31. Dezember 2020 / 11:58 Uhr

Sportlich überragend, für die Fans zum Vergessen: RB Leipzig und das Jahr 2020

Sportlich überragend, für die Fans zum Vergessen: RB Leipzig und das Jahr 2020

Frank Schober
Leipziger Volkszeitung
Ganz viel Grund zum Jubeln, aber keine Fans: RB Leipzig fehlte 2020 der 12. Mann zum gemeinsamen Feiern.
Ganz viel Grund zum Jubeln, aber keine Fans: RB Leipzig fehlte 2020 der 12. Mann zum gemeinsamen Feiern. © Getty Images
Anzeige

Tottenham, Manchester United, Paris Saint-Germain: 2020 gaben sich ein paar der Großen des europäischen Fußballs in der Red-Bull-Arena die Klinke in die Hand. Denn RB Leipzig feierte ungeahnte Erfolge in der Champions League, ist zum Ende des Jahres auch in der Bundesliga wieder oben dabei. Einen ganz dicken Wermutstropfen gibt es in der Rückschau dennoch.

Leipzig. Seit dem 2013 in Lotte errungenen Drittliga-Aufstieg gibt es für die Fußball-Gipfelstürmer von RB Leipzig fast nur eine Richtung: Es geht bergauf. Nicht wenige Fußball-Experten hierzulande warten darauf, dass der mit elfeinhalb Jahren noch immer sehr junge Verein auch mal eine (vorübergehende) Talfahrt erlebt. Doch nicht nur Trainer-Legende Hans Meyer hielt vor wenigen Tagen im „Sport1-Doppelpass“ dagegen: „Der Einbruch kommt wohl nicht – RB wirkt sehr gefestigt.“

Anzeige

Kollektive Ekstase gegen Tottenham

Im Jahr 2020 fügten die Roten Bullen ihrer Erfolgsgeschichte ein weiteres Kapitel hinzu. In seiner vierten Bundesliga-Saison qualifizierte sich RB zum vierten Mal für den Europapokal – und zum dritten Mal für die Champions League, in der im August sogar sensationell der Sprung unter die besten Vier gelang. Egal, ob Ralph Hasenhüttl, Ralf Rangnick oder nun Julian Nagelsmann an der Linie das Sagen haben: Fast immer schaffte die RB-Elf in der Liga annähernd einen Zwei-Punkte-Schnitt. Auch der Wechsel auf dem Sportdirektoren-Posten von Ralf Rangnick zu Markus Krösche brachte die Sachsen nicht aus der Erfolgsspur.

DURCHKLICKEN: RB Leipzig in der Champions League

13.09.2017: Endlich ist es soweit. RB Leipzig gibt gegen den AS Monaco sein Debüt in der Champions League und schlägt sich am historischen ersten Abend wacker. Zur Galerie
13.09.2017: Endlich ist es soweit. RB Leipzig gibt gegen den AS Monaco sein Debüt in der Champions League und schlägt sich am historischen ersten Abend wacker. ©

Am 10. März 2020 schrieben die Roten Bullen gleich im doppelten Sinne Geschichte. Mit dem 3:0 im Rückspiel gegen Tottenham Hotspur marschierte die Elf von Julian Nagelsmann zum ersten Mal ins Viertelfinale der Champions League ein. Unter den rund 42.000 Fans herrschte beste Stimmung – es war deutschlandweit das letzte Spiel vor größerem Publikum, ehe Corona fast alles stoppte. Im Nachgang sahen Pandemie-Experten die Öffnung des Stadions für so viele Zuschauer sehr kritisch. Doch der Verein entgegnete, dass eine Genehmigung des Gesundheitsamtes vorgelegen hat. Sicher waren einige Urlaubsrückkehrer aus Ischgl und Co. unter den Zuschauern, ein Corona-Hotspot ließ sich in der Red-Bull-Arena aber nicht ausmachen.

Herbe Niederlagen

Die Elf um Peter Gulácsi setzte im Sommer noch eins drauf. Erstmals wurde die Champions League in einem Finalturnier mit nur einer Partie pro Runde entschieden. RB nutzte in Lissabon die Gunst der Stunde, um mit einem 2:1 gegen Atlético Madrid sogar ins Halbfinale einzuziehen. Da war der am 1. Juli zum FC Chelsea gewechselte Timo Werner schon nicht mehr dabei.

Anzeige

Die 0:3-Niederlage im Semifinale gegen Thomas Tuchels Paris Saint-Germain holte die Bullen wieder auf den Boden der Realität. Eine noch derbere Klatsche gab es in der neuen CL-Gruppenphase im November beim 0:5 im Old Trafford gegen Manchester United. Doch diese Rückschläge waren Ausnahmen, sie führten zu einer Jetzt-erst-Recht-Stimmung und sorgten dafür, dass die Sinne im Bullenstall wieder fürs Wesentliche geschärft wurden. RB musste im Dezember die letzten beiden Gruppenspiele gewinnen und ging mit diesem Druck hervorragend um. Mit der 3:2-Revanche gegen ManUnited schickte RB die Engländer noch in die weit weniger geliebte Europa League. RB steht erneut im Achtelfinale und darf sich nun sogar mit dem amtierenden Meister von der Insel messen. Am 16. Februar kommen Jürgen Klopp und der FC Liverpool nach Leipzig.

Erfolge für die RB-Fans besonders bitter

In der Bundesliga lief die erste Nagelsmann-Saison in Leipzig anfangs wie geschmiert. Im Januar wurde der Hinrunden-Vorsprung von vier Zählern auf die Bayern aber in nur drei Partien aus der Hand gegeben. Nach dem ersten Lockdown, als ohne Fans weitergespielt wurde, wäre die Vizemeisterschaft noch locker drin gewesen. Dass es „nur“ Rang drei wurde, lag an der plötzlich auftretenden Heimschwäche vor Geisterkulisse. Nun hatte selbst ein mit 28 Bundesliga-Saisontoren überragender Goalgetter Timo Werner mal für einige Zeit Ladehemmung. Im Mai und Juni wollte gegen Freiburg, Hertha, Paderborn, Düsseldorf und Dortmund kein Heimsieg mehr gelingen. Doch das ist Schnee von gestern. In der aktuellen Saison führt RB die Heimtabelle an – sogar mit fast makelloser Bilanz.

So sportlich herausragend das Jahr für die RB-Profis lief, so bitter gestaltete es sich für ihre Fans. Denn Zuschauer waren aufgrund der Corona-Pandemie größtenteils gar nicht und zwischenzeitlich nur in geringer Zahl zugelassen. „Alle wären lieber auf den Rängen und würden die Jungs gerne lautstark vor Ort unterstützen", sagt Sebastian Horn, Vorsitzender des RB-Fanverbands. Besonders bitter: Noch nie waren so viele hochkarätige Gegner aus Europas Ligen innerhalb eines Jahres zu Gast in der Red-Bull-Arena. Da tut das Verweilen vor dem heimischen Fernseher noch einmal extra weh. Und obwohl sich die Anhänger laut Horn über das Hammerlos Liverpool in der Königsklasse freuen, überwiegt die große Enttäuschung darüber, die Stars um Mohammed Salah und Sadio Mané nicht live erleben zu können.

Mit: Elena Boshkovska

Anzeige: Erlebe die gesamte Bundesliga mit WOW und DAZN zum Vorteilspreis