12. Februar 2021 / 17:23 Uhr

Viel Ehrgeiz, noch mehr Aufwand: Bettina Evers hat reichlich Spiele und Erfolge gesammelt

Viel Ehrgeiz, noch mehr Aufwand: Bettina Evers hat reichlich Spiele und Erfolge gesammelt

Jonas Freier
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Bettina Evers fühlt sich auf dem Eis nach wie vor und seit Jahrzehnten pudelwohl.
Bettina Evers fühlt sich auf dem Eis nach wie vor und seit Jahrzehnten pudelwohl. © IMAGO/Chai v.d. Laage
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Bettina Evers, die mittlerweile Sellmann heißt, war viele Jahre lang deutsche Rekordnationalspielerin im Eishockey. Erstmal hat sie ihre Eltern erfolgreich genervt und sich dann unter anderem drei Olympische Winterspiele erarbeitet. Sie ist jetzt nominiert für die SPORTBUZZER Legenden des Jahrzehnts.

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Es war im Herbst 1996 nur eine kleine Zeitungsmeldung. „Eishockey-Nationalspielerin Bettina Evers (ECH Turtles) sorgte am 5. Oktober in Crimmitschau für großes Aufsehen: Gegen die Tschechische Republik traf Bettina, die in die zehnte Klasse geht, zum 1:0-, 2:0- und 3:1-Endstand: 5:2 für Deutschland.“ In der Überschrift stand: „Eine 15-jährige hat das geschafft, wovon viele Sportler nur träumen – gleich im ersten Länderspiel drei Tore zu erzielen.“

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Die heute 39-jährige Tina („Bettina hört sich so alt an“) war mit 319 Länderspielen lange deutsche Eishockey-Rekordnationalspielerin und nahm an den Olympischen Winterspielen 2002, 2006 und 2014 teil. In der Bundesliga wurde sie sechsmal Meister mit dem ESC Planegg und trainierte zwei Jahre bei den Männern der Hannover Indians mit. Von Olympia schwärmt sie: „Das ist einfach das Beste, was man als Sportler erleben kann. Man bekommt endlich die Anerkennung für das, was man leistet.“

Alles über die Legendenwahl

Rekordnationalspielerin ist sie seit Ende 2019 nicht mehr, aber: „Damit kann ich leben.“ Dass es überhaupt soweit gekommen ist, funktionierte so: „Ich habe sehr viel Aufwand betrieben und hatte viel Ehrgeiz. Wenn man so früh anfängt, dann kann man ganz schön viele Spiele sammeln – wenn man auch lange durchhält.“

Von Verletzungen verschont geblieben

Hat sie. Meisterin ist sie mit Planegg geworden, das liegt vor den Toren Münchens. „Samstagmorgen mit dem Zug hin, Sonntagabend zurück nach Hause. Unter der Woche habe ich am Pferdeturm trainiert.“ Sie hatte eine Doppellizenz, durfte bei den Frauen in der Bundesliga spielen und bei den Männern. Haben die Männer Rücksicht genommen? Tina lacht: „Ich glaube, die Gegner hatten noch mehr Spaß daran, mich umzufahren als alle anderen.“ Trotzdem blieb sie vor schweren Verletzungen verschont: „Ich habe mir nur einmal das Handgelenk gebrochen.“

Und wie kam sie finanziell über die Runden? 2005 ging Tina zur Bundeswehr. „Ich wollte eigentlich nur zwei Jahre bleiben.“ Es wurden fast zehn Jahre. Am Ende war sie Oberfeldwebel.

Und so hatte alles angefangen. „Meine Schwester ist ein bisschen älter, die hatte damals einen Freund, später ihr Ehemann, da haben wir mal beim Eishockey zugeschaut als ich fünf war – und dann habe ich meine Eltern lange genug genervt.“ Fortan gab es für Tina nur noch Eishockey. Schlittschuhlaufen konnte sie schon vorher: „Meine Eltern wollten mich zuerst fürs Eiskunstlaufen begeistern. Ganz am Anfang hatte ich beim Eishockey noch meine Eiskunstlaufschlittschuhe, natürlich in Weiß, aber nur eine Woche lang.“

SPORTBUZZER Legenden des Jahrzehnts - Bettina Evers

Dreimal Olympia – welches waren ihre schönsten Spiele? „Salt Lake City war was ganz Besonderes, weil es meine ersten Spiele waren, da war ich megajung. Sotschi war auch richtig toll, weil ich wusste: Das wird mein Karriereende, das genießt du dann ganz anders als mit 20. Turin ist da ein bisschen untergegangen.“ Am Anfang ihrer Karriere spielte sie auch mal ein Jahr in Kanada in der National Women’s Hockey League: „Das war immer mein Traum. Eine coole Zeit. Meine Eltern haben gesagt: Mach das gleich nach der Schule, aber du musst uns versprechen, dass du eine Ausbildung machst, wenn du wiederkommst.“

Comeback beim EC Bergkamen

Jetzt ist sie verheiratet und hat zwei Kinder (Tochter Nike ist drei Jahre alt, Sohn Levi 15 Monate). 2017 hat sie in der Bundesliga aufgehört und in diesem Januar wieder angefangen – sie startete ein Comeback in der 1. Bundesliga beim EC Bergkamen. „Ich fahre zweimal die Woche nach Hamm zum Training und zu den Spielen.“  

Tina Evers, die jetzt mit Nachnamen Sellmann heißt, wohnt in Kleefeld genau am Eisstadion: „Wo sollte ich sonst wohnen?“ Ihre Elternzeit endet in diesem Monat, ab Anfang April wird sie wieder ihren Job als Sozialarbeiterin bei der Pestalozzistiftung beginnen – in einer Wohngruppe in Celle. 

Corona nervt nicht nur sie. Gehen Deutschland dadurch Eishockey-Talente verloren? Ja, meint sie. „Für die Nachwuchsspieler ist es schlimm, ein Jahr in der Entwicklung zu verlieren. In Amerika und Kanada spielen sie weiter – was immer die da für Corona-Regeln haben. Genauso wie in Schweden und Finnland. Die haben dann einen Vorteil.“

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Und was ist mit Olympia im Sommer während Corona? „Für die Sportler tut es mir leid. Ohne das Olympische Dorf und ohne die Zuschauer aus der ganzen Welt wird Olympia der Zauber fehlen.“ 

Für das Eishockey in Hannover hat Tina eine Vision: „Sportlich gesehen würde ich es gut finden, wenn die Indians und Scorpions sich zusammenschließen für die DEL 2. Aber für die Fans ist es sicher besser, wenn sie ihr eigenes Team anfeuern können.“ Sie glaubt aber, dass es zwischen den Klubs „diese klassische Feindschaft“ nicht mehr gibt: „Manchmal wird es einfach noch ein bisschen gehypt.“  

Ihr Herz „schlägt natürlich für die Indians, weil ich am Pferdeturm groß geworden bin. Aber ich habe keine negativen Emotionen gegenüber den Scorpions – da gehe ich genauso hin.“ Und zum Schluss macht sie noch einmal Werbung für ihren Sport: „Wenn du im Kindergarten oder in der Schule erzählst, du spielst Eishockey, dann bist du immer schon ein bisschen cooler als jemand, der Fußball spielt.“