12. Februar 2021 / 17:24 Uhr

Gaspedal durchgedrückt: Das Volkswagen-Motorsport-Team tüftelt sich zum Dauersieg

Gaspedal durchgedrückt: Das Volkswagen-Motorsport-Team tüftelt sich zum Dauersieg

Simon Lange
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Kein seltenes Bild: Ein Volkswagen auf dem Weg zum Sieg - hier die Norweger Andreas Mikkelsen und Ola Fløene in Argentinien.
Kein seltenes Bild: Ein Volkswagen auf dem Weg zum Sieg - hier die Norweger Andreas Mikkelsen und Ola Fløene in Argentinien. © Ferdi Kräling Motorsport-Bild GmbH
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Am VW Polo war eine kleine Ewigkeit kein Vorbeikommen: Mit viel Akribie und Leidenschaft hat das Volkswagen-Motorsport-Team in Vahrenheide gearbeitet und Raylle-Erfolg an Rallye-Erfolg gereiht, das Gaspedal stets durchgedrückt. Dafür steht es bei den SPORTBUZZER Legenden des Jahrzehnts zur Wahl.

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Es war wie verhext. Da gewinnt das Volkswagen-Motorsport-Team aus Vahrenheide mit dem unschlagbaren Polo jede Rallye der Welt, nur das Heimspiel in Deutschland nicht. Und das gleich zweimal hintereinander auf ähnlich ärgerliche Art und Weise. Ende August 2013 verliert der designierte Weltmeister Sébastien Ogier bei der Rallye um Trier auf dem nassen Asphalt die Kontrolle über den Flitzer. Einen Tag später rutscht auch Teamkollege Jari-Mati Latvala mit dem Polo von der Strecke. VW blamiert sich, die Konkurrenz freut sich.

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Ein Jahr später wiederholt sich die Geschichte. Wieder knallt Ogier von der Strecke. Sein Beifahrer Julien Ingrassia hält sich intuitiv schützend den Notizblock vor die Augen. Latvala profitiert von dem Unfall, sieht wie der sichere Sieger aus – bis auch er patzt und von den Serpentinen in die Weinhänge schießt. Doppelte Schmach. Schon wieder.

Alles über die Legendenwahl

In beiden Jahren hatte VW extra für die Heimspiele nagelneue Karosserien aufgehoben. Aus allen wurde Schrott. Für 2015 ändert Werkstattleiter Ralf Arneke (55) aus Arpke die Taktik und setzt gebrauchte Chassis ein. Der so ersehnte Heimsieg gelingt. Ogier vorn, Latvala dahinter. Andreas Mikkelsen komplettiert das perfekte Polo-Treppchen. Die VW-Welt ist wieder heil. Jubel in Trier – und in der Ikarusallee. Das unscheinbare Gebäude im Industriegebiet von Vahrenheide ist die Basis für Erfolge, die im Motorsport ihresgleichen suchen.

"Jedes Teil wurde doppelt und dreifach geprüft"

1973 war die sieben Jahre zuvor in München gegründete Motorsport-Tochter nach Hannover umgezogen. Erfolge gab es immer. Aber nie so dauerhaft, geballt und prestigeträchtig wie im vergangenen Jahrzehnt. 2007 verpasste VW bei der Rallye Dakar in Afrika den sicher geglaubten Sieg wegen zwei Motorschäden. In der Folge wurde in Hannover alles auf den Kopf gestellt. Die Qualitätssicherung rückte an erste Stelle. „Jedes Teil wurde doppelt und dreifach geprüft“, erinnert sich Arneke, der seit 1990 bei VW in Vahrenheide ist. Kein Ersatzteil, das nicht mindestens einmal verbaut und einmal getestet wurde.

Seitdem ist alles zu Gold geworden, was VW-Motorsport angefasst hat. 2009 triumphierte VW mit dem Race Touareg bei der nach Südamerika verlegten Rallye Dakar. 2010 verteidigte das Team den Titel und machte 2011 den Hattrick perfekt. Ein emotionaler Rausch. „Die Kulisse, die Zuschauermassen – das war gigantisch“, erinnert sich Arneke. „Die Leute sind vor Begeisterung durchgedreht, haben sich vor die Lkw gestellt. Wir konnten nur im Schritttempo durch die Städte fahren. Das waren riesige Erlebnisse.“

VW beendete auf dem Höhepunkt sein Dakar-Engagement, im Hintergrund war längst das nächste Projekt geplant: die Eroberung der Rallye-WM mit dem Polo. 2012 testete VW quasi Tag und Nacht. Noch im November meckerte Starpilot Ogier am Auto herum. 2013 bei der WM-Premiere in Monte Carlo raste er auf Platz zwei. Schon bei der nächsten Rallye in Schweden siegte er. Der Beginn einer historischen Triumphfahrt über vier Jahre. Von 2013 bis 2016 gewann VW mit dem Polo R WRC fast jedes Rennen und am Ende jeweils alle möglichen WM-Titel (Hersteller, Fahrer, Beifahrer). Nie hat ein anderes Team solch eine Siegesserie in der Rallye-WM-Geschichte hingelegt. Der Hannover-Polo ist das erfolgreichste Rallyeauto aller Zeiten.

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Schon zu Dakar-Zeiten galt die Null-Fehler-Vorgabe. Das war zwar großer Druck für alle Beteiligten, schuf aber zugleich die größtmögliche Motivation. „Es musste immer alles perfekt sein, das war jedem bewusst. Keiner wollte derjenige sein, der einen Fehler macht“, erklärt Arneke. VW hatte immer die besten Fahrer: Giniel de Villiers, Carlos Sainz, Nassar Al-Attiyah, Ogier, zuletzt Romain Dumas für den Elektroflitzer ID.R.

Nach Lösungen suchen - nicht nach Schuldigen

Der entscheidende Faktor war jedoch stets die funktionierende Teamarbeit. „Du kannst den besten Fahrer haben – wenn das Auto nicht bestens vorbereitet ist, gewinnt er nicht“, sagt Arneke. „Eine unserer Stärken war der familiäre Charakter im Team“, betont auch der aktuelle Motorsportdirektor Sven Smeets, der 2011 als Teammanager von Citroën gewechselt war. „Wenn etwas schiefging, wurde nach einer Lösung gesucht, nicht nach Schuldigen. Und wenn wir gewonnen haben, war es ein Erfolg der ganzen Truppe – vom Rennfahrer über den Mechaniker bis hin zum Einkäufer und zum Finanz-Controller.“ Einzigartig in der Szene: Kein anderes Team band im Erfolg seine komplette Belegschaft ein. Bei VW durften immer alle rund 200 Mitarbeiter feiern. Die gesamte Firma verstand sich als Sportmannschaft.

Nach außen wirkten die Dauererfolge irgendwann langweilig, für das VW-Team nicht. Mit Akribie und Leidenschaft blieb das Gaspedal immer durchgedrückt. Doch irgendwann war den Bossen in Wolfsburg die Rallye-WM genug. Zeit für was Neues: den Angriff im Elektrosegment. Parallel änderte VW-Motorsport die Strategie und verwandelte sich vom reinen Werksteam in einen Anbieter für Kundenfahrzeuge. Der Polo blieb heißeste Ware. 2017, 2018 und 2020 gewann Johan Kristoffersson im geliehenen Polo die Rallyecross-WM. 

Das letzte große Abenteuer des Jahrzehnts nahm VW 2017 und 2018 ins Visier: den Weltrekord beim Bergrennen „Pikes Peak“ in Colorado (USA). Der Franzose Dumas pulverisierte im Juni 2018 die von Rallyelegende Sebastien Loeb gehaltene Bestzeit, bezwang im flunderflachen VW ID.R mit Elektroantrieb die knapp 20 Kilometer und 4301 Höhenmeter bis zum Gipfel in knapp unter acht Minuten.

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Neben Arneke immer dabei: Pilot Dieter Depping aus der Wedemark. Im erfolgreichsten Jahrzehnt von VW-Motorsport hat er als Test- und Entwicklungsfahrer in allen Autos gesessen und so entscheidend zum Dauererfolg beigetragen. „Die herausragende Arbeit, die er seit vielen Jahren“ fürs Team leistet, „ist von unschätzbarem Wert“, adelt ihn Smeets. Seine letzte Duftmarke setzte Depping im September 2020 am Bilster Berg, fuhr im ID.R Streckenrekord – schneller als Dumas.

Kurz darauf gab der zum Sparen gezwungene Konzern die Auflösung der Motorsporttochter bekannt. Eine rund 50 Jahre alte Ära geht in der Ikarusallee nun zu Ende. Im Sommer ist Schluss. Arneke blutet bei dem Gedanken das Herz. „Es fällt uns schwer, zu gehen.“ Sein Ziel: All die Autos intakt zu übergeben, „um unser Erbe zu erhalten und die Historie zu bewahren“.