12. Februar 2021 / 17:22 Uhr

Komplett, kompletter, Lars Stindl: Der Fußballer, der 96 und ganz Hannover verzückt hat

Komplett, kompletter, Lars Stindl: Der Fußballer, der 96 und ganz Hannover verzückt hat

Dirk Tietenberg
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
So haben die Anhänger der Roten Lars Stindl natürlich besonders gern gesehen...
So haben die Anhänger der Roten Lars Stindl natürlich besonders gern gesehen... © imago sportfotodienst
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Als Lars Stindl in Kopenhagen zum Hörer griff ... keiner, der es mit 96 hält, wird diesen Moment je vergessen. Den Spieler aber auch nicht, denn der trug ohne Zweifel seinen Teil zu einem der schönsten Kapitel in der Geschichte der Roten bei und ist deswegen nominiert für die SPORTBUZZER Legenden des Jahrzehnts.

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Nach einem 0:0 gegen Freiburg drückt der frisch geföhnte 96-Profi Lars Stindl, damals 23 Jahre jung, auf einen Metallknopf, um den Fahrstuhl ins Untergeschoss der HDI-Arena zu holen. Hier treffen sich geduschte Spieler, Journalisten, Trainer auf einen Small Talk über das abgepfiffene Bundesligaspiel. „Schnell noch ein Statement, Lars?“ Klar doch. Mitten in der Plauderei kommt Freiburgs Christian Streich herangeeilt. „Tschuldigung“, entschuldigt sich der Trainer, „aber ich muss schnell was sage.“ Gut, nur zu. „Du Lars“, sagt Streich, „ich hab dich beobachtet in Karlsruhe, aber ich wollt dich nicht holen. Ich gebe zu: Ich hab mich getäuscht, ich hab mich total geirrt. Lars, du bist so gut, ich hab mich getäuscht.“ Stindl bedankt sich etwas irritiert, aber höflich. Der Fahrstuhl ist inzwischen wieder raufgefahren. 

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Mit seiner Mannschaft fuhr Stindl nach Europa, nach Sevilla, Kopenhagen, nach Moskau und Madrid. 96 hatte relativ schnell gewusst, was für ein bescheidener und guter Sportler da in Hannover eingestiegen war. Stindl prägte die erfolgreichste Zeit entscheidend mit, wurde Kapitän, dann Retter und ging als einer der komplettesten Fußballer, den 96 je hatte, zu Borussia Mönchengladbach. Dass er eine Legende in Hannover sein soll, mag der aktuelle Gladbach-Kapitän nicht fassen. Welche Sportler sonst noch nominiert seien, fragt er. „Per Mertesacker auch? Da hab ich keine Chance.“

Alles über die Legendenwahl

Ähnlich äußerte er sich 2014 zu den Chancen, Nationalspieler zu werden. Stindl war Fan beim WM-Sieg, drei Jahre später schoss er das Siegtor gegen Chile im Finale des Confed Cup. „Ein super Turnier für mich“, erinnert Stindl sich. „Der Cup hat in Deutschland nicht so die Bedeutung.“ Aber: „Es haben dann doch mehr geguckt, keine Ahnung warum, wahrscheinlich aus Mangel an Alternativen.“ Er lacht. „Oder aus Spaß an der Freude. Wir hatten Spaß und für mich war es ein Traum, so erfolgreich zu sein und im Finale ein Tor zu machen. Ich war Torschützenkönig – ich glaube Timo Werner, Cristiano Ronaldo und ich.“ Stindl schoss drei Tore, eins mehr als der Weltstar.

"Ich war in der besten Zeit der Klubgeschichte dabei"

Bundestrainer Joachim Löw hätte Stindl auch bei der WM 2018 gern mitgenommen, aber da war Stindl verletzt. Löw übersah ihn, als Stindl noch in Hannover spielte. Erst als Gladbacher kam er ins Nationalteam.

In Hannover war Stindl nicht zu übersehen. Er war Teil der Gesellschaft, besuchte Konzerte, das Maschseefest, oft mit seinen Freunden, die nicht zufällig Mitspieler waren. Jan Schlaudraff etwa, Moritz Stoppelkamp, Konstantin Rausch und andere aus der 96-Euro-Gang. Trainer Mirko Slomka hatte seinerzeit ein paar Monate gebraucht, um den zurückhaltenden Stindl zum Leistungsträger zu machen. Manager Jörg Schmadtke, der Stindl 2010 ablösefrei aus Karlsruhe holte, hatte im ersten Trainingslager vorausgesagt: Dieser Stindl habe eine Qualität im Passspiel wie kein Zweiter.

Die Menschen in Hannover haben Stindl nicht vergessen, und umgekehrt. Er denkt darüber nach, warum er deshalb eine Legende sein soll. „Wenn man emotional ein wenig weg ist und mal drauf schaut auf die Zeit, dann sieht man: Ich war in der besten Zeit der Klubgeschichte dabei und habe meinen Beitrag geleistet. Wir waren in Kopenhagen, Sevilla – das sind Dinge, die hat man damals nicht so wahrgenommen. Aber das sind Dinge, von denen die Leute immer noch erzählen.“

SPORTBUZZER Legenden des Jahrzehnts: Lars Stindl

Zur Erzählung gehört das Bild vom Telefon, das in Hannover anders klingelt, seit Stindl mit links das 2:1 in Kopenhagen schoss. Er tippte beim Jubel auf seine Hand, hob den Daumen mit dem kleinen Finger an die Ohrmuschel und die Fans sangen ihr Lied: „In Kopenhagen schellt das Telefooon!“ 

„Telefon war sensationell“, erinnert sich Stindl. „Aber es gab wirklich viele schöne Momente.“ Dann zählt er auf: „Das Heimspiel gegen Sevilla, als Schlaufi den Doppelpack macht. Das war im Stadion vom Gefühl her elek­trisierend. Und der Doppelpack in Augsburg, 2:1 gewonnen. Es war das vorletzte Saisonspiel, eine Woche danach sind wir gegen Freiburg dringeblieben und ich hatte meinen schönen Abschied. Eine runde Sache nach einem schwierigen Jahr.“ 96 stieg nicht ab, verlor aber einen seiner besten. Der Aufzug fuhr ohne Stindl ein Jahr später nach unten in die 2. Liga. 

0:3 gegen Braunschweig als schwärzeste Stunde

Stindl war maßgeblich an der Rettung beteiligt gewesen in der Serie zuvor, nicht nur wegen des 2:1 in Augsburg. Vorletzter Spieltag, Rückblende: „Wir waren Vorletzter, Freiburg gewinnt gegen Bayern und Dieter Schatzschneider hat die Bayern als Pissmannschaft bezeichnet. Das war nicht angebracht vielleicht, aber gut. Da war richtig Druck auf dem Kessel.“ Nach Stindls Doppelpack und dem letzten Spiel gegen Freiburg kamen ihm die Tränen beim Abschied. Die enge Saison und die ebenfalls schwierige Saison davor haben Stindl geprägt.

Das 0:3 gegen Braunschweig? „Die schwärzeste Stunde meiner Karriere“. Trainer Tayfun Korkut erfand Stindl am Spieltag danach neu, als hängende Spitze, wo er sich noch immer am wohlsten fühlt. Er köpfte auf der Position das 1:0 gegen den HSV. „Die erste Hälfte gegen Hamburg war vielleicht die beste Halbzeit, die ich je für Hannover gespielt habe.“ Vielleicht die beste, die er je spielte.

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An stimmungsvolle Tage wie diesen erinnern sich die Menschen in Hannover, besonders in Zeiten, die nicht nur durch die Zweitklassigkeit von 96, sondern auch von Fußball ohne Fans geprägt sind. Fußball spielen zu dürfen „ist ein Privileg“, weiß Stindl. „Ich kann die Sichtweise aller nachvollziehen, die es schwer haben.“

Es fällt ihm in diesen Zeiten noch schwerer, sich als Hannovers Legende zu betrachten. Sein Favorit für die Wahl ist ohnehin kein Fußballer, sondern „Morten Olsen. Ich war mit Leon Andreasen ein paarmal beim Handball, das war ein Augenschmaus, ihm und den Recken zuzugucken.“

Stindl selbst fliegt gern etwas unterm Radar. 32 Jahre ist er alt, beschäftigt sich auch mit der Zeit nach der Karriere. Stindl möchte Trainer werden, „Stand jetzt vielleicht nicht bei den Profis. Aber mich würde es reizen, dem Nachwuchs etwas mitzugeben“, sagt er, „jungen Menschen auch bei der Persönlichkeitsbildung unter die Arme zu greifen.“ Stindl möchte anderen helfen, den richtigen Knopf zu drücken, damit Talente im Karriereaufzug ähnlich weit nach oben fahren wie er.