter wollte diese jedoch nicht anerkennen und bestand darauf, dass Bar Kochba für den Platz eine nachvollziehbare Summe bekommen müsse. Das eingenommene Geld, nach einer Gerichtsverhandlung immerhin 69 000 Reichsmark, wurde genutzt, um die Emigration von Juden zu bezahlen. Damit konnte der BK Leipzig auch nach seiner Auflösung 1939 noch weitere Juden am Vorabend des Holocausts retten. Im Zweiten Weltkrieg wurde auf dem Gelände des Sportplatzes ein Zwangsarbeiterlager errichtet, zu DDR-Zeiten spielte dort Aktivist Nord.

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Das sind viele interessante Details …

Danke, und noch viel mehr dazu kann man im bald erscheinenden Buch lesen. In Zusammenarbeit mit Frau Dr. Gerline Rohr vom Sportmuseum Leipzig konnten wir viele neue Details finden, sowohl in Archiven und Quellen in Leipzig und bundesweit als auch durch Recherchen in Israel und Kontakte mit Nachfahren von Vereinsmitgliedern - zum Teil Nachfahren, die die Geschichte des Vereins kaum bis gar nicht kannten. Zusammen wurde die Geschichte des Vereins ergänzt und kann jetzt in neuer Form mit vielen neuen Details erzählt werden.

Gegen die Entrechtung – die Geschichte des JSV Bar Kochba Leipzig. Yuval Rubovitch, Dr. Gerlinde Rohr. Verlag Hentrich & Hentrich. Erscheint Anfang August.