05. Oktober 2019 / 07:22 Uhr

Speerwurf-Star Thomas Röhler exklusiv über seine Chancen bei der WM und Neid in der Leichtathletik 

Speerwurf-Star Thomas Röhler exklusiv über seine Chancen bei der WM und Neid in der Leichtathletik 

Stefan Döring
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Thomas Röhler will auch bei der WM in Doha erfolgreich sein.
Thomas Röhler will auch bei der WM in Doha erfolgreich sein. © dpa
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Thomas Röhler gewann 2016 die olympische Goldmedaille und wurde 2018 Europameister. Im SPORTBUZZER-Interview spricht er unter anderem über seine Medaillen-Chancen bei der Weltmeisterschaft und Neid in der Leichtathletik-Szene.

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Wenn die Speerwerfer am Abschlusstag der WM in Doha um Gold, Silber und Bronze schmeißen, steht Thomas Röhler so richtig im Fokus. Im SPORTBUZZER-Interview spricht der amtierende Olympiasieger unter anderem über seine Medaillen-Chancen bei der Weltmeisterschaft und Neid in der Leichtathletik-Szene.

Herr Röhler, die WM in Doha ist sehr spät im Jahr, die Olympischen Spiele 2020 sind dafür recht früh. Wie haben Sie das Jahr geplant?

Es ist ein spannendes Jahr, weil wir einen langen Planungszeitraum haben. Wir haben entsprechende Anpassungen in unserem Training vorgenommen und ich habe das Gefühl, dass es in Richtung Doha aufgegangen ist. Eine Leistungsentwicklung bedeutet nicht, dass es eine gerade Linie nach oben sein muss. Wir sind Menschen und keine Roboter und müssen auch mit Blick auf 2020 trainieren. Dafür nimmt jeder von uns in Kauf, dass eine Wettkampfweite mal nicht so ist, wie sich der Fan das vielleicht vorstellt.

Wie müssen wir uns die Vorbereitung vorstellen?
Wir haben die Wintervorbereitung ein paar Wochen länger gemacht, als wir das normal machen würden. Das bedeutet, dass wir mehr Grundlagen gelegt haben. Das hat einen positiven Einfluss auf Kraft und Schnelligkeit, aber auch einen negativen Einfluss auf das Feintuning. Da geht es um Koordination, das Treffen des Speeres. Die Kraft an sich ist ja nicht der Schlüssel zum Erfolg beim Speerwerfen. Das Risiko sind wir eingegangen. Wir sind dennoch sofort in Wettbewerbe eingestiegen.

Bleibt zwischen den Wettkämpfen dann genug Zeit, um am Feintuning zu arbeiten?

Wir könnten die Wettkämpfe auslassen und alles auf dem Trainingsplatz machen. Aber ich binSportler geworden, um an Wettkämpfen teilzunehmen – und um dort zu interagieren. Wenn jemand
im Teamsport sich vorgenommen hat, an sich zu arbeiten, kann er sich im Team verstecken und es fällt wahrscheinlich nicht einmal groß auf. Bei uns Einzelathleten ist das anders. Die Leute erleben ungefiltert, wie wir drauf sind. Das macht den Leistungssport aber auch aus.

Das sind die deutschen Medaillengewinner der Leichtathletik-WM in Doha

Das sind die deutschen Medaillengewinner der Leichtathletik-WM: Unter anderen Christina Schwanitz, Konstanze Klostermann und Malaika Mihambo holten Edelmetall. Zur Galerie
Das sind die deutschen Medaillengewinner der Leichtathletik-WM: Unter anderen Christina Schwanitz, Konstanze Klostermann und Malaika Mihambo holten Edelmetall. ©

Sie sagen, Sie trainieren auch mit Blick auf die Olympischen Spiele. Wie geht es also nach der WM weiter?
Die Urlaubsphase wird kürzer als üblich. Wir werden nach der Saison an der Balance des Körpers arbeiten. Danach geht es ans Feintuning. Ich werde früher technisch arbeiten und Würfe absolvieren. Das System, das wir gestärkt haben, will ich mit Details versehen.

Wie wichtig ist die WM überhaupt?
Ich habe die Olympischen Spiele schätzen und in ihrem Wert auch lieben gelernt. Der Stellenwert als Olympiasieger ist riesig, ich habe das fest im Blick und will dahingehend einiges richtig machen. Dennoch will ich bei der WM vorn dabei sein. Wir werden aber in diesem Jahr nicht auf Teufel komm raus alles riskieren.

Eine Medaille bei einer WM fehlt Ihnen aber noch …
Korrekt. Das Schlimmste wäre aber, auf dem Weg zu den Olympischen Spielen eine Verletzung zu riskieren. Da nehme ich mich im Training auch mal ein wenig zurück. Im Wettkampf bin ich aber voll fokussiert. Das wird auch in Doha so sein. Wir kennen die Anlage alle nicht. Die Bahn wird ultimativ heiß sein bei den Temperaturen. Darauf heißt es dann sich einzustellen. Die Konkurrenz ist groß, wir hatten sehr viele verschiedene Gewinner bei den wichtigen Wettkämpfen. Es war noch nie so spannend wie in diesem Jahr.

Auch, weil Speerwerfen von so vielen Faktoren beeinflusst wird?

Unser Sport ist eine sehr knifflige Angelegenheit. Viele Faktoren – im Training vorher oder am Tag selbst – haben Einfluss auf unsere Weiten. Ein kleiner Fehler bedeutet mehrere Meter Verlust in der Weite. Und viele Faktoren können wir nicht einmal beeinflussen.

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Sie haben schon gesagt, dass es viele verschiedene Sieger in diesem Jahr gab. Ist die Dominanz der deutschen Speerwerfer vorbei?

Gucken Sie doch auf den Jahres-Durchschnitt. Natürlich bewegt sich hinter uns was, und das habe ich auch immer wieder gesagt: Die anderen Nationen holen auf. Wir können uns hingegen nicht unendlich steigern. Es gibt immer wieder Auf und Ab im Speerwerfen – und das macht vor dem deutschen Team nicht halt.

In der Breite ist das deutsche Team dennoch enorm stark. Warum?

Das Niveau ist bei uns einfach enorm hoch. Das ist motivierend und antreibend seit unserer Jugend. Wir sind ja alle mehr oder weniger eine Generation. Zudem haben wir unterschiedliche
Trainingsansätze. In der Ökologie spricht man immer von Vielfalt, die belebt. So ist das auch bei uns im Speerwerfen. Die unterschiedlichen Ideen, über die wir uns regelmäßig austauschen, bringen uns enorm nach vorn.

Das sind die Stars und Favoriten der Leichtathletik-WM 2019 in Doha:

Im katarischen Nationalstadion Khalifa International messen sich bei der Leichtathletik-WM die besten Athleten der Welt. Das sind die Favoriten:  Zur Galerie
Im katarischen Nationalstadion Khalifa International messen sich bei der Leichtathletik-WM die besten Athleten der Welt. Das sind die Favoriten:  ©

Wie ist das Verhältnis untereinander?
Wir nehmen uns gegenseitig die wertvollsten Medaillen weg. Das bringt der faire Sport mit sich. Wir kennen alle die Ausgangslage und können deshalb respektvoll miteinander umgehen. Mit dem einen ist man mehr befreundet als mit dem anderen – so wie früher in der Schule. Aber insgesamt greifen die Zahnräder in unserem Team ineinander. Wir gehen alle derselben Leidenschaft nach, sind gleich verrückt, weil wir einen Carbon-Stab durch die Luft werden. Wir sind häufig zusammen unterwegs, trinken einen Kaffee zusammen und nehmen uns zwei Stunden später die Medaillen gegenseitig weg.

Ist die Erwartungshaltung aufgrund der Leistungen inzwischen viel zu hoch?
Mir ist über die Jahre ein dicker Pelz gewachsen, was das angeht. Jeder kann seine Erwartungen haben. Ich weiß noch, wie uns der Rucksack vor dem Olympiafinale 2016 aufgesetzt wurde, als es darum ging, eine gesamte Sportart zu retten. Ich hatte damals Gott sei Dank die Nerven behalten. Die Situation haben wir immer wieder. Bei der EM war das gesamte Drehbuch auf uns geschrieben, und auch da hat es mit zwei Deutschen auf dem Podium geklappt. Aber es muss jedem bewusst sein, dass es nicht immer so klappt.

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Es wird immer wieder auf die Speerwerfer in der Leichtathletik geguckt. Spüren Sie Neid von anderen Athleten?

Es gibt genauso viele, die uns dankbar sind, wie es Neider gibt. Aber den Neid haben wir uns erarbeitet. Der deutsche Sport ist ein Leistungssystem. Klar, es geht auch bei uns immer mehr um Events und Storys. Aber am Ende geht es um Leistungen. Da haben wir uns ins Rampenlicht geworfen, und jeder Speerwerfer bemüht sich, das auch medial zu nutzen. Wir haben viel
Eigeninitiative gezeigt, die Früchte trägt. Das hilft uns selbst – aber natürlich auch der Leichtathletik. Wir interagieren sehr gern und viel mit anderen Sportarten. Aber es ist ein Fakt, dass wir auf internationaler Ebene in der Breite eher mitmischen als andere. Dennoch sehe ich mich als Teil einer Sportart, die viele verschiedene Disziplinen hat. Mir geht es vor allem um den Kern unserer Sportart.

Der wäre?
Die Events sind wichtig, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Aber es ist der Sport, der im Fokus stehen sollte. Ich mache den Sport – und Aktionen drum herum, damit Kinder Leichtathletik betreiben wollen. Wenn es aber nur noch um Events geht, dann machen wir nur noch alles einzeln. Das wäre aber nicht gesund für eine Sportart, die es gibt, weil verschiedene Disziplinen im Stadion zusammenkommen sollten. Bei all der Eventifizierung dürfen wir nicht vergessen, dass die Leichtathletik aus vielen verschiedenen Disziplinen bestehen. Man bemüht sich, um ein schmackhaftes TV-Bild zu produzieren. Wir hatten aber viele Speerwurf-Wettbewerbe, bei denen wir ständig unterbrochen wurden, damit ein gutes Bild im TV gezeigt werden kann. Das geht zulasten der Motivation der Athleten – und des eigentlichen Sinns des Sports.

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Es geht allerdings auch darum, möglichst viel Geld zu generieren. Fehlt der Leichtathletik eine entsprechende Förderung?

Jein. In den Übergangsphasen zwischen Schule, Uni und Sportlerkarriere müssen Förderprogramme greifen. Bei den Events geht es um fähige Menschen, die motiviert sind, einen Mehraufwand zu betreiben, die Sportart nach außen zu tragen. Jeder Verein kann einen Wettkampf organisieren. Oftmals fehlt es aber an den entsprechenden Menschen. Die, die es machen, machen es mit großem Engagement. Die bräuchten aber pro Verein mehr Unterstützer. Würden die Übungsleiter dasselbe bekommen, als würden sie bei einem Discounter Regale einräumen, wäre uns allen geholfen. Wir sprechen nicht über viel Geld, vielleicht eher über die Verteilung des Geldes. Die müsste auf Vereinsebene anders eingesetzt werden.