22. November 2021 / 14:37 Uhr

Erneuter Spielabbruch in Ligue 1: In Frankreich wächst die Angst vor der Fan-Eskalation

Erneuter Spielabbruch in Ligue 1: In Frankreich wächst die Angst vor der Fan-Eskalation

Alexis Menuge 
RedaktionsNetzwerk Deutschland
In der französischen Eliteliga kam es in der jüngsten Vergangenheit zu massiven Krawallen.
In der französischen Eliteliga kam es in der jüngsten Vergangenheit zu massiven Krawallen. © IMAGO/PanoramiC/ZUMA Wire (Montage)
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In Frankreichs Ligue 1 ist es am Sonntag wegen erneuter Ausschreitungen zum Abbruch der Partie Olympique Lyon und Olympique Marseille gekommen. Die Rufe nach deutlichen Sanktionen werden lauter und die Angst vor den Folgen größer, wie SPORTBUZZER-Autor Alexis Menuge erklärt.

Frankreichs Fußball sorgt weiter durch Unruhen und Spielabbrüche für Schlagzeilen. Das Heimspiel von Olympique Lyon gegen Olympique Marseille wurde am Sonntag nach zweistündiger Unterbrechung abgebrochen, weil Marseilles Dimitri Payet von einer vollen Wasserflasche am Kopf getroffen worden war. Der Verband der französischen ­Ligue 1 (LFP) verurteilte die Vorkommnisse "aufs Schärfste". Der Präsident von Olympique Lyon, Jean-Michel Aulas, sprach von einem "inakzeptablen Angriff" und verwies darauf, dass es sich um einen einzelnen Täter gehandelt habe, der gefunden und den Behörden übergeben worden sei. Frankreichs Sportministerin Roxana Maracineanu forderte entsprechende Sanktionen: „Wir können es nicht zulassen, dass Spieler derart angegriffen werden. Solche Vorfälle müssen mindestens zum automatischen Abbruch der Spiele führen.“

Seit Saisonbeginn spielen sich in der Ligue 1 schreckliche Szenen ab: Beim Classique zwischen Marseille und Paris Saint-Germain musste Neymar zuletzt drei Minuten warten, um einen Eckball auszuführen, nachdem aus der Fankurve von OM etliche Gegenstände in Richtung des PSG-Stars geworfen worden waren. Der Brasilianer musste mit Schutzschildern von Sicherheitskräften abgeschirmt werden. Einer von vielen Skandalen.

Flaschenwurf auf Payet sorgt für Entsetzen

Mit der Rückkehr des Publikums nach über einem Jahr voller Geisterspiele hatte sich das ganze Land gefreut, die Partien wieder live verfolgen zu dürfen – damit kehrte aber auch die Randale zurück. Platzsturm bei Lens gegen Lille mit mehreren Verletzten, genau wie bei Nizza gegen Marseille, nachdem Payet eine auf ihn geworfene Plastikflasche zurück auf die Tribüne gefeuert hatte. Bei der Partie Montpellier gegen Girondins Bordeaux wurde ein Bus mit Gästefans abgefangen. Die Bilanz: 16 Verletzte. Die Angreifer hatten Rauchbomben und Eisenstangen dabei. Und die Liste der Ausschreitungen in Frankreich in den vergangenen drei Monaten ist noch deutlich länger.

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Regelmäßig sind die "Fans" von Marseille involviert. Dem Champions-League-Sieger von 1993 droht nun ein Punktabzug, was für Unruhe bei den Entscheidern sorgt: "Was ist, wenn wir die Qualifikation zur Königsklasse aufgrund verlorener Punkte am grünen Tisch verpassen, sowie 25 Millionen Euro?", fragte Präsident Pablo Longoria. Vergangenen Mittwoch wurde OM erneut bestraft und muss eine Partie unter Ausschluss der Öffentlichkeit austragen.

In Frankreich wächst die Angst vor Todesfällen

In Frankreich geht die Angst um, dass es irgendwann sogar Tote geben könnte. "Der Verband muss hart durchgreifen und dafür sorgen, dass die Leute wieder ins Stadion gehen können, ohne jegliche Angst zu haben", hofft Gervais Martel, der Boss von RC Lens. "Jedes Stadion verfügt über zahlreiche Kameras, dementsprechend ist es einfacher, die Täter zu identifizieren und Stadionverbote zu verhängen. Dabei sollte es keine zwei Meinungen geben. Kein Fußballfan will wieder Geisterspiele erleben, wie zuletzt während der Pandemie."

Die meisten Vereinsverantwortlichen schweigen. Ähnlich geht es beim Verband zu, wo Präsident Vincent Labrune machtlos scheint. Es wirkt, als hätten sie alle Angst vor den Randalierern – Besserung ist nicht in Sicht. Bereits vor Corona war die Stimmung in vielen Stadien extrem aggressiv. Seit wieder unter normalen Umständen gespielt wird, lassen viele Anhänger noch deutlicher ihren Frust raus. Für das Image der Ligue 1 ist diese Lage eine reine Katastrophe. "Alle hatten sich gefreut, dass Lionel Messi nach Paris kam, aber seitdem wird viel mehr über die Ausschreitungen diskutiert. Das ist schlicht traurig", sagt Ex-Nationalspieler Frank Sauzée.


Es wäre keine Überraschung, wenn es bald erneut etliche Ligue-1-Partien unter Ausschluss der Öffentlichkeit gäbe – und zwar nicht aufgrund der Pandemie, sondern aus reinen Sicherheitsgründen.