19. Februar 2020 / 10:16 Uhr

"Wollte immer Fußballerin werden": Sportschützin Jolyn Beer auf dem Weg nach Tokio

"Wollte immer Fußballerin werden": Sportschützin Jolyn Beer auf dem Weg nach Tokio

Mirko Haendel
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Bei den Europaspielen 2019 in Minsk wird Jolyn Beer zwei Mal achte.
Bei den Europaspielen 2019 in Minsk wird Jolyn Beer zwei Mal achte. © imago images / GEPA pictures
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Vizeweltmeisterin Jolyn Beer kommt eigentlich aus Lochtum bei Goslar, trainiert allerdings seit fast zehn Jahren im Schießsport-Bundesleistungszentrum in Hannover-Wülfel. Im Interview spricht sie über einen sehr monotonen Sport, der allerdings viel Mut und mentale Stärke erfordert.

Jolyn Beer, Sie kommen aus Lochtum bei Goslar. Laut Homepage ist das kleine Dorf bekannt für seine vielen erfolgreichen Sportvereine. Sie hatten also die Wahl und haben sich für das Sportschießen entschieden. Warum?

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Unser Schützenverein ist relativ groß und sehr lebendig. Zudem ist meine Mutter dort seit langem Schriftführerin. Ich habe das beim Schützenfest einfach ausprobiert und bin auf Anhieb Kinderkönigin geworden. Daraufhin haben mich die Trainer Marion und Michael Böhm in den Verein geholt. Ich wurde schnell besser, und mit dem Erfolg wächst der Spaß. Aber ich habe natürlich nicht gesagt: „Ich will Profischützin werden.“ Ich wollte immer Fußballerin werden.

Ihre zweite sportliche Leidenschaft?

Genau. Ich habe bis zur C-Jugend zusammen mit den Jungs bei der FG Vienenburg gespielt, war später sogar in der Kreisauswahl und kicke immer noch regelmäßig in der Kreisliga beim SV Neiletal bei Lutter. Allerdings habe ich mir eine Auszeit genommen, weil mir das Risiko einer Verletzung während der Olympiaquali zu groß ist.

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Sie trainieren mittlerweile täglich im Bundesleistungszentrum in Wülfel. Hannover kennen Sie aber schon deutlich länger.

Ich war schon mit 14 Jahren regelmäßig zum Landeskadertraining in Hannover. 2012 habe ich dann bei VW in Stöcken eine Ausbildung zur Mechatronikerin Automatisierungstechnik begonnen und bin hierhergezogen.


Sie schießen jetzt über 15 Jahre lang. Was macht den Sport für Sie immer noch interessant?

Wenn man ein Wettkampftyp ist, dann hat man immer den Anspruch, noch besser zu werden. Natürlich kann der Sport auch sehr monoton sein, wenn man mehrere Stunden am Stück trainiert und sich dabei kaum bewegt. Aber es ist eben die Kunst, sich Reize zu schaffen, diese Monotonie zu unterbrechen.

Natürlich kann der Sport auch sehr monoton sein, wenn man mehrere Stunden am Stück trainiert und sich dabei kaum bewegt.

Wie macht man das?

Man kann sich Hobbys suchen. Ich spiele Fußball und habe einen Hund. Oder man nimmt sich eine Auszeit von zwei, drei Wochen. Das tut gut, weil beim Schießen das Mentale eine sehr große Rolle spielt.

Sie selbst haben einmal gesagt, „auszusehen wie die Ruhe in Person, in Wahrheit aber einen Puls von 1000 zu haben“, sei das Faszinierende am Schießsport. Wie wichtig ist das Pokerface?

Während eines Wettkampfs zu viele Emotionen zu zeigen, ist nicht gut. Emotionen machen ja etwas mit mir selbst. Manchmal muss man sich eben Ruhe vorgaukeln, um selbst daran zu glauben und bei Nervosität das Gewehr ruhig zu kriegen. Einen Psychokrieg mit Konkurrenten anzufangen ist nicht hilfreich. Gerade auf nationaler Ebene sind es ja immer dieselben Personen, die man auf Wettkämpfen trifft oder mit denen man im Nationalteam zusammen ist. Schießen ist zwar eine Einzelsportart, aber ein guter Teamspirit ist von Vorteil.

Bilder unserer Serie "Anfängerglück": Dieses Mal Christoph Hage beim Sportschießen.

Eric Rehwinkel (links) erklärt Redakteur Christoph Hage, was er gleich zu tun hat. Zur Galerie
Eric Rehwinkel (links) erklärt Redakteur Christoph Hage, was er gleich zu tun hat. ©

Ihr Trainer Christian Pinno sagt, Sie hätten den Mut, über die eigenen Grenzen zu gehen. Wofür benötigt man beim Schießen Mut?

Wenn ich mich im Training weiter schinde, wenn die anderen schon längst aufgehört haben, gehe ich über meine Grenzen, und das kann körperlich wie mental schmerzen. Ich darf auch keine Angst vor einem schlechten Schuss haben. In Drucksituationen fühlt sich der Abzug an wie 100 Kilo. Dann kommt es darauf an, den Grips unter Kontrolle zu bringen.

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Sie bereiten sich auf die Qualifikation für Olympia 2020 vor. Wie sieht bei Ihnen ein normaler Tag aus?

Ich stehe morgens um 7 Uhr auf, gehe mit dem Hund Gassi. Ab etwa 9 Uhr bin ich im Leistungszentrum. Dann ist bis etwa 16 Uhr stumpf Schießen angesagt. Je nach Trainingsplan folgt dann Rücken- und Stabilisierungstraining. Zu Hause habe ich ein kleines Fitnessstudio. Ich bin aber ganz froh, mir eine Sportart ausgesucht zu haben, bei der ich mich nicht stundenlang im Studio quälen muss. (lacht)

Wie läuft die Olympiaqualifikation?

Sie hat noch gar nicht begonnen. (lacht) Der Modus ist allerdings auch sehr kompliziert. Zusammenfassend kann man sagen: Ich bin eine von vier Schützinnen, die im Topteam Tokio des Deutschen Schützenbundes sind, und – Stand jetzt – kann nur eine nach Tokio fahren. Wie viele Startplätze wir am Ende aber wirklich haben, entscheidet sich bis Mitte Juni. Es kommen bei diesem Quotensystem so viele Faktoren zusammen, dass es frustrierend sein kann. Anstatt einfach die Weltrangliste heranzuziehen, kann schon eine schlechte Leistung das Aus bedeuten.