12. Februar 2021 / 17:01 Uhr

"Ganz gut gelaufen": Timo Kastening und sein Weg zu einem der besten Rechtsaußen

"Ganz gut gelaufen": Timo Kastening und sein Weg zu einem der besten Rechtsaußen

Christoph Dannowski
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
 Timo Kastening hat den Sprung vom Talent zum international beachteten Spieler geschafft.
Timo Kastening hat den Sprung vom Talent zum international beachteten Spieler geschafft. © IMAGO/Bildbyran
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Aus einem Talent der TSV Hannover-Burgdorf ist einer der besten Rechtsaußen des Landes und damit wohl auch der Handballwelt geworden: Für Timo Kastening "ist es ganz gut gelaufen", wie er selbst sagt. So gut, dass der Ex-Recke nun auch bei den SPORTBUZZER Legenden des Jahrzehnts zur Wahl steht.

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Nationalmannschaft oder neuerdings bei der Melsunger Turngemeinde von 1861, „ich war immer einer der Allerkleinsten“, sagt Timo Kastening und grinst dieses Grinsen, das dem 25-Jährigen einmal quer über den Mund reicht. 1,80 Meter misst der Rechtsaußen, „steht zumindest im Pass“, sagt der Handballer und lächelt dabei so keck, als könnte es sein, dass da um ein oder zwei Zentimeter geschummelt worden ist.

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Ob nun 1,78, 1,79 oder 1,80 – zum Abschluss „seines Jahrzehnts“ wurde dem Schaumburger Jungen aus Riepen eine Ehre zuteil, die nur die ganz Großen erreichen: „Handballer des Jahres“, gewählt von den Lesern einer Fachzeitschrift. In der Liste seiner Vorgänger stehen eigentlich alle, die Timo Kastening verehrt: die Welthandballer Daniel Stephan, Filip Jicha und Nikola Karabatic, die Legenden Heiner Brand, Erhard Wunderlich, Andreas Thiel und Stefan Kretzschmar. „Zu dieser Riege gehören zu dürfen, ist etwas, was ich lange nicht richtig begriffen habe“, sagt Kastening, „das ist eigentlich unfassbar.“

Alles über die Legendenwahl

Und nichts weniger als der Lohn für solche Tage als Jugendlicher: fünf Uhr aufstehen, mit der S-Bahn von Bad Nenndorf zum Frühtraining im LSB-Sportinternat neben dem 96-Stadion, Unterricht in der Humboldtschule, Erledigung der Hausaufgaben im Teilzeitinternat, Training in Burgdorf. Um 22.30 Uhr stand der 15-jährige Timo dann wieder am Bahnhof Haste, um von der Mutter abgeholt zu werden. Am nächsten Tag derselbe Stress. „Trotzdem habe ich nichts verpasst. Ich bin auch ausgegangen, hatte Freunde, hatte Spaß“, sagt Timo, „ich habe viel investiert, aber nichts vermisst.“

Mit fünf Jahren hatte der Spross einer Handballer-Familie (der Vater war Spieler, der große Bruder Marius spielt Rückraum Mitte bei Drittligist Handball Hannover-Burgwedel) den ersten Ball in der Hand. „Talent hatte ich wohl schon immer, mit 13 war klar, dass ich versuchen wollte, ganz nach oben zu kommen“, erinnert sich Timo Kastening.


Kollegen von einst sind Kollegen von heute

Und weil „tatsächlich nicht eine einzige schwere Verletzung meinen Werdegang bremste“, wurden die 2010er Jahre Kastening-Jahre. 2012 das erste große Turnier, die U-18-Europameisterschaft. Mit Gold im Gepäck ging es zurück aus Österreich. 2014 das gleiche Spiel mit der U20, wieder Gold. 2015 war es Bronze, aber auch die U-21-Weltmeisterschaft in Brasilien. Und Kastening immer mittendrin, nicht nur dabei. Die Kollegen von einst stellen mit ihm heute die Hälfte der A-Nationalmannschaft, da ist schon vor Jahren eine verschworene Gemeinschaft entstanden.

Nur eines klappte nicht, das Zusammenspiel von Hochleistungssport und schulischen Höchstleistungen. „Bis zur 10. Klasse war alles okay“, sagt Kastening, „in der 11. dann nicht mehr. Zu viele Spiele, Lehrgänge, Turniere, zu wenig Zeit für den Stoff und den Unterricht.“ Kastening verließ das Gymnasium, startete eine duale Ausbildung bei der Sparkasse Hannover. „Die Abmachung war klar: Solange meine Leistung bei der Sparkasse stimmte, wurde ich zu jedem Training und zu jedem Spiel freigestellt.“ Nicht ausgeschlossen, dass aus dem Handballer irgendwann wieder ein Banker wird: „Der Bereich Baufinanzierung hat mir sehr gefallen und würde mich reizen.“

SPORTBUZZER Legenden des Jahrzehnts: Timo Kastening

Mit 18 schon schickte ihn Christopher Nordmeyer, einer von vier Trainern, unter denen Kastening bei der TSV arbeitete, ins Abenteuer Bundesliga, 16 Tore in 17 Spielen lassen sich wohl als gelungenen Einstand beschreiben. Kastening fand es trotzdem „gefährlich. Du wirst von allen Seiten nur gelobt und könntest glauben, dass du es jetzt geschafft hast. Aber du hast genau nichts geschafft. Es ging damals ja erst los.“

Wechsel hat Kastening gutgetan

Fast 250 Bundesligaspiele bestritt Kastening seitdem, warf mehr als 700 Tore, spielte schon mehr als 20 Mal für Deutschland, dabei ist er gerade 25. „Es ist ganz gut gelaufen für mich“, untertreibt der Sprinter auf rechts, der die 100 Meter unter zwölf Sekunden rennen kann.

Bei der Videokonferenz läuft jetzt Dobermann Dexter durchs Bild, Kastening zeigt per Handykamera seine erste eigene Wohnung. 70 Quadratmeter Neubau in der Nähe des ICE-Bahnhofes Kassel-Wilhelmshöhe, acht Jahre lang hat er zuvor mit Kumpel Lennart Koch in einer Handballer-WG in der Calenberger Neustadt gelebt.

In Kassel werkelt im Hintergrund Freundin Jil, die 28-Jährige ist Personalleiterin im „360 Grad“, einer Beach-Bar in Hannovers Innenstadt. Mit ihr und dem Wechsel nach Melsungen „ist ziemlich viel anders geworden in meinem Leben“, bekennt der Kabinen-DJ der MT, der vor den Spielen alles von Metallica bis Avicii auflegt: „Dieser Schritt hat meiner Persönlichkeit gutgetan.“

Die Laufbahn von Timo Kastening in Bildern

Timo Kastening wechselt als Jugendspieler 2008 vom TSV Barsinghausen in den Recken-Nachwuchs. Dieses Bild zeigt ihn 2011. Zur Galerie
Timo Kastening wechselt als Jugendspieler 2008 vom TSV Barsinghausen in den Recken-Nachwuchs. Dieses Bild zeigt ihn 2011. ©

Nun kann er eine gewählte Legende werden. „Hört sich irre an“, sagt Kastening und spricht über seine Vorbilder, seine Legenden: Frank Ettwein, der 15 Jahre lang den Abstieg von Balingen verhinderte. Nikola Karabatic, „der beste Handballer, der jemals geboren wurde“. Dessen Leidenschaft, dessen Gier nach Erfolg ist Timo Kastening Inspiration, auch für die Olympia-Qualifikation, die jetzt mit Deutschland ansteht.

Bevor das Gespräch nach 50 Minuten endet, möchte Kastening noch eine Botschaft aus Kassel nach Hannover senden: „Grüß mir die Stadt, der ich alles verdanke“, sagt er und strahlt, „und sag allen, dass ich irgendwann wiederkomme. Hannover ist meine Vergangenheit und meine Zukunft.“