19. November 2020 / 15:00 Uhr

Sportpsychologe Kossak rät Borussia Dortmund: Youssoufa Moukoko nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken

Sportpsychologe Kossak rät Borussia Dortmund: Youssoufa Moukoko nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken

Stefan Döring
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Sportpsychologe Tom Kossak (rechts) blickt auf das mögliche Bundesliga-Debüt von BVB-Talent Youssoufa Moukoko.
Sportpsychologe Tom Kossak (rechts) blickt auf das mögliche Bundesliga-Debüt von BVB-Talent Youssoufa Moukoko. © imago images/Team 2/Montage
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Der Sportpsychologe Tom Kossak spricht im SPORTBUZZER-Interview darüber, wie Jugendspieler mental an die Belastungen in der Bundesliga herangeführt werden. Youssoufa Moukoko, der am Samstag der jüngste Spieler der Bundesliga-Geschichte werden könnte, sieht er gut vorbereitet.

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Youssoufa Moukoko könnte am kommenden Samstag Bundesliga-Geschichte schreiben. Das dann 16 Jahre alte Top-Talent von Borussia Dortmund wäre bei einem Einsatz im Spiel bei Hertha BSC der jüngste Debütant der Liga-Geschichte. Doch wie gehen junge Spieler eigentlich mental mit dieser Belastung und dem Druck, der plötzlich auf ihnen lastet, um? Tom Kossak beschäftigt sich seit Jahren mit diesem Thema. Der Sportpsychologe war einige Jahre im Nachwuchsleistungszentrum des FC Augsburg angestellt und begleitete dort unter anderem Simon Asta, der beim FCA mit 17 Jahren, drei Monaten und 17 Tagen sein Debüt in der Bundesliga gab. Heute betreut Kossak als selbstständiger Sportpsychologe Jugendspieler verschiedener Mannschaften in München. Im SPORTBUZZER-Interview spricht er über mentale Vorbereitung auf die Bundesliga und Moukoko.

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SPORTBUZZER: Herr Kossak, wie werden junge Spieler auf den Sprung in den Profibereich mental vorbereitet?

Tom Kossak: Seit einigen Jahren ist es in den Nachwuchsleistungszentren verpflichtend, dass Sportpsychologen angestellt sind. Dadurch wird früh mit Jugendspielern daran gearbeitet, wie man mit Druck umgeht. Der Sprung in den Profibereich ist erst einmal groß, aber die jungen Spieler haben in ihrer Laufbahn bereits viele Spiele gehabt, in denen sie Druck verspürt haben. In Augsburg haben wir die ganz jungen Spieler in Kleingruppen an das Thema herangeführt. Wir haben denen zum Beispiel Entspannungsübungen und Routinen gezeigt. Je älter die Sportler werden, desto mehr individuelle Gespräche führt man mit den Spielern. So gewöhnen sich die Spieler daran, Fokus unter Druck aufzubauen.

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Gehen junge Spieler darauf ein?

Die Sportpsychologie hat sich inzwischen etabliert – auch wenn wir noch nicht da sind, wo wir gern wären. Aber junge Sportler wachsen inzwischen mit Sportpsychologen auf. Das war vor fünf bis zehn Jahren noch anders. Aber es nehmen nicht alle an. Etwa ein Drittel der Spieler nimmt es aktiv an, ein Drittel nimmt es wahr, wenn es angeboten wird und ein Drittel interessiert sich nicht dafür. Oft denken viele Sportler noch, dass sie erst ein Problem brauchen. Ich will aber die Leistung mit meiner Arbeit steigern – und im Vorhinein helfen.

Ehemalige Spieler – wie beispielsweise Lennart Hartmann – sagen, dass ihnen früher die psychologische Betreuung gefehlt hätte. Gibt es diese inzwischen auch deshalb?

Der große Wendepunkt kam durch den Suizid von Robert Enke. Das Thema psychische Erkrankungen wurde vom DFB verfolgt und ernstgenommen. Die meisten Sportler sind mental überragend stark und können mit Druck umgehen. Für viele ist es aber sehr wichtig und zielführend, mit einem Sportpsychologen die mentale Stärke erarbeiten zu können.

Muss man als Psychologe und als Verein speziell mit Spielern arbeiten, auf denen auch der mediale Fokus liegt – wie etwa auf Youssoufa Moukoko der mit 16 Jahren sein Bundesliga-Debüt feiern könnte?

Das kann man pauschal nicht sagen. Der Spieler kann beim Bundesliga-Debüt das tun, worauf er sehr lange hinarbeitet. Auf Moukoko lastet seit vielen Jahren viel Aufmerksamkeit. Bei ihm kommt es darauf an, wie er damit umgeht. Dem Spieler wird sicherlich von allen Seiten Unterstützung angeboten. Mitunter kann es sogar hilfreich sein, wenn er nicht so viel Aufmerksamkeit bekommt und er im Verein „normal“ behandelt wird – also kein spezieller Fokus auf ihn gelegt wird.

Das Alter für das Bundesliga-Debüt wurde in dieser Saison auf 16 Jahre herabgesetzt. Sind die jungen Spieler überhaupt schon mental in der Lage, in der Bundesliga zu spielen?

Ob ein Spieler mental dazu in der Lage ist, müssen der Spieler selbst und die Verantwortlichen vor Ort einschätzen, weil nur sie wissen, ob es einen Spieler beflügelt oder hemmt. Der Fokus muss auf dem Fußball liegen, nicht auf den Handlungen neben dem Platz und den Folgen. Das sind die Dinge, die wir den Sportlern versuchen beizubringen. Bei Moukoko kann man sagen, dass er in den letzten Jahren bereits gezeigt hat stabile Leistungen abrufen, selbst wenn er unter starker Beobachtung steht.

Wie sind junge Fußballer, die Sie betreut haben, mit dem Sprung in den Profibereich umgegangen?

Vor einem Spiel sollte ein Spieler sich Gedanken darum machen, was auf einen zukommen kann. Die Vereine erwarten selten, dass die Spieler direkt im ersten Spiel Topleistungen bringen. Sie wollen die Talente belohnen und kommen meistens im Laufe des Spiels zum Einsatz – und meist auch nicht direkt in wichtigen Spielen. Spieler müssen langsam herangeführt werden. Deshalb werden Spieler oft in die 2. oder 3. Liga verliehen, um sich dort an die Umstände zu gewöhnen. Bei Spielern, die vor ihrem Debüt stehen, steigt natürlich die Nervosität. Dann machen sie aber das, was sie immer getan haben: Fußball spielen. Damit fallen die Erwartungen und Befürchtungen ab und sie sind total happy, dass sie vor den Zuschauern im Profibereich spielen durften.

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Ist es für Spieler wie Moukoko von Vorteil, dass derzeit keine Zuschauer zugelassen sind in der Bundesliga?

Das kann von Vorteil sein, weil die Live-Emotionen wegfallen. Man kann sich so in Ruhe daran gewöhnen, gegen andere Bundesliga-Spieler zu spielen. Oft haben die jungen Talente aber bis dahin schon oft mit den Profis trainiert und dadurch sind Berührungsängste mit Profis abgebaut. Durch die Geisterspiele können sich die jungen Spieler aber in Ruhe an die Bundesliga gewöhnen – idealerweise können sie dann aber auch bald vor Zuschauern spielen. Das ist der Kick, den sich jeder Spieler wünscht.

Beeinflusst die Corona-Pandemie auch die Profi-Sportler?

Der Profifußball ist gut aufgestellt – im Gegensatz zu anderen Sportarten. Im Eishockey zum Beispiel ist die Saison noch nicht gestartet. Die Nachwuchsteams im Fußball betrifft es aber. Die Ziellosigkeit ist ein Thema, weil viele Spieler nicht wissen, worauf sie hintrainieren sollen. Da hängen Dinge dran, wie der Sprung in die nächste Altersklasse oder die Möglichkeit, sich zu zeigen.