12. Februar 2021 / 17:17 Uhr

"Ich bin verwurzelt mit 96": Per Mertesacker ist eine lebende Legende

"Ich bin verwurzelt mit 96": Per Mertesacker ist eine lebende Legende

Andreas Willeke
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Völlig  losgelöst: Per Mertesacker mit dem WM-Pokal 2014 in Rio de Janeiro.
Völlig  losgelöst: Per Mertesacker mit dem WM-Pokal 2014 in Rio de Janeiro. © IMAGO/Gribaudi/ImagePhoto
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Wo anfangen – um diesen Pattenser einzufangen mit all seinen Facetten? Mit seinem größten sportlichen Erfolg vielleicht, der Krönung zum Fußballweltmeister 2014 in Rio. Aber da ist natürlich noch viel, viel mehr. Per Mertesacker ist nicht nur in Hannover, bei 96 eine lebende Legende - und darf bei der Wahl zu den SPORTBUZZER Legenden des Jahrzehnts natürlich nicht fehlen.

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 „Ich denke nicht jeden Tag daran, sehe aber manchmal Bilder, die mich an Momente erinnern, die für immer bleiben. Ich war unfassbar gern dabei, habe da alles reingehauen, deshalb erinnere ich mich so gern daran. Es ist so viel passiert rund um die Nationalmannschaft, dass man da auch mit Stolz drauf zurückschaut.“ Das verbindet auch über die Distanz. Merte lebt mit seiner Frau und den drei Jungs (neun Jahre, sechs Jahre und ein Jahr alt) in London.

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„Jérôme Boateng habe ich mal in Berlin getroffen, mit Hansi Flick eine SMS geschrieben, dann kommen die Dinge wieder hoch. Als Benny Höwedes oder Basti Schweinsteiger aufgehört haben, schickte man sich schöne Videos – das sind die Momente, in denen ich mich mit den Menschen noch mal verbinde.“

Alles über die Legendenwahl

Auch mit Bundestrainer Jogi Löw, dem Merte viel zu verdanken hat – und der gerade seinen Rücktritt nach der EM im Juli angekündigt hat. „Jogi hat es sich verdient, die Entscheidung selbst zu treffen. Ich war auch nicht wirklich überrascht. Ich hoffe, dass er mit der Mannschaft bei der EM einen guten Abschluss findet, das hat er sich verdient. Mit der Entscheidung geht man vielen Diskussionen aus dem Weg, öffnet aber die Tür für neue Debatten. Muss man schnell komplett was verändern?“

Dazu klettert der 36-Jährige aus der Eistonne und wird auch als TV-Experte bei der EM Stellung beziehen. Nach zwei Jahren bei DAZN analysiert er jetzt für das ZDF: „Natürlich fällt die Umstellung schwer. Man hat ja als Spieler eine gewisse Abwehrhaltung gegenüber Experten. So will man mal nicht werden, das mache ich nie, so waren die Gedanken. Jetzt merke ich aber, das ist eine interessante Aufgabe, bei der ich anders sein kann, als ich es damals erlebt habe. Die EM zu begleiten wird noch mal eine Herausforderung. Es ist eine spannende Aufgabe, ich möchte den Leuten sowohl den Fußball als auch den Menschen näherbringen. Da sehe ich meine Stärke. Es werden Fehler passieren, da stehen ja nicht nur Roboter auf dem Platz. Aber in bestimmten Situationen muss man unter Kollegen oder Ex-Kollegen diplomatisch bleiben.“

"Intensität hat mich abgeschreckt"

Im November 2019 schlüpfte er bei Arsenal für drei Wochen in die Co-Trainer-Rolle bei den Profis, an der Seite des Interimstrainers Freddie Ljungberg: „Das war eine intensive und anstrengende Zeit, die mich geprägt und auch ein bisschen abgeschreckt hat. Ich habe ja die A- und B-Lizenz gemacht und stehe jetzt vor der Frage, ob ich auch den Fußballlehrer noch machen soll. Die Intensität hat mich ein bisschen abgeschreckt, weil auch meine Familie darunter gelitten hat. In der Zeit wurde auch mein dritter Sohn geboren. Ich sehe mich mehr in der Akademie, da trage ich große Verantwortung für Spieler und Mitarbeiter. Da kann ich mich auch am besten weiterentwickeln.“

Seit Oktober 2018 leitet Merte die Jugendakademie bei Arsenal: „Man hat schöne Vorstellungen, aber muss sehen, was davon realisiert werden kann. Es gibt tolle Themen, an denen man arbeiten kann. Es ist mir wichtig, die Realität und Perspektive den Jugendlichen und Eltern nahezubringen. Die Chance, im Profigeschäft zu landen, liegt unter einem Prozent. Ich sehe meine große Verantwortung darin, darauf aufmerksam zu machen. Fußball ist ein schönes Element, aber Grundwerte sind auch wichtig, um seinen Platz im Leben zu finden. Das muss ich jeden Tag vorleben, sonst hat man keine Chance. Das Coole an Arsenal ist, dass junge Spieler zu den Profis durchkommen wie Bukayo Saka und Emile Smith Rowe. Wir machen Workshops, wo wir die beiden bei der U8 sprechen lassen. Aber es gibt eben auch sehr viele, die es nicht schaffen. Da versuchen wir, die Balance zu finden.“

SPORTBUZZER Legenden des Jahrzehnts: Per Mertesacker

Corona verändert auch seinen Tagesablauf. „Mein Tag wird strukturiert durch Onlinemeetings. Ich lerne viele administrative Dinge. Ich muss die Kommunikation hochhalten. Es ist ein Job, der mich unheimlich weiterbringt. Meine Verbindung zu Profitrainer Mikel Arteta und der sportlichen Führung ist sehr gut. Da wird von mir auch verlangt, dass ich sage, was wir in der Pipeline haben, wer als Nächstes zu den Profis rauskommen kann.“

Es trägt eine Riesenverantwortung bei Arsenal London – einem Klub mit weltweiter Fanbasis. „Dann muss ich auch den Leihmarkt koordinieren, wo Spieler untergebracht sind, die es erst mal nicht geschafft haben. Ich bekomme unfassbar großen Einblick, Menschen zu führen, weiterzukommen und zu lernen. Ich habe im Klub eine Stimme.“ Schon als Spieler war er als Kapitän bei Werder Bremen und Arsenal in der Verantwortung. „Ich hatte immer das Gefühl, dass Trainer mir Vertrauen schenken. Aber in so einer Position hast du auch eigene Erwartungen an dich, ich gebe als Manager den Ton an. Ich will nicht nur das Gesicht sein, sondern es tagtäglich vorleben.“

"Jeder hat Gefühle"

In einem viel beachteten Interview hatte Merte über sein Innenleben und den Druck vor wichtigen Partien gesprochen. Spürt er den jetzt auch? „Es ist ein anderer Druck. So extrem wie vor Spielen habe ich mich noch nicht gefühlt, auch nicht, wenn ich jetzt vor dem Aufsichtsrat sprechen musste. Da geht mir nachts vieles im Kopf herum. Das war als Spieler ja nicht so. Ich konnte gut schlafen, aber direkt vor dem Spiel musste ich mich vielleicht mal übergeben oder es hat sich vieles aufgebaut. Mir ist wichtig, den jungen Spielern zu zeigen, dass jeder irgendetwas mit sich herumträgt und Gefühle hat. Aber ich habe mit meiner Aussage auch ein Umfeld geschaffen, dass sich die Leute uns anvertrauen können, wenn ihnen etwas auf der Seele brennt.“

Merte weiß, Fußball ist nicht alles: „Guter Fußballer zu sein ist nur eine Seite. Wenn wir positive Vorbilder sein und Werte vermitteln wollen, muss ich es vorleben. Wir müssen Toptalente auch für das Profigeschäft so vorbereiten, dass sie nicht aus der Blase Akademie ins reale Leben kommen und aus allen Wolken fallen.“

Er begann seine Karriere bei der 96-Jugend. „Sich damit nicht mehr zu beschäftigen wäre ja ein Skandal. Ich bin verwurzelt mit 96, war Teil davon als Sympathisant, Fan, Jugendspieler, Profi für 20 Jahre – das hört nicht auf, nur weil ich in London lebe. Ich bin sehr gut informiert und interessiert.“

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Für 96 fast schon überqualifiziert

Bei 96 würden sie ihn bei einer Rückkehr mit offenen Armen empfangen, ob als Manager oder Trainer. Aber Merte ist mit all seinen Aktivitäten fast schon überqualifiziert für 96. Er wird, die Voraussage kann man wagen, bei einem Großklub in England oder Deutschland landen. „Ich halte Kontakt zur Nationalmannschaft, nach Hannover und Bremen – das sind meine Anknüpfpunkte. Familiär bin ich extrem glücklich in London, das spielt in meinem Leben nach dem Fußball eine wichtige Rolle. Es wird bei mir künftig keine Schnellschüsse mehr geben. Es wird gut überlegt sein, wie der nächste Schritt aussehen wird.“

Präsent bleibt er in der Region durch seine Per-Mer­tes­acker-­Stif­tung: „Wir machen In­te­gra­tions­ar­beit mit über 100 Projektkindern, damit sie bessere Chancen haben in der Gesellschaft. Integration ist ein brandheißes Thema. Wir wollen die Kinder, die ins Land kommen, nicht alleinlassen. Ich bin sehr stolz auf die Arbeit der Stiftung. Wir werden auch keine Ruhe geben und langfristig weiterhelfen. Ich möchte der Region Hannover viel zurückgeben für das, was ich erleben durfte.“