12. Februar 2021 / 17:18 Uhr

"Zusammenhalt ist wichtig": Julius Peschel hat Zähne nur auf dem Wasser gefletscht

"Zusammenhalt ist wichtig": Julius Peschel hat Zähne nur auf dem Wasser gefletscht

Stefan Dinse
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Julius Peschel (rechts) ist ein positiver Mensch - doch dass er in Rio nur Ersatzmann war, wurmt ihn noch immer.
Julius Peschel (rechts) ist ein positiver Mensch - doch dass er in Rio nur Ersatzmann war, wurmt ihn noch immer. © picture alliance/dpa
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Dass er bei Olympia 2016 in Rio "nur" Ersatzmann war, ärgert Julius Peschel auch nach dem Karriereende noch. Trotzdem: Er, der den Zusammenhalt stets ganz nach vorn stellt, hat WM-Bronze mit dem leichten Riemen-Vierer geholt - und nun steht er zur Wahl bei den SPORTBUZZER Legenden des Jahrzehnts.

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Julius Peschel bekommt noch immer eine Gänsehaut, wenn er von diesem Finish berichtet. 250 Meter vor dem Ziel sieht er aus dem Augenwinkel, dass es nicht reichen wird für den deutschen leichten Riemen-Vierer, der auf dem vierten Platz liegt. Also zieht der Schlagmann vom DRC von 1884 Hannover das Tempo noch einmal entscheidend an und gewinnt mit dem Quartett WM-Bronze in Sarasota/USA. Er beweist, dass er auf den Punkt Leistung bringen kann und Kampfgeist besitzt.

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Und dass, obwohl Niedersachsens Sportler des Jahres 2017 vielleicht schon als zu freundlich, zu bedacht, zu sehr Teamplayer gilt. „Es ist mir als Schwäche ausgelegt worden, diesen Killerinstinkt nicht zu haben“, sagt der 30-Jährige, der seine Ruderkarriere inzwischen beendet hat. „Aber ich sehe ein großes Leistungspotenzial darin, wenn man achtsam miteinander umgeht. Der Zusammenhalt ist wichtig.“

Alles über die Legendenwahl

Peschel hat Politische Theorie und Philosophie studiert, er engagiert sich gegen Rechts, liest gern Bücher und ist Vegetarier. Ein angenehmer Zeitgenosse, ein guter Geist. Ein Gutmensch. „Ich habe kein Problem mit diesem Begriff“, sagt der frühere Schleswig-Holsteiner, der in der Calenberger Neustadt wohnt. Womöglich ist es sein besonderer Teamgeist, der dem DRV-Team bei den Olympischen Spielen in Rio 2016 gefehlt hat. Damals war Peschel nur als Ersatzmann mitgefahren, es war eine knappe Entscheidung der Trainer gegen ihn. „Ich hab mich am Ende unfair behandelt gefühlt, weil ich keine Chance auf einen letzten Test bekam“, so Peschel.

"Julius konnte auf dem Wasser die Zähne fletschen"

Dabei war er kurz vor den Spielen im Vierer eingesprungen und hatte das Boot schneller gemacht. „Wegen Julius´ Nettigkeit, seiner Aufrichtigkeit und Solidarität haben ihn die Trainer unterschätzt, glaube ich“, sagt Thorsten Zimmer, Erfolgscoach am Bundesstützpunkt in Hannover und (neben DRC-Sportvorstand Christian Held) Peschels langjähriger Begleiter. Dabei sei er stets da gewesen, wenn es drauf ankam. Zimmer packt das in einen schönen Satz: „Julius konnte auf dem Wasser die Zähne fletschen, an Land hat er das nicht getan.“ 

In Rio wehte 2016 im Wortsinn ein rauer Wind. Ganze Trainingstage fielen wegen des Wetters aus, es gab Stress im Team. Etliche Crews bekamen gefährlich Schlagseite, verpassten die Endläufe. Der leichte Vierer ohne Peschel wurde Neunter. „Meine Sicht ist, dass ich den Zusammenhalt hätte stärken können“, sagt er. Nicht dabei gewesen zu sein, „ist die bitterste Niederlage, das tut immer noch weh.“ Diese Krise hat er mit seinem damaligen Zweier-Partner gemeistert, dem Frankfurter Sven Keßler, der ebenfalls nur Ersatz war. „Da gemeinsam durchgekommen zu sein, das ist auch schön. Das bleibt.“ 

Eigentlich waren die Spiele von Tokio das nächste große Ziel, der sechsmalige WM-Teilnehmer wollte zu den Schwergewichten wechseln. Er tankte Kraft, legte um 16 auf 86 Kilo zu. „Doch die Lücke konnte ich nicht schließen, ich hab mich nicht so entwickelt“, sagt Peschel und beendete 2019 seine Laufbahn. Er wollte dem Sport aber unbedingt erhalten bleiben und arbeitet inzwischen für den Landessportbund als Projektreferent. Es geht aktuell um „Sport mit Courage“.

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Ein schwieriges Thema ist das – und ein wichtiges. „Wir helfen beispielsweise Vereinen, die von Rechtsextremen unter Druck gesetzt werden. Sportvereine sind Teil unserer Gesellschaft mit allen Herausforderungen, aber auch Potenzialen.“ Die Kontaktaufnahme zu den Klubs müsse sensibel erfolgen, dafür ist Peschel der richtige Mann. Er macht sich für Demokratie und gegen Diskriminierung stark. „Der Sport kann Zusammenhalt leisten und bringen, das ist mein Herzensthema.“ 

Auch dem Rudern bleibt er verbunden. Am 19. Juli kandidiert er für das Präsidentenamt beim DRC, Robin Aden tritt nicht wieder an. Ferner steigt Julius Peschel nach wie vor gern selbst ins Boot. Es macht ihm immer noch Spaß. „Das Rudern hat mit Halt gegeben und Freunde in ganz Europa.“ Es etwas langsamer angehen zu lassen, davon ist Julius Peschel aber weit entfernt. „Ich kann gar nicht gemütlich rudern“, sagt er schmunzelnd.