07. März 2018 / 06:00 Uhr

SPORTBUZZER-Analyse: Deshalb erleben viele Vereine der Bundesliga einen Zuschauer-Rückgang

SPORTBUZZER-Analyse: Deshalb erleben viele Vereine der Bundesliga einen Zuschauer-Rückgang

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Immer mehr Stadien in Deutschland bleiben leer. Die große SPORTBUZZER-Analyse erklärt, warum.
Immer mehr Stadien in Deutschland bleiben leer. Die große SPORTBUZZER-Analyse erklärt, warum. © imago/Montage
Anzeige

Ist die Bundesliga nicht mehr attraktiv genug? In der höchsten deutschen Spielklasse verfolgen immer weniger Zuschauer die Partien vieler Vereine im Stadion. Der Zuschauerschnitt ist rückläufig. Die große SPORTBUZZER-Analyse.

Anzeige
Anzeige

Es gehört zu den Eigenarten der in Vereinsbesitz übergegangenen Arena von RB Leipzig, dass leere Schalensitze auffallen. Sie sind in Türkis- und Himmelblau gehalten, wenn größere Bereiche nicht befüllt sind, ist das kaum zu übersehen. So wie bei der 1:2-Heimpleite vor zehn Tagen gegen Schlusslicht 1. FC Köln, als auch deshalb viel Tristesse wie ein Schleier über der Spielstätte hing, weil nur 31.793 Zuschauer gekommen waren. Jeder vierte Platz war damit leer.

Hier die große Übersicht zum Fanschwund in der Bundesliga

Fanschwund in der Bundesliga - Die große Übersicht.
Fanschwund in der Bundesliga - Die große Übersicht. ©
Anzeige

Nur Schalke und Hoffenheim mit höherem Zuschauerschnitt

Hat sich schon im zweiten Bundesliga-Jahr ein gewisser Alltag in einer boomenden Stadt eingestellt, die lange auf erstklassigen Fußball warten musste? „Das liegt sicherlich nicht an der Qualität der Bundesliga, denn diese ist nach wie vor äußerst attraktiv“, sagte RB-Boss Oliver Mintzlaff dem SPORTBUZZER. „Es ist durchaus möglich, dass sich die Vielzahl der Wettbewerbe ein Stück weit darauf auswirkt.“ Die erste Saison im internationalen Geschäft mit bisher vier Heimspielen ist eine Belastung für die Geldbeutel der Fans. Auch die kurzfristige Terminierung der Bundesliga-Spiele durch die DFL sei für die Planung nicht förderlich, heißt es von RB-Fans.

Immerhin: Das Duell mit Borussia Dortmund am vergangenen Sonnabend war ausverkauft, am 18. März kommt der FC Bayern zum bereits ausverkauften Gastspiel.

Der erst 2009 aus der Taufe gehobene Verein befindet sich bei der Problematik in guter Gesellschaft in der Bundesliga. Auf Basis der vom Statistikdienstleister Deltatre erhobenen Zahlen lässt sich erkennen, dass in dieser Saison nur Schalke und Hoffenheim einen höheren Zuschauerschnitt als in der vergangenen Spielzeit haben. Beim FC Bayern bleiben die Zahlen, die alle Begegnungen bis zum jüngsten Spieltag 25 beinhalten, zumindest gleich – immer ausverkauft mit 75.000 Zuschauern. In allen anderen Arenen, in denen auch 2016/2017 Bundesliga-Fußball gespielt wurde, sank der Besucherschnitt.

Mehr vom Sportbuzzer

Hertha BSC trifft der Rückgang am heftigsten

Am heftigsten trifft der Rückgang Hertha BSC. Zu den Berlinern kommen in dieser Saison pro Spiel demnach fast 5000 Fans weniger – 45.528 statt 50.267. Nicht einmal das Heimspiel gegen den FC Bayern war ausverkauft. Die Hertha-Führung nennt als einen Grund die Aufsplittung des Spieltags. „Spiele am Freitagabend funktionieren bei uns in Berlin leider eher nicht“, teilte Hertha-Geschäftsführer Ingo Schiller auf SPORTBUZZER-Anfrage mit.

Ablesbar ist dies am bisher letzten Hertha-Heimspiel. Am 16. Februar, einem Freitag, kamen nur knapp 31.000 Zuschauer ins zugige Olympiastadion, um das 0:2 der Berliner gegen Mainz zu sehen. Nur fünf von zwölf Hertha-Heimspielen wurden – auch wegen der Teilnahme an der Europa League – an einem Sonnabend ausgespielt.

Diese Bundesliga-Stars waren nie deutscher Meister:

Rudi Völler: Weltmeister, Champions-League-Sieger – aber eben nie Deutscher Meister. „Ruuudi“ verließ Werder Bremen 1987 in Richtung AS Rom. Ein Jahr später holten die Hanseaten nach 23 Jahren Abstinenz die Schale an die Weser. Als Sportdirektor von Bayer 04 Leverkusen verpasste Völler 2000 unter dramatischen Umständen die Meisterschaft. Dass er die „Salatschüssel“ 2004 seinem SV Werder überreichen durfte, war immerhin ein Trost… Zur Galerie
Rudi Völler: Weltmeister, Champions-League-Sieger – aber eben nie Deutscher Meister. „Ruuudi“ verließ Werder Bremen 1987 in Richtung AS Rom. Ein Jahr später holten die Hanseaten nach 23 Jahren Abstinenz die Schale an die Weser. Als Sportdirektor von Bayer 04 Leverkusen verpasste Völler 2000 unter dramatischen Umständen die Meisterschaft. Dass er die „Salatschüssel“ 2004 seinem SV Werder überreichen durfte, war immerhin ein Trost… ©

Nur 32 Prozent aller Spiele sind ausverkauft

Die Liga schwächelt: Mit 32 Prozent ausverkaufter Spiele ist diese Quote so schlecht wie seit zehn Jahren nicht mehr. Wie passt das jedoch dazu, dass in der Hinrunde im Schnitt 43 429 Fans in die Stadien pilgerten und damit für das zweitbeste Hinrundenergebnis der Liga-Geschichte nach 2011/2012 (44.345) sorgten? Wie passt das dazu, dass das Gesamtergebnis von 6,64 Millionen Besuchern nach der ersten Halbserie einen Zuwachs von 8 Prozent gegenüber der vergangenen Saison bedeutet? Einfache Erklärung: Die Aufsteiger VfB Stuttgart und Hannover 96 mit ihren großen Arenen haben Ingolstadt und Darmstadt mit ihren kleinen Stadien ersetzt.

Gleichzeitig wächst der Frust über die immer weiter ausdefinierte Kommerzialisierung und Eventisierung des Fußballs, der sich Woche für Woche in den Stadien entlädt. In Hannover etwa schweigen Teile der Fanszene aus Protest gegen Klubchef Martin Kind, der das vermeintlich eherne Prinzip des 50+1 in Deutschland ändern will, um Investoren den Zugang zu den Klubs zu erleichtern. In Hamburg müssen sich die Spieler von den Rängen bedrohen lassen. Kölner Anhänger beschimpften jüngst den Stuttgarter Torhüter Ron-Robert Zieler auf geschmackloseste Weise. Die bisher ausgetragenen hoch umstrittenen Montagsspiele verkamen durch die Aktionen verärgerter Fans zur Farce. Auf dem Transfermarkt explodieren die Ablösesummen, Profis, die ihre Wechsel zugunsten von noch mehr Millionen erstreiken, fördern die Entfremdung normaler Zuschauer vom Bundesliga-Fußball.

Zusammengenommen sorgt all dies für ein Klima, das mehr und mehr potenzielle Zuseher abschreckt.

Bundesliga: Die Top-10 der frühesten Meister aller Zeiten

Am 31. Spieltag der vergangenen Saison wird der FC Bayern unter Carlo Ancelotti vorzeitig Meister. Mit Pauken und Trompeten krönt sich der Rekordmeister beim 6:0 in Wolfsburg zum 27. Mal zum deutschen Meister. Zur Galerie
Am 31. Spieltag der vergangenen Saison wird der FC Bayern unter Carlo Ancelotti vorzeitig Meister. Mit Pauken und Trompeten krönt sich der Rekordmeister beim 6:0 in Wolfsburg zum 27. Mal zum deutschen Meister. ©

Stimmen die Fangruppen mit den Füßen ab?

Einige Fangruppen stimmen zudem mit den Füßen über die Leistungen ihres Lieblingsteams ab. Beispiel VfL Wolfsburg, wo mit Bruno Labbadia in dieser Spielzeit schon der dritte Trainer im Amt ist: Die Enttäuschung der Anhänger sei berechtigt, sagt der VfL-Fanbeauftragte Holger Ballwanz. „Das schlägt sich natürlich auch in den Zuschauerzahlen nieder. Allerdings stellen wir unabhängig davon auch eine sinkende Zahl von Auswärtsfans in der Volkswagen-Arena fest. Da müssen Vereine und Verband genau hinschauen, woher dieser ligaweite Trend kommt.“

Noch wird auf hohem Niveau gejammert. Denn keine Liga in Europa hat solch einen Zulauf. Und Fakt ist auch, dass die Bedeutung der Zuschauereinnahmen weiter zurückgeht. Die Bundesliga nahm in 2016/2017 503,8 Millionen Euro auf diesem Sektor ein, das machte aber nur noch knapp 15 Prozent am Gesamtertrag aus. Mehr als die Hälfte der Einnahmen steuern Werbung und mediale Verwertung bei.

Dennoch sind leere Plätze ein Alarmsignal – weil nicht stimmungsfördernd fürs Stadion und nicht imagefördernd fürs Fernsehbild. Die Erkenntnis sickert ein. Wolfsburg-Geschäftsführer Tim Schumacher: „Nach dieser Saison wird sich die Liga die Frage stellen müssen, welche übergreifenden, standort-unabhängigen Faktoren es für diese Entwicklung gibt.“

Von Sebastian Harfst und Frank Hellmann

Mitarbeit: Andreas Pahlmann, Anne Grimm, Ronny Müller, Mirko Jablonowski

ANZEIGE: 50% auf dein Spieler-Set! Der Deal des Monats im SPORTBUZZER-Shop.

Die aktuellen TOP-THEMEN
Anzeige
Sport aus aller Welt