12. Februar 2021 / 17:00 Uhr

"War ein scheues Reh": Inzwischen verkörpert Imke Onnen im Hochsprung Weltklasse

"War ein scheues Reh": Inzwischen verkörpert Imke Onnen im Hochsprung Weltklasse

Christoph Dannowski
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Imke Onnen nimmt die zwei Meter ins Visier - und die Olympischen Spiele.
Imke Onnen nimmt die zwei Meter ins Visier - und die Olympischen Spiele. © IMAGO/Beautiful Sports
Anzeige

Imke Onnen ist spät noch gewachsen - nicht nur körperlich. War sie zuvor "vom Charakter her ein ein scheues Reh", machte es bei der Hochspringerin 2018 Klick. Im Jahr darauf sprang sie zur deutschen Meisterschaft und ins WM-Finale, jetzt ist die 26-Jährige nominiert bei der SPORTBUZZER-Wahl der Legenden des Jahrzehnts.

Anzeige

Nordbruch bildet mit Scheller und Wilhelmsdorf ein Dreieck und gehört postalisch zu Hohnhorst. Der Flecken ist so klein, dass im Internet genau nichts über ihn zu erfahren ist, und dennoch hat Nordbruch eine überragende Bedeutung für die deutsche Leichtathletik. Denn hier stammt Imke Onnen her, die mit ihren vier Geschwistern Lasse, Eike, Kjell und Maie und den Eltern Hillrich und Astrid schon mehr als die Hälfte der Einwohner stellte. In Nordbruch gab es nur Natur, „deshalb sind wir weggezogen, als ich sieben war, um den Sport in Hannover professioneller ausüben zu können“.

Anzeige

Der Sport, das war damals nicht ihr Sport, sondern „das Gespringe“ ihres zwölf Jahre älteren Bruders Eike. Der schon sechsmal deutscher Meister geworden war, als Imke noch auf die KGS Hemmingen ging. Auch wenn sie „immer hochgeschaut“ hat zu Eike und seine Leistungen „absolut bewundernswert“ fand, war Imkes erste Sportart Tennis und nicht Hochsprung. Es bedurfte für die schon 15-Jährige eines kleinen Hochsprung-Wettbewerbes beim SV Eintracht in der Südstadt, um „zu entdecken, dass der Hochsprung auch meine Leidenschaft werden könnte“.

Alles über die Legendenwahl

Dann allerdings ging es mit der Spätstarterin kontinuierlich bergauf, auch in Sachen Besthöhen. Über 1,65 Meter im Jahr 2010 auf 1,86 Meter nur fünf Jahre später, das langte zum ersten großen Titel – deutsche Hallenmeisterin. Ihre Länge von 1,90 Meter hatte sie da freilich noch nicht erreicht. „So groß bin ich tatsächlich erst seit drei Jahren“, erklärt die 26-Jährige von Hannover 96, „ich hatte ganz lange offene Wachstumsfugen und bin auch als Erwachsene noch länger geworden, auch deshalb hatte ich so viele Verletzungen.“

Und auch die Seele war noch nicht ausgereift: „Damals war ich vom Charakter her ein scheues Reh. Erst 2018 hat es Klick gemacht und ich habe erst kapiert, was ich kann, was ich brauche und was noch alles möglich ist“, sagt Onnen offen. Was auch an Falk Wendrich liegen mag, ebenfalls Hochspringer und einer der besten Deutschlands. Seit dreieinhalb Jahren sind beide ein Paar.


2019 zeigt Imke Onnen, was in ihr steckt

Mit dem optimalen Training, „total fokussiert und inzwischen selbstbewusst geworden“, wurde dann auch „ihr“ 2019 möglich. „Ein Jahr, in dem ich endlich dauerhaft zeigen konnte, was in mir steckt“, sagt Imke Onnen. Deutsche Hallenmeisterin in Leipzig, draußen deutsche-Vizemeisterin in Berlin, Bronze bei der Universiade in Neapel.

Und dann dieser 30. September: Weltmeisterschaft in Doha, Millionen sind im ZDF live drauf, als Imke Onnen mit persönlicher Bestleistung von 1,94 Meter ins Finale springt. Millionen freuen sich mit, als sich die sympathische Sportlerin in all dem Trubel auf die Tartanbahn setzt und die Tränen der Freude fließen lässt. Wenig später mit der neuen persönlichen Bestleistung von 1,96 Meter in Karlsruhe weiß Onnen dann auch ganz gewiss: das Ticket für die Olympischen Spiele von Tokio ist gelöst, wann auch immer sie nun stattfinden werden.

SPORTBUZZER Legenden des Jahrzehnts: Imke Onnen

Onnen ist angekommen mitten in der Weltspitze, deshalb hat sie ihr Leben ganz am Ende dieses so erfolgreichen Jahrzehnts nochmal komplett auf links gedreht: sich in der Uni exmatrikulieren lassen für den Studiengang Kunst- und Medienwissenschaften, der sich doch nicht vereinbaren lässt mit dem Leben als Hochleistungssportlerin. Ist Soldatin in der Sportfördergruppe Warendorf geworden, dort gelten sämtliche sportliche Aktivitäten als Arbeitszeit. Hat nochmal „Kraft und Zusatzmotivation bekommen von meinen treuen Sponsoren, die mir eine irre Wertschätzung zuteil werden lassen und mir finanziell den Rücken freihalten“.

Zwei Meter? "Die habe ich drin"

Neben der Bundeswehr sind das die Sporthilfe, Toto-Lotto, die AOK und Puma. „Ich will volle Kanne investieren“, sagt Onnen, „ich habe noch nicht das Gefühl, dass ich alles ausgeschöpft habe.“ Jaroslawa Oleksijiwna Mahutschich aus der Ukraine ist mit ihren 20 Jahren und 2,04 Metern Besthöhe derzeit das Maß aller Dinge und ziemlich weit weg, aber zwei Meter? „Die habe ich drin“, sagt sie mit Überzeugung, „ich bin zu 100 Prozent ein Wettkampftyp und ich bin robuster als ich aussehe.“

Natürlich ist Corona auch für Imke Onnen ein Problem, sie hat einiges reingesteckt in ein Home Gym und steht früh auf, um im Sportleistungszentrum von acht bis neun Uhr unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainieren zu können. Aber sie weiß jetzt, „wenn der Kopf nicht dabei ist, dann kannst du nicht über dich hinaus wachsen. Und mein Kopf ist jetzt immer mit dabei.“

So kämpft sie um Bestleistungen und Medaillen und vielleicht auch um den Titel SPORTBUZZER Legende des Jahrzehnts in Hannover: „Allein da aufgestellt zu sein, ist mit 26 die totale Ehre. Wenn ich daran denke, dass ich da vielleicht aufs Treppchen komme, geht mir eine Gänsehaut durch den ganzen Körper.“