18. Januar 2021 / 16:36 Uhr

Sportmediziner kritisiert: Wolfsburgs Pongracic "hätte nie spielen dürfen"

Sportmediziner kritisiert: Wolfsburgs Pongracic "hätte nie spielen dürfen"

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Sportmediziner Professor Dr. Wilhelm Bloch kritisiert den Einsatz von Marin Pongracic (r.) im VfL-Spiel bei Union Berlin.
Sportmediziner Professor Dr. Wilhelm Bloch kritisiert den Einsatz von Marin Pongracic (r.) im VfL-Spiel bei Union Berlin. © dpa / DSHS Köln
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Dass Marin Pongracic im Spiel des VfL Wolfsburg bei Union Berlin zum Einsatz kam, ist von Sportmedizinern stark kritisiert worden. In der anschließenden Partie gegen RB Leipzig fehlte der Kroate. VfL-Trainer Oliver Glasner betont: "Wir checken unsere Jungs sehr genau durch."

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Sportmediziner Professor Dr. Wilhelm Bloch, der sich an der Sporthochschule Köln mit Corona-Langzeitfolgen befasst, hat starke Kritik am VfL Wolfsburg geübt. Der Einsatz des von einer Corona-Infektionen genesenen Marin Pongracic im Spiel bei Union Berlin sei unverantwortlich gewesen, so Bloch gegenüber dem Deutschlandfunk: Der Verteidiger "hätte nie spielen dürfen". Pongracic hatte im vergangenen Jahr Pfeiffersches Drüsenfieber und einen Covid-Infekt überstanden, bekam bei seinem Einsatz in Berlin nach Aussagen seines Trainers Oliver Glasner schlecht Luft. In Sachen Kondition und Konzentration sichtbar beeinträchtigt, wurde der Verteidiger nach 45 Minuten ausgewechselt.

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Pongracic war auch in der englischen Woche vor Weihnachten zu Einsätzen gekommen und hatte dann beim ersten Spiel des Jahres in Dortmund in der zweiten Halbzeit entkräftet gewirkt. "Wir hatten Not am Mann, er musste drei Spiele in einer Woche machen. Er konnte sich keine körperliche Fitness aneignen", erklärte damals Trainer Glasner, stellte den Kroaten aber dennoch für das Spiel bei Union auf - weil dieser in den Trainingstagen zuvor keinerlei Anzeichen für eine Beeinträchtigung gezeigt habe. „Das kann man nicht machen", so Bloch. "Das entspricht nicht den Richtlinien, wie man mit einer Corona-Infektion umgeht. Ein Sportler, der nicht fit ist und noch Symptome zeigt, den kann man nicht in einen Wettkampfbetrieb mit reinnehmen. Da müsste man auch den Trainingsbetrieb im Prinzip noch aussetzen. Also da gibt es gar keine Frage. Der darf nicht in der Startelf stehen.“

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Koen Casteels: Da, wenn er gebraucht wurde – wie etwa bei der Kopfball-Chance von Upamecano, machtlos bei den Gegentoren. - Note: 3. ©

In der Woche nach dem Union-Spiel wurde Pongracic in Wolfsburg "von den Zehennägeln bis zu den Haarspitzen" (Glasner) durchgecheckt, gehörte dann beim 2:2 gegen Leipzig nicht zum Kader, sondern absolvierte stattdessen Trainingseinheiten. Man wolle, so Glasner, "dem Spieler einen guten physischen Reiz zu geben, damit er noch schneller zu alter Stärke zurückkommt. Wir haben ja eine englische Woche vor uns." Im DLF äußerte sich auch Professor Dr. Martin Halle, Spezialist für präventive und rehabilitative Sportmedizin an der TU München: „Wer Luftnot unter Belastung hat, der hat irgendwas, was auch immer. Das kann ja auch eine Herzmuskelentzündung sein."

Eine solche Herzmuskelentzündung war im November beim Wolfsburger Eishockey-Profi Janik Möser festgestellt worden, Mediziner gehen davon aus, dass es sich um die Folge einer Corona-Infektion handelt. Die Deutsche Eishockey-Liga erstellte daraufhin Verfahrensregeln für die Rückkehr nach Corona-Infektionen, an deren Erstellung auch Sportmediziner Bloch beteiligt war. Nach diesen Regeln, so Bloch, hätte Pongracic "nie spielen dürfen“.


In medizinischen Fragen zum Thema Corona steht der VfL unter anderem in einem engen Austausch mit Nationalmannschafts-Arzt Tim Meyer. Der Leiter der "Task Force Sportmedizin" sagte dem Sender: „Es sind sehr viele einzelne Aspekte zu berücksichtigen, die einen Spieler betreffen und den Verlauf in den letzten Wochen. Ich glaube die Vorgaben sind schon sehr ordentlich. Und in der Praxis, das kann ich wirklich sagen – ohne auf Einzelfälle einzugehen – sind die Kollegen in den Vereinen extrem gründlich unterwegs.“

Am Dienstag spielt der VfL bei Mainz 05, ob Marin Pongracic im Kader steht, ließ Glasner am Montagnachmittag noch offen. "Wir warten noch die letzten Werte ab", so der Trainer, "dann werde ich eine Entscheidung treffen. Aber aus physischer Sicht spricht nichts dagegen." Generell habe man sich beim VfL "in Absprache mit den Ärzten des DFB eine Vorgehensweise zurechtgelegt, die die Rückführung eines an Covid erkrankten Spielers betrifft. Aber wir müssen es natürlich auch immer individuell betrachten."

Die Tests, die ein Spieler nach einer Infektion durchlaufen müsse, seien "relativ umfangreich, wir checken unsere Jungs sehr genau durch, wenn sie aus der Quarantäne entlassen werden. Wir nehmen unsere Fürsorgepflicht sehr genau", so Glasner. "Wir beginnen dann mit einer geringen Intensität und beobachten die Werte. Wenn die im Einklang sind, steigern wir die Belastung nach und nach." Aber eben nur, so weit es geht, wie das Beispiel Jerome Roussillon zeigt. Der Linksverteidiger ist nach überstandener Covid-Infektion noch nicht wieder einsatzfähig - weil er kein grünes Licht aus der medizinischen Abteilung bekommen hat. Glasner: "Jerome hat nur die Erlaubnis für Training im niedrig-intensivem Bereich. Er wird nochmals durchgecheckt."