12. Februar 2021 / 17:25 Uhr

"Vorwärts nach weit": Der nackte Wahnsinn, wie Hannover 96 Europa eroberte

"Vorwärts nach weit": Der nackte Wahnsinn, wie Hannover 96 Europa eroberte

Dirk Tietenberg
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Einem Feiertag, dem noch einige Feiertage folgen sollten: 96 jubelt Sevilla.
Einem Feiertag, dem noch einige Feiertage folgen sollten: 96 jubelt Sevilla. © Florian Petrow
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Was waren das für irre Tage - 96 im Europapokal! Seinen Anfang nahm dieses Abenteuer an einem Donnerstagabend im August 2011, als Hannover eine Stimmung produzierte und erlebte, wie nie zuvor. Die Roten wurden zu Legenden. Werden sie auch SPORTBUZZER Legenden des Jahrzehnts?

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Es war einmal, am 5. August 2011, 13.30 Uhr. Die Mannschaft von Hannover 96 saß im Restaurant El Solin am Hauptbahnhof. 20 Fußballspieler, auf den Bildschirm starrend, hungrig, auch nach dem Gegner, einer aus 75, die in Nyon in der Schweiz mit 96 im Lostopf lagen. Hannover hatte sich nach einer märchenhaften Saison als Vierter der Bundesliga nur für die Play-offs der Europa League qualifiziert. Kurz vor 14 Uhr stand die Paarung fest: Hannover 96 – FC Sevilla. Ein Los wie ein Sechser im Lotto. Nur die Spieler, die damals im Restaurant ihres viel zu früh 2020 verstorbenen Freundes Bedran Özgör aßen, konnten sich ihr Glück kaum vorstellen. 

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Jan Schlaudraff erinnert sich an die Reaktion: „Wir haben da gesessen und gedacht: So ein Jahr, so ein Lauf, Platz vier und das letzte Mal, dass der Vierte der Tabelle nicht in die Champions League kommt. Und tja, wenn wir schon nicht in der Champions League spielen, dann fliegen wir wenigstens gegen einen Champions-League-Gegner raus.“

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Schlaudraff war der Spieler, der das Tor später aufstoßen sollte im herausragendsten Sportereignis, das Hannover in dem Jahrzehnt live erleben sollte. Die Europareise begann im eigenen Hafen. Am 18. August 2011, 13 Tage nach dem Essen im El Solin und zwei Bundesligasiege später, dachten Schlaudraff und seine Kollegen neu über Sevilla. „Das war ihr erstes Spiel, wir hatten schon zwei gewonnen, waren selbstbewusst und hatten in der Woche vor dem Spiel schon gedacht: Da kann was gehen.“ 

Nur ein kurzer Videobeweis-Dämpfer

Sevilla startete kalt, 96 lief heiß bei über 20 Grad bei maximal erlaubten 43 500 Zuschauern. „Die Choreo und die Stimmung bei uns vor dem Spiel, es hat alles gepasst“, sagt Schlaudraff. Er schoss beide Tore beim 2:1, das 1:0 mit rechts, das 2:1 mit links. Der Pass von Sergio Pinto, Sevilla verteidigte den Pass schlecht, Moa Abdellaoue legte „überragend im richtigen Moment rüber, ich sehe, dass Palop das kurze Ecke ein bisschen aufmacht, Außenrist in die kurze Ecke. Da sollte der Ball auch hin – und zum Glück hat’s gepasst.“

Das 1:1 – das per Videobeweis wegen Abseits zurückgenommen worden wäre – dämpfte die Stimmung im Stadion kurz. Dann legte Schlaudraff nach, dribbelte die komplette letzte Sevilla-Kette an. „Doppelpass mit Schmiede, ich nehm' den links volley, der hätte sonst wo hingehen können“, gibt Schlaudraff zu. Der Linksschuss flog flach ins Tor. Das erfolgreichste Kapitel der vergangenen Jahrzehnte war geschrieben. 

Das Rückspiel? Dramatisch. Schlaudraff erinnert sich, „wie Kocka Rausch bei unserer gefühlt ersten Aktion in der gegnerischen Hälfte die Beine in die Hand nimmt, den Ball vors Tor haut. Und Moa macht den rein.“ Emanuel Pogatetz schoss das nächste Tor, aber gegen 96. Die Spannung, fast nicht zu ertragen für die 2000 Fans in Sevilla und vielen weiteren Tausend in Hannover beim Public Viewing.

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Sie forderten Elfmeter für Schlaudraff, der von Torwart Palop im Strafraum gelegt wurde. „Der klarste Elfer aller Zeiten“, sagt er. Später sah Sevillas Mendel Rot, Abpfiff. „Wir hatten einen angeblich übermächtigen Gegner geschlagen“, sagt Schlaudraff. Hannover in Europa, der nackte 96-Wahnsinn! 

Viel gefeiert, weil es viel zu feiern gab

24 weitere internationale Auftritte, zwölf Reisen, zum Teil sehr weite, 96-Fans kamen überall hin mit, 12 000 waren es sogar in Kopenhagen, 500 flogen nach Poltawa – so eine Region umfassende Begeisterung entfachte noch nie eine Mannschaft aus Hannover. 

Die Spieler feierten viel zusammen, „weil es viel zu feiern gab“, lacht Schlaudraff. Gruppensieger, der Telefonsieg in Kopenhagen („den haben wir auch den Fans zu verdanken“), K.-o.-Runde in Brügge und der frechste Elfer der 96-Geschichte gegen Brügge. Schlaudraff chipte in die Mitte, 96 gewann 2:1. Trainer Mirko Slomka fragte den Schützen nachher, ob er noch ganz dicht sei. Schlaudraff war halt nur am dichtesten dran: „Ich war mir sicher, dass der Torhüter sich eine Ecke aussucht“, erzählt er. 

96 hatte in dieser Zeit seine Mitte gefunden. Boss Martin Kind hatte das beste Führungsduo seiner Zeit zusammen: den Macher, Jörg Schmadtke, und den Trainer, Mirko Slomka. Keine Freunde fürs Leben, aber zielstrebig in dieser Zeit, wie ihr Team. Die Mannschaft hatte einen klaren Spielstil, schaltete schnell um, mit einem Angriff, um den die Bundesliga Hannover beneidete.

Das waren die Choreos der Fans von Hannover 96 der vergangenen Jahre:

Die 96-Fans präsentierten eine aufwendige Choreo für den Pokalheld Jörg Sievers, der Anfang Januar 2020 nach 30 Jahren bei Hannover 96 dem Ruf von Daniel Stendel nach Schottland folgte. Zur Galerie
Die 96-Fans präsentierten eine aufwendige Choreo für den Pokalheld Jörg Sievers, der Anfang Januar 2020 nach 30 Jahren bei Hannover 96 dem Ruf von Daniel Stendel nach Schottland folgte. ©

„Wir hatten eine starke Achse mit Karim Haggui und Emanuel Pogatetz hinten, Sergio Pinto und Manuel Schmiedebach haben das im Mittelfeld überragend gemacht, außen waren Lars Stindl und Kocka Rausch in Topform. Und vorne konnte jeder mit jedem spielen“, erklärt Schlaudraff.

Das Gefühl kommt 2017 zurück

Das 96-Vorne von damals: Didier Ya Konan, Moa Abdellaoue, Jan Schlaudraff, Artur Sobiech, Mame Diouf kam später dazu. Hannover spielte „Vorwärts nach weit“ – frei nach Hannovers Künstler Kurt Schwitters, geschrieben auf den riesigen Plakaten bei Fanchoreos vor und während der Europa-Zeit. Zwei Jahre weit kam 96, erst bei der zusammengekauften Truppe von Anschi Matschatschkala endete das Märchen.

Die internationalen Triumphe kamen nicht wieder. Und doch: Stimmung, Zusammenhalt, sensationelle Sportereignisse, das durfte Hannover noch einmal erleben. Am 15. April 2017 hob Hannover nach dem Kopfballtor von Niclas Füllkrug gegen Braunschweig ab. Am 14. Mai trauten die Fans ihren Augen nicht. 

Der Dritte 96 gewann gerade das Spitzenspiel gegen Stuttgart (1:0), der Zweite Braunschweig spielte in Bielefeld. Auf dem Feld schauten die Spieler irritiert zur Anzeigetafel, 3:0:, 4:0, 5:0, 6:0. 49 000 Fans feierten Arminia Bielefeld wie die eigene Mannschaft. „Unfassbar, so eine krasse Stimmung habe ich im Stadion nie erlebt“, sagt Füllkrug heute noch. „Selbst die Stuttgarter haben gejubelt, Simon Terodde hat gefeiert, obwohl der VfB verloren hat durch unser Tor von Felix Klaus.“

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Eine Woche später, sagt Füllkrug schmunzelnd, „hatten wir nur noch Angst.“ Das 1:1 genügte aber, Fans stürmten das Stadion in Sandhausen, tags darauf den Trammplatz vor dem Rathaus. Spieler duschten Bier, tanzten, sangen, 40 000 Menschen badeten am 24. Mai 2017 im roten Jubelmeer. Die Mannschaft feierte am Mittelmeer, Spanien, Ibiza, Mallorca.

„Eine wirklich unfassbare Zeit, die Mannschaft wuchs zusammen, sie legte das Fundament für eine wirklich gute Bundesliga-Saison“, erinnert sich Füllkrug. Diese Geschichten kommen 96-Fans heute vielleicht spanisch vor. Es war einmal vor gar nicht allzu langer Zeit, 96 mal auf, mal ab und wieder rauf – einfach legendär.