12. Februar 2021 / 17:06 Uhr

Dieser spezielle Ehrgeiz: Sabrina Hering-Pradler kämpft sich immer wieder zurück

Dieser spezielle Ehrgeiz: Sabrina Hering-Pradler kämpft sich immer wieder zurück

Christoph Hage
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Sabrina Hering-Pradler hat stets das Ziel vor Augen - wenn auch von einer Sonnenbrille verdeckt.
Sabrina Hering-Pradler hat stets das Ziel vor Augen - wenn auch von einer Sonnenbrille verdeckt. © IMAGO/Aleksandar Djorovic
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Die Rentner hatten recht: Sabrina Hering-Pradler hat jede Menge Talent. Und mindestens genauso viel Ehrgeiz! Kein Wunder also, dass die Arnumerin in die Weltspitze gepaddelt ist, von Rückschlägen lässt sie sich nicht stoppen. Jetzt steht sie zur Wahl bei den SPORTBUZZER Legenden des Jahrzehnts.

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Ein Statist zu sein, nur mitzupaddeln im Strom der Kanuten, das ist nichts für Sabrina Hering-Pradler. „Wenn ich dabei bin“, sagt die 29-Jährige, „dann will ich auch gewinnen.“ Das gilt sowohl für die Olympischen Spiele in diesem Jahr, als auch für Sportlegenden-Wahl des Jahrzehnts. Ohne diesen Ehrgeiz wäre sie vermutlich gar nicht erst aufgestellt worden.

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Die Rentner des Hannoverschen Kanu-Clubs (HKC), wie Hering-Pradler sie liebevoll beschreibt, wussten es sofort: Aus der wird was. Ihr Vater Ralf Hering steuerte seinerzeit Drachenboote auf dem Maschsee – und hatte die elfjährige Tochter irgendwann überredet, mitzukommen. „Die Senioren sagten zu mir: ’Los Sabrina, jetzt setz dich doch mal ins Boot, wir haben es im Gefühl, dass du das kannst’.“

Alles über die Legendenwahl

Gesagt, getan. Dass ihre Babysitterin Schwimmtrainerin bei der SV Arnum war und sie mit drei Jahren zum ersten Mal mitgenommen hatte, kam ihr jetzt entgegen. „Normalerweise fällt man ja gleich ins Wasser, weil man das Gleichgewicht nicht halten kann, und ich bin einfach losgefahren. Die Rentner standen am Rand, haben sich bestätigt gefühlt und meinten: ’Du wirst irgendwann noch mal zu Olympia fahren und mit 'ner Medaille nach Hause kommen. Das wissen wir, du hast Talent’.“ Welch Weitsicht.

Fortan war Hering-Pradler infiziert, nun schwamm sie eben auf dem Wasser statt im Wasser. Die Erfolge ließen nicht lange auf sich warten: 2007, also gerade einmal vier Jahre nach beschriebenem Ereignis, fuhr die Kanutin des HKC Hannover zur ersten internationalen Medaille. Zwei Titel folgten bei den Junioren auf europäischer und weltweiter Bühne, in der Altersklasse U23 durfte sie sich allein bei EM und WM jeweils dreimal Gold umhängen lassen. „Das sind die Erfolge, die einen angefixt haben und die man immer wieder erleben möchte“, sagt sie. Da ist er wieder, dieser Ehrgeiz, den jeder Leistungssportler morgens zum Aufstehen braucht.

Ein Wetteinsatz mit speziellen Folgen

Nach dem WM-Titel 2015 im Zweierkajak folgte bei den Spielen im darauf folgenden Jahr der wohl emotionalste Moment ihres Lebens. Kurz nachdem die in Gehrden geborene Athletin Silber im Viererkajak über 500 Meter aus dem Lagoa Rodrigo de Freitas gefischt hatte, ging sie ihrem Freund Paul Pradler ins Netz: Der hatte schon 2012 mit ihr gewettet, sollte sie eine Medaille holen, würde er ihr einen Antrag machen. Kaum zurück am Bootssteg sank er vor seiner Freundin auf die Knie, seitdem heißt sie Hering-Pradler. Seit Ende 2016 wohnt das Paar in einem Reihenmittelhaus in Hemminger Stadtteil Arnum.

Nun ist das Lebens eines Sportlers keine aufsteigende Kurve, sondern ein ständiges Auf und Ab. 2017 setzte Hering-Pradler das Pfeiffersche Drüsenfieber zwei Monate lang außer Gefecht, 2018 riss sie sich beim Trainingslager in Spanien das vordere Kreuzband im rechten Knie. In der letzten Einheit hatte für die Frauen eigentlich Laufen auf dem Programm gestanden, „aber darauf hatte keiner Lust, also haben wir Fußball gespielt“, erzählt Hering-Pradler. „Ich habe einen Pass zugespielt bekommen, wollte ein Tor schießen und habe mein rechtes Bein beim Drehen stehen lassen. Das Schlimmste war, das Tor war leer, das war mir in dem Moment echt unangenehm, weil es echt eine richtige Blondinenaktion war.“

SPORTBUZZER Legenden des Jahrzehnts - Sabrina Hering-Pradler

Hering-Pradler kämpft sich zurück, legt sich kurz darauf unters Messer. Die zweite Olympia-Teilnahme hat sie fest im Blick. Sind die Spiele in diesem Jahr denn angesichts der Pandemie sinnvoll? „Für mich persönlich ist die Austragung sehr wichtig, weil ich mich immer wieder zurückgekämpft habe, immer mit dem Ziel Tokio 2020 im Hinterkopf, der Kreuzbandriss, der Tod von meinem Papa, das wäre für mich ein schöner sportlicher Abschluss dieser Zeit.“ Nur dabei sein, reicht ihr allerdings nicht: „Ich arbeite definitiv darauf hin, dass ich wieder mit einer Medaille nach Hause komme. Am liebsten natürlich golden.“

Eine zweite Birgit Fischer?

Und wie soll es nach Tokio weitergehen? „Ich möchte schon noch gerne 2024 in Paris dabei sein“, sagt die gelernte Bürokauffrau. „Mal gucken, was zwischendrin noch ansteht, was noch passiert. 2016 habe ich auch gesagt, ich höre auf und jetzt sitze ich schon wieder hier und unterhalte mich über Tokio und Paris. Und vielleicht bin ich ja eine zweite Birgit Fischer, die mit 46 Jahren noch im Boot gesessen hat.“ Es ist ein launiges Gespräch mit einer sympathischen Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht. Gelernt hat, dass man immer einmal mehr aufstehen muss, als man hinfällt. Und sich auf dem Wasser durchzusetzen weiß.

„Ach ja, wir suchen gerade Handwerker, wollen unseren Dachboden umbauen“, wechselt sie unvermittelt das Thema. Und warum der Aufwand? Hering-Pradler weiß genau, worauf der Fragensteller anspielt, antwortet lachend: „Weil ich das einfach richtig schön finde.“ Etwas ernster fügt sie hinzu: „Wir gehen nach Tokio offensichtlich die Kinderplanung an. Also wir probieren es. Ob es klappt, weiß man nicht, aber wir gehen dann in die Offensive.“ So wie sie es schon immer tut.