12. Februar 2021 / 17:02 Uhr

Vom Kellerkind zum Meister: Als bei den Scorpions plötzlich einfach alles geklappt hat

Vom Kellerkind zum Meister: Als bei den Scorpions plötzlich einfach alles geklappt hat

Jonas Szemkus
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Die Hannover Scorpions um Coach Hans Zach feiern die deutsche Meisterschaft.
Die Hannover Scorpions um Coach Hans Zach feiern die deutsche Meisterschaft. © dpa/picture alliance
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Aktuell haben die Hannover Scorpions die DEL2 im Visier - und im Hinterkopf spielt vielleicht der große Triumph aus dem Jahr 2010 mit, als der Truppe von Hans Zach schlichtweg alles gelang. Am Ende war man plötzlich deutscher Meister - und ist jetzt nominiert bei den SPORTBUZZER Legenden des Jahrzehnts.

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Die Bierdusche traf Hans Zach unerwartet, aber verdient. „Der Bierschirm sieht aus wie ein Heiligenschein“, erinnert sich der Meistertrainer der Hannover Scorpions ein Jahrzehnt später noch gut. Der Eishockeyklub startete mit dem sensationellen DEL-Titel in die 2010er-Jahre, die allerdings noch harte Rückschläge bereithielten. In Deutschlands höchster Liga sind die Scorpions nicht mehr, ambitionierte Ziele gibt es trotzdem: Der Aufstieg in die 2. Liga soll endlich her.

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Den Zweitligatraum gibt es schon länger, doch so gute Voraussetzungen wie jetzt hatten die Scorpions lange nicht. Wirtschaftlich geht es dem Verein gut, sportlich sowieso. Das Team von Trainer Tobias Stolikowski steht unbedrängt auf Platz eins der Oberliga Nord, der Play-off-Platz ist schon lange sicher. „Wir haben die Rückkehr in die DEL2 schon auf dem Zettel, klar. Wir versuchen, uns wieder zurückzufighten“, bestätigt Sportchef Eric Haselbacher. „Es ist ein super Spirit im Team und sehr viel Qualität. Wir haben den Tisch gedeckt – ob es auch klappt, da müssen wir abwarten.“

Alles über die Legendenwahl

Eine so große Überraschung wie der Meistertitel 2010 wäre das freilich nicht. Die Wurzeln in der Wedemark hatten die Scorpions damals verlassen, die eishockeyverrückte Macherfamilie Haselbacher um Oberhaupt Jochen hatte ihr „Baby“ (Eric Haselbacher) weitergegeben. Der Sportliche Leiter von heute war damals nur Fan, beim ganz großen Erfolg 2010 waren andere am Ruder.

„Das war eine Wahnsinnsleistung. Die ist Günter Papenburg, Marco Stichnoth und sicher auch Hans Zach als Trainer zu verdanken.“ Den entscheidenden Sieg am 25. April 2010, das 4:2 gegen Augsburg, schaute sich Haselbacher im TV an. „Ich saß im Icehouse in Mellendorf“, erinnert er sich. „Hier haben wir mal klein angefangen, und da waren die Scorpions auf einmal Meister. Das macht mich schon stolz, auch wenn ich keinen Anteil an diesem Ausnahmeerfolg hatte.“


Travis Scott schließt die Baustelle Tor

Und an den hatten nicht mal kühnste Optimisten geglaubt – nicht einmal die Mannschaft, verrät Marco Stichnoth, der Meistermanager von damals. „Keiner hat das erwartet, nicht mal die Truppe selbst.“ Wen wundert’s. Das Team stand wenige Monate vorm größten Triumph der Vereinsgeschichte noch auf dem letzten Tabellenplatz. Die Scorpions hatten Qualität, aber keinen Erfolg. „Wir hatten eine gute Mannschaft, aber ein massives Pro­blem im Tor“, erläutert Stichnoth, der mittlerweile bei Zweitligist Dresden die Fäden zieht. „Im Eishockey kann das schon mal sein, dass nur Kleinigkeiten zum Erfolg fehlen.“

Doch als Stichnoth den kanadischen Goalie Travis Scott nachverpflichtete, änderte sich das Scorpions-Schicksal. Plötzlich lief es, das Team duselte sich in die Play-offs, spielte sich dort in einen Rausch. „In den Play-offs hat es einfach gepasst. Das Team ist gesund geblieben, wir hatten große Momente“, erinnert sich Stichnoth. „Ich weiß noch genau, dass wir im Halbfinale gegen Ingolstadt zwischenzeitlich 1:4 hinten lagen, und dann haut Sascha Goc denen zwei Hämmer rein. Wir konnten machen, was wir wollten, es hat alles geklappt.“

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Auch in der Finalserie, die die Scorpions durch drei Siege in drei Spielen gewannen. Ein Erfolg für die Ewigkeit, dem ist sich auch der Meistermanager bewusst. „In dem Moment damals habe ich das nicht so empfunden. Jetzt kann ich sagen: Ja, das ist schon wirklich etwas ganz Besonderes, und das macht mich stolz“, bestätigt Stichnoth.

Doch statt weiterer Titeljagden folgte der Anfang vom Ende, der 2013 im Lizenzverkauf mündete. Klubeigner Günter Papenburg, der die roten Zahlen zuvor immer ausgeglichen hatte, wollte kein Geld mehr in die Scorpions pumpen.

Plötzlich gibt es die Scorpions zweimal

Nach dem Verkauf des DEL-Startrechts ging es für die Scorpions in der Oberliga weiter – doppelt. Ein Scorpions-Team ging in Mellendorf aufs Eis, verantwortet von Familie Haselbacher, das andere in Langenhagen, geleitet von Stichnoth. „Eigentlich war es nicht mein Wunsch, das so zu machen. Aber ich habe mich den Scorpions und den verbliebenen treuen Fans verpflichtet gefühlt“, erläutert Stichnoth. Sein Team wurde immerhin zweimal Nordmeister, 2015 ausgerechnet durch einen Auswärtssieg bei den Hannover Indians am Pferdeturm. Stichnoth: „Das war emotional ein Megahighlight.“

Seit 2017 gibt es wieder nur ein Scorpions-Team mit Sitz in der Wedemark. Die Fusion lief auf Augenhöhe, „das ist da in richtig guten Händen“, findet Stichnoth. Ein Schritt zu den Anfängen, betont Jetzt-Sportchef Eric Haselbacher: „Wir haben das Baby geboren, dann ist es groß geworden – und Meister. Jetzt ist es zur Stätte der Geburt zurückgekehrt.“

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Und mit ihm der echte Meisterpokal von 2010, den hat Stichnoth damals Jochen Haselbacher übergeben. „So emotional wie damals habe ich ihn davor und danach nicht erlebt“, verrät der Meistermacher. „Jochen hat so viel für Eishockey in Hannover getan, der Pokal ist bei ihm gut aufgehoben.“

Wenn es gut läuft, kommen bald weitere Titel hinzu: Die Oberligameisterschaft soll den Anfang machen, vielleicht ja irgendwann noch mehr. Eric Haselbacher lacht. „Wenn du Martin Kind fragst, ob er mit 96 mal Meister werden will, sagt der doch auch: ‚Ja klar, warum nicht?‘ So geht’s mir auch.“

Der Sportchef will sich Träume bewahren: „Wir wollen immer gewinnen und uns weiterentwickeln – mal sehen, wo die Reise dann hingeht. Wenn Iserlohn oder Straubing in der DEL spielen, weiß ich nicht, warum Hannover das nicht auch irgendwann noch mal schaffen kann? Wenn wir nachhaltig einen guten Job machen, warum nicht!“