17. April 2021 / 16:38 Uhr

Zwei Spielzeiten im Konzert der Großen: Als der Heeßeler SV 2007 ein Fußballmärchen schrieb

Zwei Spielzeiten im Konzert der Großen: Als der Heeßeler SV 2007 ein Fußballmärchen schrieb

Nicola Wehrbein
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
In Bierlaune: Der Heeßeler SV macht in Neuhof den Aufstieg perfekt – und Michael Duraj seinen Trainer Niklas Mohs so richtig nass. 
In Bierlaune: Der Heeßeler SV macht in Neuhof den Aufstieg perfekt – und Michael Duraj seinen Trainer Niklas Mohs so richtig nass.  © zur Nieden
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Diese Erlebnisse werden für immer in Erinnerung bleiben: Vor rund 14 Jahren gelang dem Heeßeler SV der Aufstieg in die Oberliga. Es folgten zwei legendäre Spielzeiten mit bitteren Pleiten und vielen Erfolgen. Ein Highlight sind bis heute die Duelle gegen den SV Meppen inklusive Polizeieskorte und Pressekonferenz. Der SPORTBUZZER blickt zurück.

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Es gibt Momente im Sportlerleben, die vergisst man nie. Spiele, bei denen man jetzt noch genau weiß, wo man sie damals verfolgt oder wie man sie erlebt hat. Geschichten, die von Jahr zu Jahr ein bisschen mehr ausgeschmückt werden, aber immer gleich anfangen: „Weißt du noch ...“ In unserer neuen Serie „Das ganz große Ding“ haben wir die Vereine im Umland nach ihrem ganz besonderen Ereignis der vergangenen Jahre gefragt. Im ersten Teil erinnert sich der Heeßeler SV daran, wie sein Traum von der Oberliga wahr wurde.

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Zwei Jahrhundertsaisons

Manchmal rankt sich der Mythos auch nur um ein einziges Tor. Oder um zwei Jahrhundertsaisons. Für die Aktiven, Verantwortlichen und Fans des Heeßeler SV sind die legendären Oberliga-Zeiten bis heute „das ganz große Ding“: Ein Dorfklub auf Abenteuerreise in der großen Fußballwelt mit Duellen gegen den SV Meppen inklusive Polizeieskorte und legendärer Pressekonferenz.

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Ein Sonntagnachmittag im Jahr 2007

An einem Sonntagnachmittag im Mai 2007 schrieb der Heeßeler SV ein neues Kapitel seiner famosen Fußballgeschichte. Die Mannschaft von Trainer Niklas Mohs trat in der Bezirksoberliga beim SV BW Neuhof an. Nicht die Begegnung als solche blieb in den Köpfen hängen, Spielverlauf und Torschützen gerieten beim 6:1 über den späteren Absteiger zur Randnotiz.

"Hier wurde unser Traum von der Oberliga wahr"

Doch mit diesem Sieg machte der HSV den vorzeitigen Aufstieg klar. „Wir hatten uns an der Tabellenspitze lange einen Schlagabtausch mit dem TSV Stelingen geliefert. Zum Saisonende hin lief es bei uns perfekt und wir wurden souverän Meister“, erzählt Mark Wielitzka, der das Team als Kapitän anführte und viele Jahre im Dress des HSV stürmte. „Das Spiel in Neuhof war ein besonderes, hier wurde unser Traum von der Oberliga wahr.“ Legendär sei auch die anschließende Aufstiegsparty gewesen. „Die Rückfahrt im Bus war schon sehr feuchtfröhlich. Und dann haben wir einfach drei, vier Tage am Stück durchgefeiert.“

Mit Trainer Schaper schafft der HSV den Quantensprung

Um dieses „Wunder von Neuhof“ richtig einordnen zu können, hilft ein kurzer Ausflug in die HSV-Historie: 1973 ist der Sportverein im rund 1000 Einwohner zählenden Burgdorfer Ortsteil Heeßel gegründet worden. Unter der Regie von Coach Dietmar Mokwa gelang in der Serie 1992/1993 der Schritt in die Kreisliga.

Die Jugendarbeit boomt bis heute

Zugleich boomte die Jugendarbeit beim Heeßeler SV. Der ambitionierte Klub, dessen Philosophie es stets war – und bis heute ist –, auf gut ausgebildete junge Talente zu setzen, entwickelte sich rasant. Andreas Schaper, früherer Toptorjäger des SV Ramlingen/Ehlershausen, sorgte als stürmender Trainer für den nächsten sportlichen Quantensprung: Über die Bezirksliga ging es für den HSV hoch in die Landesliga.

Bilder vom Spiel der Landesliga Nord zwischen dem Heeßeler SV und TSV Krähenwinkel/Kaltenweide

Der Heeßeler Dennis Ly im Zweikampf mit Jonas Künne. Zur Galerie
Der Heeßeler Dennis Ly im Zweikampf mit Jonas Künne. ©

Mohs schreibt Vereinsgeschichte

Es folgte die Ära Mohs. Als Aktiver durchlief Niklas Mohs alle Mannschaften seines Heimatklubs. Mit 16 Jahren trainierte er die F-Junioren, die er bis zur A-Jugend begleitete, ehe er außerdem als Co-Trainer für die 1. Herren zuständig war. 2006 trat Mohs die Nachfolge von Schaper als Chefcoach an und prägte in den folgenden zehn Jahren ein ruhmreiches Stück Vereinsgeschichte.

Was für eine famose Saison 2007/2008: Der Heeßeler SV spielte munter mit im Konzert der Großen. Gegner in der Niedersachsenliga West und nach der Ligareform in der Oberliga waren unter anderem der VfL Oldenburg, BSV SW Rehden, SC Langenhagen, TSV Havelse und Arminia Hannover.

„Im ersten Jahr haben wir viele gute Spiele abgeliefert“, sagt Wielitzka. Bei seiner Premiere auf neuem Terrain schlug der HSV den SV Ramlingen/Ehlershausen mit 3:2. „Nach 15 Minuten lagen wir mit 0:2 zurück, aber wir konnten die Partie drehen“, schildert der 35-Jährige. Erst am zehnten Spieltag kassierte die Mohs-Elf gegen den SC Langenhagen die erste Niederlage.

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Im zweiten Jahr zu viele Schlüsselduelle verloren

Über die gesamte Serie geriet der HSV nie in Abstiegsnöte. Viele renommierte Klubs reisten als haushohe Favoriten siegessicher in Burgdorf an – und hatten am Ende das Nachsehen. Als Achtplatzierter des Klassements spielten die Heeßeler auch nach der Ligareform 2008 weiterhin fünftklassig in der Oberliga Niedersachsen. Eine echte Sensation. Dann kam das verflixte zweite Jahr – mit 117 Gegentoren und dem Abstieg. „Wir haben zu viele Schlüsselduelle verloren, das war sehr ärgerlich“, sagt Wielitzka. „Damit war das Abenteuer Oberliga vorbei.“

Die Erlebnisse bleiben in Erinnerung

Die Ergebnisse mögen allenfalls noch in Statistiken eine Rolle spielen, die besonderen Erlebnisse aus diesen beiden Jahrhundertsaisons indes bleiben den Beteiligten wohl für immer in Erinnerung. „Viele unserer Gegner wussten doch vorher gar nicht, wo Heeßel liegt. Die mussten erst mal die Landkarte studieren“, so der Angreifer. Vor allem für die Spieler und Anhänger der renommierten Klubs dürfte sich das Gastspiel in diesem überschaubaren Örtchen etwas befremdlich angefühlt haben.

Wielitzka erzählt schmunzelnd: „Die 150-köpfige Fangruppe des SV Meppen wurde von der Polizei vom Bahnhof in Burgdorf zu unserem Sportgelände an der Dorfstraße eskortiert. Sogar Suchhunde sind im Einsatz gewesen, um das heimliche Einbringen von Pyrotechnik zu verhindern. An der Männertoilette in Heeßel klebt heute noch ein SV-Meppen-Aufkleber.“

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Levestes Sascha Romaus überwindet Kirchdorfs Schlussmann Jens Trampenau und trifft zum vermeintlichen 1:1-Ausgleich. ©

"Ein Wahnsinn"

Unvergessen sei auch das Auswärtsspiel bei den Emsländern. „Da kamen wir wie ein bunt zusammengewürfelter Haufen vom Dorfe angereist, während die Meppener Akteure perfekt ausgestattet alle in den gleichen Autos vorfuhren. Wir haben dort vor 2500 Zuschauern gespielt, ein Wahnsinn. Nach der Partie musste unser Trainer zur Pressekonferenz, das war auf der Rückfahrt ein gefundenes Fressen für Sticheleien.“

In dieser Pressekonferenz nach dem Spiel beim SV Meppen zog sich Niklas Mohs mindestens ebenso gut aus der Affäre wie sein Team zuvor beim 1:3 auf dem Platz, Stefan Bönig war mit einem Freistoß aus 25 Metern das Ehrentor geglückt. Ehe Mohs sein Statement zum Spiel abgab, erwähnte er quasi ganz nebenbei, dass der HSV vor gar nicht langer Zeit noch in der 1. Kreisklasse kickte und der SV Meppen zum selben Zeitpunkt in der 2. Bundesliga um Punkte spielte. Damit war alles gesagt – und ein grün-weißes Fußballmärchen auf den Punkt gebracht.

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Bittere Pleite in Oldenburg

Beim einstigen Zweitligisten und späteren Meister VfB Oldenburg setzte es eine bittere 1:11-Pleite. „Auch so etwas bleibt im Kopf“, sagt Wielitzka. Von dieser Klatsche abgesehen, verabschiedete sich der Heeßeler SV erhobenen Hauptes aus der Oberliga und ist seither eine etablierte Größe auf Landesligaebene – gleichsam ein Verdienst von Niklas Mohs.

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Nach fast 500 Einsätzen: Abschiedsspiel für Wielitzka

Mittlerweile steht Fußballlehrer Martin Mohs an der Seitenlinie des Heeßeler SV, sein Bruder Niklas zieht beim Ligakonkurrenten TSV Godshorn die sportlichen Fäden. Und Mark Wielitzka, der fast 500 Spiele für den HSV bestritten hat, erhielt 2019 sein Abschiedsspiel. Mit dabei: viele ehemalige Weggefährten. Namen wie Henrik Ernst, Simon Kirsch, Tobias Clausing, Christian Wiese, Florian Jackowski oder Patrick Heldt werden immer mit den glorreichen Jahren des HSV verbunden bleiben. „Es war eine coole Zeit in der Oberliga. Und wir hatten uns diesen Aufstieg ja selbst erarbeitet, es war ein selbst gemachter Erfolg“, sagt Wielitzka.

Gegenwärtig geht es für den HSV in erster Linie darum, sich nach den sportlichen Turbulenzen der jüngeren Vergangenheit zu stabilisieren und für die Herausforderung Landesliga gewappnet zu sein. Oberstes Ziel für Martin Mohs und sein junges, entwicklungsfähigen (Perspektiv-)Team ist der Klassenerhalt – zumindest fürs Erste.