21. Oktober 2021 / 18:11 Uhr

Sportpolitisches Forum diskutiert in Leipzig: "Was können wir vom Fußball erwarten?"

Sportpolitisches Forum diskutiert in Leipzig: "Was können wir vom Fußball erwarten?"

Johannes David
Leipziger Volkszeitung
Per Livestream in alle Welt gesendet: Das Sportpolitische Forum mit Martin Jähnert, Anton Kämpf, Hans Jerke, Kassem Taher Saleh und Jan Rosenthal (im HIntergrund, v.l.) auf dem Podium.
Per Livestream in alle Welt gesendet: Das Sportpolitische Forum mit Martin Jähnert, Anton Kämpf, Hans Jerke, Kassem Taher Saleh und Jan Rosenthal (im HIntergrund, v.l.) auf dem Podium. © André Kempner
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"Politik raus aus den Stadien" fordern die Einen. "Fußball hat eine gesellschaftspolitische Verantwortung" sagen die Anderen. Vertreter letzterer Meinung luden in Leipzig zum Sportpolitischen Forum und versuchten, den Finger in die Wunde zu legen. Dabei wurde deutlich: Zwischen großen Themen wie Diskriminierung oder Haltung, Profis und Amateuren verschwimmen die Ebenen schnell.

Leipzig. Große Themen zur Premiere: Rassismus, Diskriminierung, Verantwortung, Haltung und noch einige mehr. Fünf Herren suchten in den Untiefen des Raumes beim Sportpolitischen Forum nach Antworten auf die Gretchenfrage „Was können wir vom Fußball erwarten?“. Ex-Bundesliga-Kicker Jan Rosenthal, Hans Jerke (Vorstands-Assistent bei Chemie Leipzig), Grünen-Bundestagsabgeordneter Kassem Taher Saleh und Journalist Anton Kämpf diskutierten am Mittwochabend, wie die Fußballwelt zu verbessern sei. Moderator Martin Jähnert hielt den Laden zusammen und entschuldigte sich vorauseilend für die krankheitsbedingte Abwesenheit weiblicher Gäste auf dem Podium in Plagwitz.

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Haltung und Charaktere fehlen – Vereine in der Pflicht?

Warum es schon an den Grundlagen fehlt, erklärte der 200-fache Bundesligaspieler Rosenthal und berichtete vom „komplett fremdbestimmten“ Leben am Nachwuchsleistungszentrum (NLZ). „Du gibst alles drumherum für den Sport auf, machst dir gar keine Gedanken, was sonst noch so passiert. Natürlich stößt du dann keine kontroversen politischen Diskussionen an.“ Dazu käme, dass die Vereine wahnsinnige Angst davor hätten, wenn ihre Spieler schwierige Themen in die Öffentlichkeit tragen würden. Kämpf, der unter anderem auch als freier Autor für den SPORTBUZZER arbeitet, monierte, dass Miteinander und Respekt in den NLZ auf Kosten des Leistungsgedankens auf der Strecke blieben. „Da ist es schwierig, einen gefestigten Charakter zu entwickeln.“

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Was also können Vereine tun, welche Verantwortung kommt ihnen zu? „Scheinbar jede, aber in unterschiedlichem Maße“, befand Jerke. „Wir können zum Beispiel die Werte des Sports an Kids vermitteln.“ Rosenthal meinte, dass Spieler von Vereinen angeleitet werden sollten, wenn es um die Entwicklung der Persönlichkeit ginge. Taher Saleh erwartet derweil, „dass Sportler durch ihre Reichweite politisch Stellung beziehen. Da fehlt mir vor allem im europäischen Profifußball die ganz klare Haltung.“

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Rassismus – „NOFV spielt eine schlechte Rolle“

Bei einem anderen Thema stehen dagegen alle in der Verantwortung. „Es ist viel passiert im Kampf gegen Rassismus, etwa in den Kurven der Stadien. Aber im Moment stagniert es aus meiner Sicht“, so Kämpf. Vereine und Verbände müssten sich ihrer Verantwortung bewusst sein.

Wie schwer die wiegt, hat gerade Chemie Leipzig zu spüren bekommen, als Spieler und Trainer von Fans des BFC Dynamo rassistisch beleidigt wurden. „Da spielt der NOFV (Nordostdeutscher Fußballverband) eine schlechte Rolle, hätte die Chancen nutzen können, um klare Kante zu zeigen. Das ist nicht passiert. Da sollte er vom DFB mehr in die Pflicht genommen werden.“

Taher Saleh blickte über den fußballerischen Tellerrand. Rechte Gruppierungen sammelten über Kampfsportvereine den Nachwuchs ein, um ihre Ideologien unter Kindern und Jugendlichen zu verbreiten. Auch deswegen müssten Vereine Vielfalt und Diversität vorleben. „Machtpositionen sollten vielfältiger aufgestellt sein, mehr Frauen, mehr Menschen mit Migrationshintergrund.“ Diese könnten entsprechend gecoacht und ausgebildet werden.

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RB Leipzig und der Vergleich mit Traditionsvereinen

Losgelöst vom eigentlichen Thema durfte auch RB Leipzig nicht fehlen. Rosenthal bemühte einen historischen Vergleich. „Viele Traditionsvereine haben in den 70er und 80er Jahren dasselbe gemacht mit einem Mäzen. Auch heute arbeiten alle mit großen Sponsoren, aber viele machen es einfach scheiße. Da sind keine Strukturen zu erkennen, das ist bei RB anders.“

Jerke ordnete die Beziehung zu den Rasenballern aus Chemiker-Sicht ein. „Viele unserer Fans verachten RB. Wir haben sportlich und wirtschaftlich nicht viele Berührungspunkte, auch wenn fünf unserer Spieler bei RB ausgebildet wurden. Aber wir profitieren insofern von RB, dass sie uns den sportlichen Druck genommen haben und wir in Ruhe arbeiten können.“ Auch ein Eingeständnis der Tatsache, wem die große Fußballbühne der Stadt (mittelfristig) gehört.

Zwei weitere Sportpolitische Foren finden am 24. November und 15. Dezember statt. Organisiert wird die Veranstaltungsreihe von der in Leipzig gegründeten Initiative Amateur Sports Against Profits (ASAP).