21. Oktober 2020 / 18:42 Uhr

Sportdirektor Rocco Teichmann über die großen Pläne von Viktoria Berlin: "Zur Not müssen wir eben nach Brandenburg ausweichen"

Sportdirektor Rocco Teichmann über die großen Pläne von Viktoria Berlin: "Zur Not müssen wir eben nach Brandenburg ausweichen"

Mirko Jablonowski
Märkische Allgemeine Zeitung
Will hoch hinaus: Vikorias Sportdirektor Rocco Teichmann (l.).
Will hoch hinaus: Vikorias Sportdirektor Rocco Teichmann (l.). © Lars Sittig
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Der Fußball-Regionalligist aus Lichterfelde gibt sich vor dem Heimspiel gegen Babelsberg 03 ambitioniert und nimmt dank Geldgebern aus Hamburg geradewegs Kurs auf die 3. Liga. Eine Frage treibt die Macher aber um.

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Rocco Teichmann hat beim FC Viktoria Berlin in den vergangenen fast fünf Jahren wahrscheinlich alle Höhen und Tiefen mitgemacht, die ein Sportdirektor eines Fußball-Regionalligisten mitmachen kann. Was den sportlichen Erfolg betrifft, steht der gebürtige Königs Wusterhausener (Dahme-Spreewald) gerade auf der Sonnenseite. Mit zehn Siegen aus zehn Spielen grüßen die Berliner verlustpunktfrei von der Tabellenspitze der Nordost-Staffel.

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„Natürlich haben wir uns vor der Saison etwas ausgerechnet, aber so einen Start kann keine Mannschaft der Welt planen“, sagt der 34-Jährige, der mit seinem Team am Freitagabend (19 Uhr, Stadion Lichterfelde) den SV Babelsberg 03 empfängt.

In Bildern: 30 ehemalige Spieler vom SV Babelsberg 03 – und was aus ihnen wurde.

Klickt Euch durch die Galerie der 30 ehemaligen Spieler vom SV Babelsberg 03. Zur Galerie
Klickt Euch durch die Galerie der 30 ehemaligen Spieler vom SV Babelsberg 03. ©

Teichmann und seinen Mitstreitern ist es nach dem Corona-bedingten Saisonabbruch gelungen, den Kern der Mannschaft zusammenzuhalten und Neuzugänge wie den finnischen Stürmer Kimmo Hovi (fünf Saisontore) oder Ex-Hertha-Keeper Philip Sprint sofort zu Leistungsträgern im Team von Trainer Benedetto Muzzicato aufzubauen.

Der 42-jährige Coach übernahm die sportlichen Geschicke bei der Viktoria vor der Saison 2019/20 und arbeitet eng mit Teichmann zusammen. „Stand jetzt haben wir nicht die schlechtesten Entscheidungen getroffen“, sagt der Sportdirektor, der in Saalow (Teltow-Fläming) aufgewachsen ist. Später besuchte er die Sportschulen in Frankfurt (Oder) und Cottbus.

Seine ersten Erfahrungen im Männerbereich sammelte er beim damaligen Oberligisten Ludwigsfelder FC. Nach Stationen beim Schweizer Drittligisten FC Naters und dem damaligen Regionalligisten Türkiyemspor Berlin, wechselte er im Sommer 2010 zum Berliner AK, für den der ehemalige Defensivspieler im Dezember 2013 sein letztes Regionalligaspiel absolvierte. Es folgte das Karriereende mit erst 27 Jahren und der Wechsel in den administrativen Bereich.

Am 1. Januar 2016 trat der gelernte Bankkaufmann nach zweieinhalb Jahren beim BAK seinen neuen Posten bei Viktoria an. Der Viertligist aus Lichterfelde machte schon damals keinen Hehl daraus, zumindest mittelfristig die 3. Liga ins Visier zu nehmen. Nur passten die sportlichen Leistungen bei den Berlinern nicht zum Anspruchsdenken.

Böses Erwachen folgte bald

Im Mai 2018 sorgte schließlich deutschlandweit die Meldung für Aufsehen, dass der milliardenschwere chinesische Hotelunternehmer Alex Zheng der Viktoria mit seinem Geld den Weg in den Profifußball ebnen wolle. Kaderplaner Teichmann holte gestandene Kicker wie den ehemaligen albanischen Nationalspieler und Zweitliga-Fußballer Jürgen Gjasula (jetzt 1. FC Magdeburg) zum deutschen Meister von 1908 und 1911.

Das böse Erwachen folgte bald. Im November 2018 blieben plötzlich die Gehaltszahlungen aus und gegen den mitgliederstarken Verein, der mit über 40 Nachwuchsteams am Spielbetrieb teilnimmt, wurde ein Insolvenzverfahren eröffnet – viel Spott und Häme von Außenstehenden gab's inklusive. „Natürlich war das eine Phase, die nicht viel Spaß gemacht hat“, gibt Teichmann zu.

Ans Aufgeben dachte er aber nie. „Dafür bin ich nicht der Typ. Man hat gegenüber dem Verein eine Verantwortung und es gab ganz, ganz viele Leute, die hier mit dafür gekämpft haben, dass wir gut aus dieser Sache rauskommen.“ Mit Erfolg. Das Insolvenzverfahren wurde im Dezember 2019 abgeschlossen. Der Club stehe laut Teichmann seit seinem Amtsantritt „so stabil da, wie nie zuvor“.

"Ohne potente Unterstützer geht es doch gar nicht"

Maßgeblichen Anteil daran haben die Unternehmer-Brüder Tomislav und Zeljko Karajica aus Hamburg. Sie agieren bei den Himmelblauen seit dem Frühjahr 2019 als Hauptgesellschafter und sorgen für die nötigen finanziellen Mittel, damit Teichmann Spieler wie Bernd Nehrig verpflichten kann. Der Mittelfeldspieler kam Anfang September von Zweitliga-Aufsteiger Eintracht Braunschweig. Die Karajicas investieren offenbar gerne in Sportvereine, als Gesellschafter unterstützen sie auch Austria Klagenfurt (Österreich) und die Basketballer der Hamburg Towers.

„Ohne potente Unterstützer geht es mit bestimmten Ambitionen doch gar nicht“, sagt Teichmann und verweist darauf, dass das bei Viertliga-Vereinen wie dem BAK mit Ali Han oder der VSG Altglienicke mit Daniel Böhm nicht anders sei. Und mit durchschnittlich rund 500 Zuschauern konnte Viktoria auch schon vor den Corona-Einschränkungen nicht auf Einnahmen aus dem Ticketverkauf bauen - anders als Traditionsvereine wie Energie Cottbus oder Carl Zeiss Jena.

Was Teichmann Hoffnung macht, dass das Engagement der Karajica-Brüder nachhaltig ist? „In den vergangenen eineinhalb Jahren hat sich viel Vertrauen aufgebaut und das Miteinander ist ein ganzes anderes, als es mit den Chinesen war“, antwortet er.

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Gemeinsam, so scheint es, ziehen alle an einem Strang, um den Traum von der 3. Liga zu realisieren. Die Herausforderungen würden dabei eher größer werden. Ganz oben auf der Liste steht die Stadionfrage. Die Spielstätte in Lichterfelde erfüllt die Bedingungen für die 3. Liga nicht. „Wenn man nach gut einem Viertel der Saison auf Platz eins steht, muss man sich damit beschäftigen“, sagt Teichmann. So müsse man abwarten, wie es beim Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark weitergehe, der eigentlich abgerissen werden soll.

Alternative Spielstätten in Berlin könnten auch das Olympiastadion, das Mommsenstadion, das Poststadion oder die Alte Försterei von Union sein. „Man muss gucken, was am Ende realisierbar ist und am meisten Sinn macht. Zur Not müssen wir eben nach Brandenburg ausweichen“, sagt Teichmann. Dass das Aufstiegsrecht aufgrund einer fehlenden Spielstätte nicht wahrgenommen werden kann, hält er für nahezu ausgeschlossen. „Wir haben in den vergangenen Jahren für so viele Probleme Lösungen gefunden und werden das auch in diesem Fall tun.“ Obwohl Viktoria in der Liga gerade auf der Sonnenseite steht, bleibt für Teichmann also keine Zeit zum Ausruhen.