12. Februar 2021 / 17:20 Uhr

Mausgrau? War mal! Die Recken sind längst eine Topadresse der Handball-Bundesliga

Mausgrau? War mal! Die Recken sind längst eine Topadresse der Handball-Bundesliga

Simon Lange
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Feiernde Recken - definitiv kein seltenes Bild in den vergangenen Jahren.
Feiernde Recken - definitiv kein seltenes Bild in den vergangenen Jahren. © Florian Petrow
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Die Recken als Synonym für die TSV Hannover-Burgdorf - längst etabliert. Und die Recken als Klub - längst etabliert in der gesamten Region! Sie haben eine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte geschrieben, kein Wunder, dass sie auch bei den SPORTBUZZER Legenden des Jahrzehnts eine wichtige Rolle spielen.

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Herbst 2019, es sind die letzten Wochen des Jahrzehnts – und die Handball-Recken sind so stark wie nie. In der Liga spielen sie die Konkurrenz in Grund und Boden, liegen wochenlang auf Platz eins der stärksten Liga der Welt. Parallel erreichen sie zum dritten Mal in Folge das Pokal-Final-Four. Die Recken sind ganz oben angekommen. Sportlich – und strukturell. Erst die Pandemie bremst den Höhenflug aus. In der Corona-Krise geht es um „Strukturerhalt“, wie es Geschäftsführer Eike Korsen ausdrückt. Er will die Recken auch durch das aktuelle Jahrzehnt sicher navigieren, so wie schon durch das vorherige. 

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Streng genommen beginnt die Recken-Geschichte des Jahrzehnts schon am 6. Juni 2009, rund ein halbes Jahr vorm Dekadenwechsel. Die Recken heißen damals „nur“ die TSV Hannover-Burgdorf. Die Fans in der Swiss-Life-Hall (damals noch AWD-Hall) halten den Atem an, als sich im Aufstiegsrückspiel zwei Sekunden vor Schluss Jacek Bedzikowski beim Freiwurf ein Herz fasst, den Ball in Richtung Friesenheimer Tor wuchtet – und die klebrige Kugel unhaltbar abgefälscht im Netz landet. Nach dem 24:31 in Hinspiel waren sieben Tore aufzuholen. Bedzikowskis goldener Wurf zum 25:18-Endstand war die erste Sieben-Tore-Führung des Rückspiels. Es ist das Tor zum Bundesliga-Aufstieg.

Mehr über die Legendenwahl

Das erste Heimspiel am 6. September gewinnen die Burgdorfer mit 28:27 gegen HBW Balingen-Weilstetten. Damals auf der Bank der Schwaben: Geschäftsführer Benjamin Chatton. Ihm ist freilich nicht bewusst, dass er zwei Jahre später zum entscheidenden Architekten der Recken werden würde. Teammanager Georg Müller ruft Chatton 2011 an, als der in Balingen gerade Kai Häfner zum HBW holt und mit Torwart Martin Ziemer verlängert. Er selber hat auch noch einen Vertrag, lässt sich aber zur TSV locken. Ziemer und Häfner folgen Jahre später.

Als bei Korsen in Bangkok das Handy klingelt...

In Burgdorf mutiert Chatton zum ersten Outdoor-Manager der Geschichte. In der Geschäftsstelle der TSV im Haus des Burgdorfer Stadtmarketings ist einfach kein Platz. Chatton, Eike Korsen (damals zuständig für Vertrieb und Marketing) sowie Praktikant Tim Becker (Ticketing) quetschen sich auf zehn Quadratmeter. Chatton muss immer raus zum Telefonieren, setzt sich auf die runde Bank am Baum – und verpflichtet von dort seine Spieler. „Sehr skurril, wenn ich daran zurückdenke“, sagt Chatton (40) heute, der bis Sommer 2018 die Geschäfte der Recken führte.

Noch länger ist nur Korsen dabei, Chattons Nachfolger. Der gebürtige Alfelder gönnt sich im Frühjahr 2010 gerade eine Weltreise und sitzt im Flur eines Hotels in Bangkok, als sein Handy klingelt. Stefan Wyss, der damalige Sportliche Leiter, lotst den Fachmann nach Burgdorf. Korsen geht nie wieder weg.   

Umzug der Geschäftsstelle nach Hannover, die Geburt der „Recken“ 2012, die erste Qualifikation zum EHF-Cup 2013, das Abenteuer Europa, der Umzug in die Tui-Arena, die Wellenbewegungen in der Tabelle, die Verpflichtung der Startrainer Carlos Ortega und Iker Romero 2017, die erste Teilnahme am Pokal-Final-Four 2018, die zweite und dritte Quali für Europa, die zweite und dritte fürs Final Four – Korsen ist immer dabei.

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Er und Chatton verwandeln mithilfe des Mäzens Bernd Gessert den mausgrauen Verein in eine Topadresse der Liga. Dafür – finden sie – ist der Name TSV Hannover-Burgdorf zu sperrig. Also kreieren sie im Sommer 2012 zusammen mit einer Agentur die „Recken“. 

„Wir bekamen viel Gegenwind“, sagt Korsen. Viele finden den Namen zu altbacken, zu martialisch. Umfeld und Fans gewöhnen sich dran, Recken sagt heute jeder. Die TSV ist jetzt ein Verein nicht nur für Burgdorf oder Hannover, sondern für die gesamte Region. Identifikationsfiguren gibt es genug.

"Eine ungewöhnliche Erfolgsgeschichte"

Allen voran Lars Lehnhoff, der von 2004 an für die TSV die linke Außenbahn bespielt – bis 2019. Auch Rechtsaußen Torge Johannsen bleibt fast ein ganzes Jahrzehnt. Weitere treue Ikonen: Martin Ziemer, Mait Patrail, Timo Kastening und Morten Olsen. „Alles Profis, denen es nicht egal war, was im nächsten Jahr mit dem Verein passiert“, erklärt Chatton. 

„Die Recken haben sich unheimlich entwickelt. Es ist eine ungewöhnliche Erfolgsgeschichte“, sagt Christopher Nordmeyer, der ebenfalls an der Legendenbildung mitwirkt. 1975 begann er seine Spielerkarriere bei der TSV, sie endete mit dem Aufstieg 2009. Im Februar 2011 übernimmt er das Traineramt seines Herzensvereins. Ihm gelingt die Sensation und führt Hannover auf Platz sechs – das reicht für Europa.

Mehr über die Recken

Allerdings handeln sich er und das Team bei Chatton massiv Ärger ein. Die traditionelle Teamfahrt nach Mallorca nach der Saison ist nicht möglich, weil die Nationalspieler Verpflichtungen haben. „Also haben wir den Trip in die laufende Saison zwischen den vorletzten und letzten Spieltag gelegt – gegen Benjamins Willen“, erinnert sich Nordmeyer. Es ist ein riskantes Spiel, denn zum Zeitpunkt der Planung ist Hannover noch nicht für Europa qualifiziert. 

Gessert ist die elementare Konstante

Gut, dass am vorletzten Spieltag Platz sechs schon sicher ist. Hannover gewinnt mit Ach und Krach 33:32 in Essen, danach geht es für fünf Tage ab nach Malle. „Benjamin hat mich nur böse angeguckt“, flachst Nordmeyer. „Herrliche Tage“ seien es gewesen. Feuchtfröhlich und emotional.

Unter Nordmeyer-Nachfolger Jens Bürkle kratzen die Recken erneut an Europa, aber erst unter dem Duo Ortega/Romero gelingt es. Chatton punktet bei der Verpflichtung der spanischen Spielerlegenden mit Charme und Argumenten: „Zu dem Zeitpunkt war Hannover eines der spannendsten Projekte in Europa, zwei Hallen, das Umfeld der Stadt, mehr Potenzial als wir haben nicht viele. Davon war ich felsenfest überzeugt.“ 

Ebenso wie Geldgeber Gessert. „Er ist die einzige Konstante, die wirklich elementar für den Erfolg der Recken ist“, betont Chatton. Nichts gegen die mittlerweile rund 500 anderen Partner – die Recken wissen: Ihre Zukunft im neuen Jahrzehnt steht und fällt mit Gessert.