07. Dezember 2021 / 12:20 Uhr

Spitzenspiel mit BW Hohen Neuendorf: "Alter, Elfmeter... geh’ mir doch nicht auf den Sack!"

Spitzenspiel mit BW Hohen Neuendorf: "Alter, Elfmeter... geh’ mir doch nicht auf den Sack!"

David Joram
Märkische Allgemeine Zeitung
Auf dem Sprung: Trainer Matthias Sucrow (Mitte) und die Spieler des SV Blau-Weiss Hohen Neuendorf vor dem Spitzenspiel in der Bezirksliga Berlin, Staffel 2.
Auf dem Sprung: Trainer Matthias Sucrow (Mitte) und die Spieler des SV Blau-Weiss Hohen Neuendorf vor dem Spitzenspiel in der Bezirksliga Berlin, Staffel 2. © TR-Photo
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Während in Brandenburg der Amateurspielbetrieb ruht, rollt der Fußball in der Hauptstadt noch. Der SV Blau-Weiss Hohen Neuendorf (Oberhavel) zählt zum Berliner Verband – und darf deshalb weiterspielen. Ein Ortsbesuch.

Diese Reportage ist Teil der Amateurfußball-Initiative #GABFAF. Infos auf gabfaf.de.

Die Kommandos kommen kurz und knackig. „Dicker, Dicker, Hüfte, stabil bleiben“ , bellt Matthias Sucrow. „Wir sind da, unser Spiel!“ Um den Fußballtrainer herum tippeln die Spieler des SV Blau-Weiss Hohen Neuendorf. Auf Kommando springen sie hoch, ziehen die Beine Richtung Brust und sprinten weg. Dann kommen sie wieder angetrabt, bilden einen Kreis um Sucrow, tippeln, springen, sprinten.

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Heißer Atem durchschneidet die kalte Luft. „Hin, sauber raus“, ruft der Coach, der gleichzeitig Vorsitzender des Vereins ist, „ja, ja, ja, ja, ja“. An diesem grauen Samstag im Berliner Jahnsportpark will es Sucrow wissen. Spitzenspiel! Erster gegen Zweiter, die Hohen Neuendorfer gastieren beim SV Empor Berlin, der sieben Punkte Vorsprung hat. Mehr geht an diesem Spieltag nicht in der Bezirksliga, Staffel 2.

„Keine Operationen am offenen Herzen! Es ist ausschließlich Fußball!“

Dass überhaupt etwas geht für die Blau-Weißen, die in roten Trikots auflaufen, verdankt der Verein einer kleinen Besonderheit. Die Oberhaveler gehören nicht dem Fußball-Landesverband Brandenburg (FLB) an, sondern dem Berliner Fußball-Verband (BFV). Nach Sucrows Meinung, der schon lange im Verein ist, war das „gefühlt“ schon immer so. „Wir wohnen ja direkt hinter der Stadtgrenze, einen Kieselsteinwurf von Berlin weg. Die Wege sind so für uns einfach kürzer.“ Außer den Fußballerinnen des Vereins, die überregional spielen, und der Ü45-Mannschaft, die in Brandenburg antritt, sind alle Erwachsenen- und Junioren-Teams in Berlin gemeldet. Und dort war der Samstag trotz Corona ein ganz normaler Spieltag, jedenfalls fast.


Auf dem Weg in die Kabinen kramen die Spieler ihre Masken aus den Trainingsjacken, im Umkleidetrakt gilt Maskenpflicht. Sucrow findet das richtig. „Gesundheit ist unser höchstes Gut“, sagt er und freut sich darüber, dass „die Impfquote bei uns extrem gut ist. Die Ersten sind sogar schon geboostert. Hier herrscht ein hohes Maß an Eigenverantwortung.“

13.50 Uhr. Noch zehn Minuten bis Spielbeginn. In den Kabinen 32 und 33 machen sich die Hohen Neuendorfer frisch. Kapitän Philipp Kamitz streift sich die Binde mit dem Logo des Vereins über, Sucrow holt Luft. „Okay Männer, kommt, zuhören.“ Murmelnde Stimmen stoppen, jetzt spricht der Trainer.

„Das ist euer Spiel, Jungs! Das habt ihr euch verdient. Wir haben anderthalb Jahre darauf hingearbeitet – Corona hin oder her.“ Wie Peitschenhiebe knallen die Sätze durch den Flur. Laut, klar und kraftvoll.

„Ihr habt’s in den Füßen, ihr habt’s im Kopf.“

„Keine Operationen am offenen Herzen! Es ist ausschließlich Fußball!“

„Traut euch was zu, gebt Gas, zeigt, was ihr könnt!“

Da ist Feuer drin: Sucrow (r.) stimmt seine Elf ein.
Da ist Feuer drin: Sucrow (r.) stimmt seine Elf ein. © Till Rimmele

Es folgt noch eine taktische Anweisung: „Standards sind klar, Aufgaben sind klar!“ Dann trommeln die letzten Schlagworte: „Männer, rausgehen, zeigen, wer wir sind! Arsch raus, Vollgas, durchspielen, Spaß haben, AUF GEHT’S!“ Orkanartiges Klatschen und Gebrüll. Ob gleich elf Hohen Neuendorfer oder 300 Spartaner das Feld betreten werden, ist nicht auszumachen.

14 Uhr: Am Spielfeldrand sind elf Hohen Neuendorfer erschienen, Empor spielt in schwarzen Trikots. Die Kulisse, handgezählte 53 Zuschauer, stimmt. Im Hintergrund rauscht die gelbe Berliner U-Bahn vorbei, auf der anderen Seite erheben sich die Flutlichtmasten des Stadions.

Hauptstadtkulisse: Hohen Neuendorfer und Berliner nehmen Aufstellung.
Hauptstadtkulisse: Hohen Neuendorfer und Berliner nehmen Aufstellung. © TR-Photo

Die Kapitäne begrüßen sich, Hände werden geschüttelt, die Seiten gewählt. Gleich rollt der Ball. Erster gegen Zweiter, SV Empor Berlin gegen SV Blau-Weiss Hohen Neuendorf. Da schlagen echte Fußballherzen höher.

Handshakes, bitte: Die Kapitäne klären die letzten Details.
Handshakes, bitte: Die Kapitäne klären die letzten Details. © Till Rimmele

Drittligist Viktoria spielt zur selben Zeit; Pech für Viktoria, denn die traditionsreichere Würstchenbude hat Empor. Aus dem blau-weißen Häuschen am Spielfeldrand weht frischer Bulettenduft, aus den XXL-Schnellkochtöpfen fließt frischer Glühwein für 2,50 Euro in braune Plastikbecher. Kleiner Haken: Weil das Spitzenspiel offenbar viele Pommesfreunde lockt, meldet die Fritteuse vorzeitig ausverkauft.

Das Ritual: Die Gäste schwören sich ein.
Das Ritual: Die Gäste schwören sich ein. © TR-Photo

Sonst aber stimmt alles. Im Radio läuft ein Klassiker nach dem nächsten und Verkäufer Ronny im Dauerbetrieb. „Das erste, was ich um neune verkauft habt... du wirst es nicht glauben“, erzählt er seinem Kumpel Dieter, „...waren zwei Bier – an zwei Dresdner, die Hopping machen. Schauen sechs Spiele in Berlin, weil in Sachsen alles zu ist.“ Das macht die Sache mit dem Bier etwas plausibler, findet Ronny. „Wenn man so früh aus Dresden losfährt, kann man schon mal zwei Bier trinken um neun.“

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Wo der Fußball dampft: Bei Ronny gibt’s Buletten und Glühwein.
Wo der Fußball dampft: Bei Ronny gibt’s Buletten und Glühwein. © TR-Photo

Auch auf dem Platz rauscht es. Der etwas robuster gebaute Schiedsrichter muss viele Meter machen, um die Übersicht zu behalten. Intensiv führen beide Teams die Zweikämpfe, nach einer strittigen Szene im Sechzehner der Gäste brüllt die Empor-Kurve, bestehend aus neun Jugendlichen, laut auf. Ein kollektives „Heeeeey“ dröhnt über den Platz, „Elfmeter!“ Die Pfeife bleibt stumm, zu Recht, findet Sucrow. „Alter, Elfmeter... geh’ mir doch nicht auf den Sack!“ Der Trainer kommentiert viel:

„Basti, Basti, eins fallen lassen!“

„Warum denn dieser Torero-Schritt? Geh doch einfach zum Ball.“

„Zumachen! Dennis, Dennis!“

Ein paar Meter neben Sucrow steht der Hohen Neuendorfer Anhang samt Chefnörgler, der mit seiner Meinung selten hinterm (Prenzlauer) Berg hält:

„Der steht einen halben Meter im Feld, kann doch nicht sein.“

„War viel zu doll geschlagen.“

„Der kann doch nüscht.“

Das Spiel: Umkämpft, herzhaft, feurig.
Das Spiel: Umkämpft, herzhaft, feurig. © Till Rimmele

Nach einem 0:0 der guten Sorte ist Halbzeit. Kabinenzeit, Zeit für Sucrow, der ein paar Magnete an der Taktiktafel hin und her schiebt. „Wir spielen genauso weiter“, befiehlt er. „Bis auf Standards haben die nichts aus dem Spiel.“

„Kopf oben lassen, klarer Rhythmus, wir gehen hier als Sieger vom Platz.“

Ein paar Feinheiten sind dem Trainer wichtig: „Die 21 habt ihr gesehen, super schnell, macht er gut. Immer wieder doppeln.“

„Wir haben nicht so viel Zeit heute. Enger Platz, guter Gegner.“

„Schön marschieren. Immer weiter, weiter, weiter, weiter.“

„Irgendwann kommt die Situation. Bupp, durch. 1:0.“

Ein paar Grundsätze dürfen auch nicht fehlen: „Wir verzweifeln nicht, wir bleiben völlig tiefenentspannt.“

„Schiris sind tabu, die machen einen Riesenjob.“

Und das Wichtigste: „Geht noch mal 45 Minuten raus, lauft euch die Seele aus dem Leib, fightet füreinander, fightet miteinander. Dann hauen wir das Ding rein!“ Der Trainer wird laut, die Mannschaft klatscht und brüllt. Sparta ist zurück.

Nur die von einer Neonröhre dünn beleuchtete Frittenbude kriegt von Sucrow und dem Spiel nicht viel mit. Ronny und Dieter widmen sich den Alltagsproblemen („Klospüle geht nicht mehr“) und der Bundesliga. „Ach, du Scheiße, Mainz führt schon 2:0 gegen Wolfsburg“, sagt Ronny, „ich hab ja auf Wolfsburg getippt. Egal.“ Die nächste Vierer-Bestellung Glühwein kommt rein, aus dem Radio dröhnt Falco. „Jede Woche dieselbe Musik“, sagt Ronny, „aber man hört et ja jerne.“

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Auf dem Platz spielt die Musik in der zweiten Halbzeit etwas lauter, die sechs Flutlichtmasten brennen, die Gemüter teilweise durch. Erst sehen die Gastgeber eine Rote Karte („wird’s jetzt hier ruppig oder was?“, fragt Ronny), kurz vor Schluss die Gäste. „Absolute Frechheit“, sagt der Sünder später. „Ich werd’ von hinten gezogen, versuche mich freizureißen und der Schiri sagt, ich hätte ihm mit Absicht den Ellenbogen in den Bauch geschlagen. Absolut lächerlich!“

Am Ende aber torlos: 0:0 trennen sich Empor und Hohen Neuendorf.
Am Ende aber torlos: 0:0 trennen sich Empor und Hohen Neuendorf. © TR-Photo

Tore fallen keine mehr, es bleibt beim 0:0. „Wir müssen uns mit drei Punkten belohnen, wir waren klar die bessere Mannschaft“, resümiert Kapitän Kamitz. Sein Trainer sieht es ähnlich: „Wir hätten es durchaus verdient gehabt, zu gewinnen.“ Dann nimmt Matthias Sucrow noch mal Bezug auf das große Ganze, lächelt ein wenig und sagt: „Es ist wirklich ein Privileg, jetzt noch Fußball spielen zu können.“