25. Februar 2021 / 18:35 Uhr

Sportart in akuter Gefahr: Ist Judo in Sachsen noch zu retten?

Sportart in akuter Gefahr: Ist Judo in Sachsen noch zu retten?

Frank Schober
Leipziger Volkszeitung
Ein richtiger Judoka steht nach Niederlagen schnell wieder auf. Gilt das auch für die gesamte Sportart in Leipzig und Sachsen?
Ein richtiger Judoka steht nach Niederlagen schnell wieder auf. Gilt das auch für die gesamte Sportart in Leipzig und Sachsen? © Hendrik Schmidt/dpa
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Die Demission von Judo-Landestrainer und Olympiasieger Udo Quellmalz hat regional und bundesweit für Kopfschütteln und Empörung gesorgt. Die Fehleranalyse ist in vollem Gange – an dieser beteiligt sich auch der langjährige Bundesstützpunkttrainer Karl-Heinz Deblitz im SPORTBUZZER-Gespräch aktiv. Die Vereine rücken derweil in der Not zusammen und entwerfen ein Thesenpapier für den Weg aus der Krise.

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Leipzig. Dem Olympiasieger ist so viel Aufregung um seine Person eher unangenehm. Doch es hilft nichts: Die Demission von Landestrainer Udo Quellmalz beim Judo-Verband Sachsen (JVS) wegen gekürzter öffentlicher Mittel hat regional und bundesweit für Empörung und Unverständnis gesorgt. „Es brodelt gewaltig in der Judoszene“, weiß Matthias Kiefer. Der Präsident des Judoclubs Leipzig kann absolut nicht verstehen, dass Quellmalz ab 1. März für die halben Bezüge arbeiten sollte, ohne dass der JVS mit den Vereinen, der Stadt Leipzig oder anderen Partnern über die Mischfinanzierung einer vollen Stelle gesprochen hat.

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JVS ohne Mittel und Wege

„Ich habe Anrufe von ehemaligen Kollegen von Stuttgart bis Lübeck bekommen“, erzählt Karl-Heinz Deblitz: „Sie alle schütteln den Kopf und meinen: Einen Mann wie Udo Quellmalz mit dieser Aura und Judo-Vergangenheit lässt man doch nicht gehen.“ Deblitz war seit den 70er-Jahren Coach beim SCL und nach der Wende Bundesstützpunkttrainer. Der 72-Jährige ist ein ruhiger und sachlicher Mensch. Doch die Entscheidung gegen den erst vor gut einem Jahr installierten Landestrainer habe ihn vom Sockel gehauen. Deblitz sieht seine Sportart in akuter Gefahr und meldet sich deshalb im SPORTBUZZER-Gespräch erstmals seit Jahren wieder deutlich zu Wort.

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Er ist sich sicher: „Wenn man einen Mann wie Udo Quellmalz halten will, dann findet man Mittel und Wege.“ Dass der JVS den Wegfall des Bundesstützpunktes und die Reduzierung der Fördermittel als Begründung anführt, lässt Deblitz nicht gelten: „Das hatte sich doch alles vor einem Jahr schon abgezeichnet. Wie kann man einen Mann wie Udo ohne Perspektive einstellen? Ist das Kurzsichtigkeit oder Dummheit?“



Zwischen Landesverband und der Basis knirscht es schon länger. Die Personalie Quellmalz hat offensichtlich das Fass überlaufen lassen. Das langjährige Argument, die Probleme intern zu besprechen, um den Stützpunkt und die Fördermittel nicht zu gefährden, existiert nun nicht mehr. Die Unzufriedenheit tritt nun offen wie nie zuvor zu Tage – nicht nur bei Karl-Heinz Deblitz. „Du musst doch als Verband über jeden froh sein, der heute Judo machen will – noch dazu im Leistungsbereich. Du musst doch froh sein, wenn sich ein Verein wie der JCL so intensiv dem Leistungssport widmet. Stattdessen werden vielen Vereinen Steine in den Weg gelegt“, beklagt sich der Ex-Coach: „In unserer erfolgreichsten Zeit vor 20, 25 Jahren waren JVS und JCL eine Symbiose.“

Vertrauen in den JVS am Tiefpunkt

Deblitz zählt zahlreiche Beispiele auf, was in den vergangenen Jahren aus seiner Sicht schiefgelaufen ist. Da durfte er seine Sportler am Wochenende in der Bundesliga nicht betreuen, um als Stützpunkttrainer Vereinsneutralität zu zeigen. Da sei 2017 anstelle von Mike Göpfert – ein Top-Bewerber mit Leipziger Stallgeruch – ein portugiesischer Trainer eingestellt worden, für den Leipzig eher ein Sprungbrett als eine Lebensaufgabe darstellte. Da sei der erfahrene und als Nachwuchsbundestrainer eingesetzte Profilsportlehrer Olaf Schmidt von den Trainersitzungen am Stützpunkt ausgeladen worden. Da habe der international anerkannte JCL-Trainer Costel Danculea zum Stützpunkttraining seiner Kids nicht mit auf die Matte gedurft, um dem unerfahrenen Stützpunkttrainer zur Seite zu stehen. Da seien Gelder erfolglos nach Riesa geflossen, die für den Erhalt des Stützpunktes in Leipzig fehlten. Damit endet Deblitz’ Liste an kritikwürdigen Entscheidungen noch längst nicht.

Auch Ex-Judoka Uwe Bierey (60), der erfolgreich bei BMW in Leipzig arbeitet, sorgt sich um seine Sportart: „Ich war fassungslos, als ich von Udos Demission hörte. Er ist die Galionsfigur, die drauf und dran war, Judo in Sachsen wieder nach vorn zu bringen. Seit Jahren fehlt im Judo der Region personelle Kontinuität. Ohne diese funktioniert es weder in der Wirtschaft noch im Sport.“ Nach SPORTBUZZER-Informationen waren sich die Vereine in den vergangenen 30 Jahren selten so nahe wie derzeit. Das Vertrauen in den JVS ist am Tiefpunkt angelangt, momentan wird (ohne den Verband) ein Thesenpapier erarbeitet, das Wege aus der Krise aufzeigen soll. Der größte Wunsch von „Kalle“ Deblitz: „Wir brauchen wie zu Täve Schurs Radsportzeiten eine Judo-Familie, die zusammenhält.“

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