08. Mai 2020 / 08:00 Uhr

Spielerberater-Chef Gregor Reiter über Verstraete, Corona-Ängste von Profis und vertragliche Pflichten

Spielerberater-Chef Gregor Reiter über Verstraete, Corona-Ängste von Profis und vertragliche Pflichten

Tim Lüddecke
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Der Klub kann keinen zum Auflaufen zwingen: Spielerberater-Chef Gregor Reiter spricht im Interview über die Ängste der Spieler.
"Der Klub kann keinen zum Auflaufen zwingen": Spielerberater-Chef Gregor Reiter spricht im Interview über die Ängste der Spieler. © Verwendung weltweit
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Im SPORTBUZZER-Interview spricht Spielerberater-Chef Gregor Reiter über die Debatte um den Bundesliga-Neustart, die Vorgänge um Birger Verstraete vom 1. FC Köln und vertragliche Pflichten in Corona-Zeiten.

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Die Diskussion über den Neustart der Bundesliga wird kontrovers geführt. Als Geschäftsführer der Deutschen Fußballspieler-Vermittler-Vereinigung (DFVV) vertritt Gregor Reiter die Zunft der Spielerberater. Im SPORTBUZZER-Interview versucht er, die Brücke zwischen den Interessen der Profis, der Klubs und der Liga zu schlagen.

SPORTBUZZER: Herr Reiter, wie erleben Sie die Diskussion über den Bundesliga-Neustart?

Gregor Reiter: Teilweise hat sie obskure Züge angenommen. Der Profifußball hat noch keine Staatshilfe in Anspruch genommen und darf natürlich über seine Fortsetzung diskutieren. Sollte das nicht mehr möglich sein, dann haben wir ein größeres Problem als das Virus. Die teilweise heftigen Reaktionen haben mich erschrocken.

Inwiefern?

Die DFL ist verantwortungsvoll vorgegangen. Wenn aber eine gesamte Branche öffentlich dafür kritisiert wird, dass sie sich Gedanken über ihr Fortbestehen macht, dann ist etwas faul. Auch wenn Einzelne über das Ziel hinauspreschen, ist es falsch, die gesamte Branche in Sippenhaft zu nehmen. Falsch ist es übri­gens auch, jemanden zurückzupfeifen, der seine Ängste äußert.

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Sie spielen auf Köln-Profi Birger Verstraete an.

Es war falsch, ihn medial einzufangen. Wenn jemand Ängste äußert, ist das ernst zu nehmen. Man sollte keine Maulkörbe verteilen. Es darf auch nicht fehlinterpretiert werden, nach dem Motto: Oh Gott, die Spieler wollen alle nicht. Man muss in der Krise unaufgeregt bleiben.

Frankfurts Sportvorstand Fredi Bobic meint, dass „90 Prozent“ der Spieler für eine Saisonfortsetzung stimmen würden. Wie sollte mit einem skeptischen Spieler umgegangen werden?

Er sollte das Gefühl bekommen, dass sein Klub ansprechbar ist. Eventuell stehen auch Sportpsychologen bereit, die mit Ängsten umgehen können und die eine Anlaufstelle fernab der Öffentlichkeit bieten. Denn: Es geht uns nichts an, warum ein Fußballer Angst hat.

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Sollten die Klubs ihren Profis die Freiheit lassen, ob sie spielen wollen?

Den Spieler als Arbeitnehmer trifft eine Pflicht zur Arbeit. Der Grat zwischen den Bedürfnissen des Klubs, dass alle spielen, und dem Wunsch des Einzelnen, nicht spielen zu müssen, ist schmal. Sollte Herr Bobic recht haben, dass 90 Prozent auflaufen wollen, dann könnte man auf die Besorgnisse der übrigen 10 Prozent natürlich eher eingehen.

Und wenn darunter der Topspieler eines Klubs ist?

Dann stünde eine schlechtere Mannschaft auf dem Platz. Der Fall zeigt, wie schmal der Grat sein kann. Der Klub kann keinen zum Auflaufen zwingen, die einzige rechtliche Handhabe wäre nach einer Abmahnung eine fristlose Kündigung. Es gibt in der Krise leider kein Patentrezept.

Die Frist der Spielerverträge am 30. Juni wird womöglich wegen noch ausstehender Spiele verschoben werden müssen. Welche Lösung halten Sie für sinnvoll?

Die DFVV hat der DFL angeboten, über Handlungsempfehlungen zu sprechen, um allen Beteiligten einen Rahmen an die Hand zu geben. Auch bei dieser Frage gilt es abzuwägen. Der Spieler als Arbeitnehmer sollte ein Interesse daran haben, dass die Saison beendet werden kann und es weitergeht. In dieser Situation muss man aber auch über außergewöhnliche Maßnahmen sprechen und nachdenken dürfen: Tritt der Einzelne, egal, ob Verein oder Spieler, in der einen oder anderen Frage zum Wohl aller zurück?